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Kirchners "Ring" bietet bis zu seinem Ende unbeschwerte Kunstfreuden

Ein Weltuntergang zum genießen

Der "Ring" hat ausgedient, zumindest was die Inszenierung Alfred Kirchners von 1992 betrifft, die zum letzten Mal auf dem Bayreuther Festspielplan steht. Der Abschiedsschmerz hält sich freilich in Grenzen. Was Kirchner als heiter-harmloses Märchen aus dem Reich der Fabelwesen erzählt, bleibt bestenfalls durch die extravaganten Bühnenbilder und Kostüme Rosalies in Erinnerung – wobei vieles bereits mit dem Schlußvorhang aus dem Gedächtnis schwindet. Harry Kupfers Inszenierung von 1988 jedenfalls ist in vielen Bildern noch heute weitaus präsenter als die Nachfolgerin, die doch gerade eben noch über die Bühne ging.

Das Duo Kirchner / Rosalie hat ihr Konzept sicher als Gegenentwurf zu Kupfers hochpolitischem Entwurf verstanden und sich auf den Mythos selbst zurückgezogen, den allerdings in postmodernes Gewand gekleidet. Das Bühnenpersonal erscheint in abstrakten, gelegentlich an Insekten erinnernden Kostümen, und oft tragen sie ihre Kleider wie unförmige fragile Gestelle mit sich herum oder sind hinter dicken Panzern verborgen. Individuelle Züge gesteht ihnen Kirchner kaum zu, vielmehr zeigt er Archetypen, distanzierte Handlungsträger, die sich als Projektionsflächen großer Gefühle nur wenig eignen. Allein die Sieglinde darf, wohl als Folge des Inzests, geradezu menschlich leiden, was Tina Kirberg denn auch ansehnlich gelingt. Ansonsten sind Abstufungen möglich; Siegfried benimmt sich wie ein verzogenes Kind (eine ausgefeilte Charakterstudie wird man Wolfgang Schmidts Spiel aber nicht nennen wollen), und John Tomlinson ist als wandernder Gott a.D. im "Siegfried" deutlich diesseitiger denn als amtierender Göttervorsitzender an den Abenden zuvor. Solche Feinheiten sind nicht unintelligent, übermäßig aufregend sind sie aber auch nicht.

Im fünften Jahr ihres Bühnendaseins bekommt eine solche Inszenierung natürlich eine gewisse Eigendynamik. Was einst frech war, erscheint nun abgemildert; Gewöhnungseffekte treten da merkwürdigerweise auch bei denen auf, die Kirchners "Ring" zum ersten Mal sehen. Natürlich gab es "Buhs" für die Regie, aber das gehört zu einem "Ring" dazu – vier Abende auf engstem Raum zwischen wildfremden Menschen eingekeilt, das erfordert Möglichkeiten des Abreagierens. Provokativ ist die Regie beim besten Willen nicht, da sich hinter der totschicken Verpackung ein ganz braver und konservativer Ansatz verbirgt. Wirkliche Reibungspunkte sind da schwer auszumachen. Der Feuerzauber am Schluß der "Walküre" hat mit seinen orange blinkenden Lampen den Charme einer ordnungsgemäß abgesicherten Baustelle, und Mimes Schmiede im "Siegfried" ist eine schon erschreckend geheimnislose Puppenstube, aber das ist mehr schlecht gemacht als bös' gedacht. Schwerer wiegt das Fehlen einer tragfähigen gedanklichen Konstruktion; nur Märchen ohne jeden Zeitbezug ist auf die Dauer wenig. 16 Stunden sind eine lange Zeit, selbst wenn die Musik von Wagner stammt. So ist das beste, was man über diese Inszenierung sagen kann: Sie bebildert zumindest streckenweise in angemessener Weise die Musik.

Die Musik hat es denn auch in sich. Gegenüber den vergangenen Jahren hat die Aufführung erstaunlich an Profil gewonnen. Vielleicht hat das Bewußtsein, zum letzten mal in dieser Konstellation zusammenzuarbeiten, zusätzliche Reserven freigesetzt, jedenfalls wurde über weite Strecken auf atemberaubendem Niveau musiziert. James Levine ließ sich die Zeit, jede noch so kleine Wendung liebevoll auszumusizieren; das fördert nicht unbedingt den dramatischen Fluß, aber es ist oft unfaßbar schön. Die klanglichen Möglichkeiten von Festspielhaus und -orchester hat in den letzten Jahren kein Dirigent auch nur annähernd so gut ausgeschöpft wie Levine. Die Inszenierung hatte vom ersten Jahr an den Kosenamen "Designer-Ring" weg – "Levine-Ring" wäre weniger originell, aber treffender. Es war ein Triumph des Dirigenten.

Auf der anderen Seite stand eine exzellente Sängerbesetzung. John Tomlinson ist (trotz mancher Brüche in der Stimme) als Wotan in den vergangenen Jahrzehnt wohl der Wagner-Sänger schlechthin gewesen, zumindest was seine Bühnenpräsenz betrifft; Kupfers "Ring" war ganz auf ihn zugeschnitten (und umgekehrt von ihm stark geprägt). An Sicherheit hat Tomlinson noch gewonnen, was besonders der heiklen "Wanderer"-Partie im Siegfried zugute kommt, die in diesem Jahr so etwas wie Altersweisheit dazu gewonnen hat. Mit seiner Art zu singen vermag es Tomlinson beinahe gegen die Regie, zur tragischen Identifikationsfigur zu werden.
Deborah Polaski hat ihren ungemein klangvollen Sopran inzwischen auch in der Höhe unter Kontrolle, wo in vergangenen Jahren ein ausladendes Vibrato unangenehm auffiel. Vom anrührenden Pianissimo bis zum hochdramatischen Ausbruch beherrscht die Sängerin die Rolle perfekt - viel besser kann man die Brünnhilde nicht singen. Mit Wolfgang Schmidt steht endlich einmal ein Siegfried mit vokalem Durchsetzungsvermögen auf der Bühne. Technische Defizite nötigen ihn leider häufig zum Forcieren, und der Stimme fehlt der "Unterbau" – laut und strahlend ist sie, aber es fehlt mitunter an Wärme. Aber wo seine Kollegen der Rolle üblicherweise stimmlichen Tribut zahlen müssen, besitzt Schmidt immer noch Reserven (mit denen er jedoch sorgsam haushalten sollte). Aus dem durchweg exzellent besetzten Ensemble ragte Eric Halvarsson als agiler Hagen heraus.

So ließ sich der "Ring" auf musikalisch höchstem Festspielniveau unbeschwert goutieren, ohne daß der Genuß durch häßliche à la Kupfer gestört wurde: Ein viergängiges Menu mit Weltuntergang als kulinarische Krönung. Vielleicht ist das ja das unserer Epoche angemessene Bild. Daß der Komponist einst auf die Barrikaden ging scheint undenkbar; besser paßt die Vorstellung vom wohlhabenden Rentier, der, Besitzer einer Villa am Hofgarten, sich auf's beschauliche Bayreuther Altenteil zurückgezogen hat. Den Musikern ist's zu verdanken, daß dieser "Ring" trotzdem bewegte. Ein paar mehr Denkanstöße dürften es aber zukünftig ruhig sein.

Von Stefan Schmöe

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