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Ein Panorama aus der deutschen Provinz

Über das Buch "Rheingold. Wortlaut der Partitur.
Fotografien von Jochen Viehoff"


Von Anne-Kathrin Reif
August 2004


Wenn das verhaltene Gemurmel, das letzte Rascheln noch schnell zurechtgezupfter Abendkleider, das letzte hastige Räuspern verklungen ist, breitet sich Stille aus im Festspielhaus. Nein, nicht einfach erwartungsvolle Stille wie vor dem Beginn eines jeden Konzerts. Sondern feierliche, andächtige Stille. Wir sind nämlich in Bayreuth. Und das heißt: in heiliger Halle. Jahr um Jahr seit der Eröffnung des nur zu diesem Zwecke errichteten Festspielhauses im Jahre 1876 wohnt die Schar gläubiger oder auch nur neugieriger Pilger den Wagnerschen Bühneweihespielen in Erwartung eines großen, die Seele ergreifenden Erlebnisses bei. Oder doch, jedenfalls in neuerer Zeit, wenigstens in Erwartung eines veritablen Inszenierungsskandals. Große, universale Menschheitsmythen von Göttern und Sterblichen, von der Gier nach Gold und Macht, Schuld und Verstrickung, Sühne, Rache, Liebe, Betrug, Erlösung und Untergang, in ihrer urgermanischen Ausprägung, gegossen in gewaltige Tonkunst. Während auf der Bühne seit 130 Jahren der Mythos gefeiert wird, ist Bayreuth selbst zum Mythos geworden. Die Aura der Exklusivität gehört, wie bei jedem Heiligtum, dazu. Nicht jeder, der sich eine Karte leisten kann, kriegt sie auch. Und wer es geschafft hat, gehört zu einem erlauchten Zirkel von Eingeweihten.


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Foto aus dem Buch: Kuchen auf dem Grünen Hügel.

Der Musikkritiker Stefan Schmöe sitzt im Parkett und ist sich mit jeder Faser der Erhabenheit des großen Moments bewusst. Voller Ergriffenheit gibt er sich dem berühmtesten Es der Musikgeschichte hin: "Von fern kommt es her, aus der Tiefe nicht nur des Orchestergrabens, nein, wie aus der Tiefe der Erde, wie von einem magischen Punkt, an dem alles Kunst-Sein anfängt". Nur schade, dass sich da dieses seltsame Klappern in den feierlichen Urton mischt. Der Kritiker lokalisiert es drei Reihen vor sich: Eine Dame sucht mit äußerster Bedachtsamkeit, leise zu sein, etwas in ihrer Handtasche. Es bleibt nicht der einzige Anlass, der die Gedanken vom Bühnengeschehen abzieht. Auch die ebenso unfreiwillige wie unabänderliche Tuchfühlung mit dem Oberschenkel des kräftig gebauten Sitznachbarn und dem Knie des Hintermannes im Rücken ist der bedingungslos konzentrierten Hingabe an das große Ereignis abträglich. Es ist aber auch wie verhext: Aus der Schwefelkluft, in die Wotan und Loge zu Alberich hinabsteigen, scheint sich stickige Schwüle geradewegs ins Parkett auszubreiten. Irgendwo plumpst ein Opernglas zu Boden. Der teure Chronometer am Handgelenk nebenan zerlegt die Stille zwischen zwei Akkorden in rhythmisches Ticken. Während das Rückgrat schmerzt und der Magen leise grummelt, ziehen sich die drei Stunden der "Rheingold"-Aufführung (nach Wagners Willen zu kurz für eine Pause) in nicht näher bestimmbare Länge. Während dem Mythos seine eigene Ewigkeit innewohnt und das Zelebrieren des Mythos den Menschen der profanen Zeit entheben soll, kann der Zuschauer eben doch nicht aus seiner Zeit- und Leiblichkeit heraus. Es ist dieser Widerspruch, den Stefan Schmöe in seinem Text "Weltendrama im Parkett. Innenansichten aus dem Bayreuther Festspielhaus" mit spitzer Feder gut gezielt aufspießt. Den - ob ernsthaft oder vorgegeben - hehren Anspruch eines Bayreuth-Besuchs gibt er dabei nicht einfachhin der Lächerlichkeit preis, wohl wissend, das dies allzu billig wäre. Er liefert keine Analysen, keine Reflexionen, weder zu Wagner, noch zum "Rheingold", noch zu Bayreuth als musikalisches oder gesellschaftliches Ereignis. Sondern einfach nur eine - allerdings wohlkomponierte - Momentaufnahme, die zeigt, wie das Profane das Erhabene unablässig durchkreuzt. Und entspricht damit auf schöne Weise den Fotografien von Jochen Viehoff, um die es hier eigentlich geht.


Vergrößerung in neuem Fenster Foto aus dem Buch: Dekoration in Bayreuth.

