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Händel, Mendelssohn und das englische Oratorium
oder: Vielleicht werden Sie mit diesem Buch Millionär?!


Von Anke Westermann
Oktober 2001



Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie sitzen als KandidatIn in einer der allseits beliebten Quizshows im deutschen Fernsehen und sollen eine Frage zu englischen Komponisten des 19. Jahrhunderts, die Oratorien geschrieben haben, beantworten. Nun? Keine Ahnung? Es gibt doch die Joker! Leider alle schon ausgereizt?! Schade!! Dann dürfen Sie den Stuhl für den nächsten Kandidaten räumen. Zu Ihrer Beruhigung: Es war kein peinlicher Abgang Ihrerseits. Trotzdem: Hätten Sie doch bloß das umfangreiche Werk Das englische Oratorium im 19. Jahrhundert von Barbara Mohn gelesen. Dann wären Sie heute vielleicht Millionär.

Auf 400 informativen Seiten beschreibt Barbara Mohn die Entwicklung des englischen Oratoriums von den Anfängen bei Georg Friedrich Händel bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Gesellschaftspolitische, religionsgeschichtliche sowie musikästhetische Aspekte erweitern das musikhistorische Bild zu einem monumentalen Gesamtwerk.

Händel also, der Deutsche - Er war eine, wenn nicht sogar die Hauptfigur in der englischen Oratorientradition. Als Begründer dieser Tradition lebt er mit ungebrochener Beliebtheit bis in die heutige Zeit weiter. Seine Oratorien wurden und werden zahlreich aufgeführt, sein Messiah war und ist ein "Schlager". Mehrere tausend Sänger und einige hundert Instrumentalisten waren bei einer Aufführung damals keine Seltenheit. Auch das ist historische Aufführungspraxis! Auch wenn diese heute anders aussieht. Händel, ein großer Name im englischen Oratorium. Hätten Sie es gewusst?

Nun weiter. Es gab auch andere "große" Namen auf der Insel. Wie wäre es mit Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy? - Moment, schon wieder deutsche Namen. Ja! Und dann auch noch aus unterschiedlichen Epochen in einem Atemzug zu nennen? Ja, denn der eine hätte ohne den anderen wahrscheinlich nicht überlebt, brachte Mendelssohn sowohl den Deutschen wie auch den Briten Bach's großartige Chormusik nahe. War dies in Deutschland mit Erfolg gekrönt, brauchte Mendelssohn auf der Insel etwas länger, bis die Bach'sche Matthäus-Passion ein Erfolg wurde. Nicht zu vergessen Mendelssohns eigene Werke: der Paulus op. 36 und der Elias op. 70 zählten zu den meistgespielten Oratorien. Aus diesen Klängen wuchs das englische Oratorium.

Und nun ein paar englische Komponistennamen: William Sterndale Bennett (1816-1875), William Crotch (1775-1847), Charles Hubert Parry (1848-1918), Alexander Campbell Mackenzie (1847-1935). Keiner der Namen sagt Ihnen etwas? Und Edward Elgar (1857-1934)? Es dämmert Ihnen? Ja, genau! Der mit Pomp and circumstance. Er hat aber auch das auf dem Festland bekannteste englische Oratorium The Dream of Gerontius op. 38 komponiert. Also doch noch ein bekannter englischer Komponist.

Um die Vielfalt des Oratoirums darzustellen, findet sich als Anhang des Bandes ein Verzeichnis englischer Oratorien von 1800-1914. Auf knapp 100 (!) Seiten folgen Anmerkungen zur Besetzung, zu Aufführungen, Editionen u.ä. Eine wahre Fundgrube. Barbara Mohn hat mit diesem Buch zweifellos ein neues Standardwerk auf dem Gebiet des Oratoriums geschaffen. Aufgrund der Fülle an Fakten und der Dichte an Gedankensträngen und -vernetzungen ist dieses Werk wohl eher etwas für die Fachwelt. Das soll jedoch nicht heißen, dass der Musikliebhaber sich nicht dieses Werkes annehmen soll. Er sollte dann bloß genügend Durchhaltevermögen besitzen.
Also: lesen !! Dann klappt's vielleicht auch mit der Million.






Cover


Barbara Mohn:
Das englische Oratorium im 19. Jahrhundert. Quellen, Traditionen, Entwicklungen.
(= Beiträge zur Geschichte der Kirchenmusik, Bd. 9)
Schöningh, Paderborn u.a. 2000.
526 Seiten, Notenbeispiele, Paperback, DM 148,-
ISBN 3-506-70629-2






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