Im Profan-Alltäglichen, gegen das Stefan Schmöe im Parkett sitzend noch tapfer ankämpft, ist Jochen Viehoff draußen mit seiner Kamera längst angekommen. Der Fotograf war eigentlich nicht zum Fotografieren nach Bayreuth gereist; er hat bloß keine Karte für die Festspiele bekommen. Während seine Lebensgefährtin berufsbedingt hinein darf, muss er sich vorgekommen sein wie Waldi vor dem Schild "Wir müssen draußen bleiben" an der Metzgereitüre. Es scheint allerdings so, als ob außer ihm überhaupt beinahe alle Menschen "drinnen" wären. Und die wenigen draußen sind Wartende. Im Licht einer Laterne sitzt jemand lesend auf den Stufen vor dem Festspielhaus. Logenschließer stehen wartend vor den Saaltüren. Die Garderobenfrauen warten hinter ihrem Tresen. Gastronomiepersonal wartet auf Kundschaft. Umgeklappte Stühle warten auf Besucher. Tassenstapel warten darauf, benutzt zu werden, hinter Glas aufgereihte Tortenstücke warten auf ihren Verzehr, Wagner-Postkarten warten darauf, geschrieben zu werden. Die Wege, die Plätze, die regenfeuchten Straßen - alles scheint nur darauf zu warten, dass die Festspielbesucher und damit das Leben zurückkehrt. Oder das, was man ein paar Wochen im Jahr dafür hält. Dann wird Bayreuth wieder zur "Croisette für Walküren, wo Prominente in erschütternden Kleidern das Glück der Paare spielen", wie Roger Willemsen in der "Zeit" spottete. Und hinter diesem Treiben wird all das verschwinden, was Jochen Viehoff mit dem ästhetisch geschulten Blick des Fotografen gesehen und in Bilder gebannt hat. Es ist ein Blick für das Banale, das Unspektakuläre, das uns in der Regel zu selbstverständlich ist, als dass wir es bemerken würden. Erst der fotografische Blick hebt es heraus in zufällig anmutenden, gleichwohl sorgsam komponierten Bildern. Etliche davon würden, aus dem Verbund herausgelöst, keinen Bezug zum Bayreuth der Festspiele erkennen lassen. Doch in der Zusammenschau fügen sie sich zu einem Stimmungsbild, konfrontieren sie das Bayreuth-Bild in unseren Köpfen mit einer Wirklichkeit, die ästhetisch in den 70er-Jahren stecken geblieben ist und in der die Wagnerbüste zur Dekoration von preisreduzierten Miederwaren herhalten muss, die allerdings geeignet scheinen, die Körperfülle von Walküren in Form zu zwängen. Es sind Bilder aus der deutschen Provinz. Sie setzen Banalität ins Bild, ohne selbst banal zu sein. Es sind keine Bilder, die zum genießerischen Betrachten animieren, sondern zur Reflexion. Bilder, die nicht bloß abbilden, sondern zeigen. Wieviel er sieht, wie weit er blickt, liegt nicht zuletzt beim Betrachter.

Der parallel zu den Fotografien abgedruckte Text der "Rheingold"-Partitur mutet dabei an, als hörten wir beim Durchstreifen der menschenleeren Stadt von Ferne die Klänge aus dem Festspielhaus; und während auf der Bühne um das Gold gerungen wird, fällt unser Blick auf die leeren Büsten eines neu zu dekorierenden Juwelierladens. Der Musik und dem weihevollen Umfeld entkleidet und in Konfrontation mit dem profanen Inhalt der Bilder ergeben sich wie in einem Vexierspiegel immer neue Sichtweisen auf Text und Bild, in denen sich die Frage nach dem Zusammenspiel von Erhabenem und Banalen immer neu stellt: "Wagalaweia! Wallala, weiala weia!"

Eher störend, zumindest aber überflüssig in diesem Buch ist einzig der angehängte Text der Kunsthistorikerin Susanne Buckesfeld, der sachlich völlig korrekt widergibt, was die Bilder schon selbst sagen, und kunstwissenschaftlich solide einordnet, warum es sich hierbei um gute Bilder handelt. Wer einen so ungewöhnlichen, abseits aller Seh-Erwartungen liegenden Bildband herausgibt, dem dürfte klar sein, dass er wahrscheinlich nicht als Schaustück beim gläubigen Wagnerianer landet. Sondern eher bei Menschen, denen an ungewöhnlichen Seh-Erfahrungen und die Erkenntnis anregenden Gedankenspielen gelegen ist. Dass die Herausgeber meinten, dazu noch eine Erklärung nachschieben zu müssen ist, als hätten sie ihrem eigenen Konzept nicht so ganz getraut. Das aber hätten sie durchaus gedurft.




Galerie Epikur / Jochen Viehoff (Hrsg.):
Rheingold. Wortlaut der Partitur. Fotografien von Jochen Viehoff.
HP Nacke Verlag, Wuppertal 2004.
ISBN 3-980-8059-3-X
50 Farbfotografien, 124 Seiten, Hardcover. Preis: 44 Euro.




Cover


Galerie Epikur / Jochen Viehoff (Hrsg.)

Rheingold. Wortlaut der Partitur. Fotografien von Jochen Viehoff.

HP Nacke Verlag, Wuppertal 2004.

ISBN 3-980-8059-3-X

50 Farbfotografien, 124 Seiten, Hardcover. Preis: 44 Euro.




AUSSTELLUNG:
Nach der Präsentation der Bilder in Bayreuth werden die Fotografien ab 13. November in der Galerie Epikur in Wuppertal zu sehen sein. Vernissage: Freitag, 12. November, 19.30 Uhr in der Galerie Epikur, Friedrich-Ebert-Straße 165, Wuppertal.



Weiterführende Links:

Informationen zum Fotografen
Jochen Viehoff:
www.pina-bausch.de/viehoff
www.khm.de/~viehoff

Webseite der Galerie Epikur

Weitere Informationen zum Buch sowie Postkarten mit Motiven aus dem Buch zum Bestellen unter:
www.knapp-daneben.de










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