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"Vernetztes Saarland" im Nono-Fieber

Saarbrücken ehrt den großen Venezianer zum achtzigsten Geburtstag


Von Sebastian Hanusa

Luigi Nono war zu seinen Lebzeiten umstritten: Protagonist der Darmstädter Schule, überzeugter Kommunist, nach der Uraufführung seines Streichquartetts Fragmente, Stille – An Diotima einer der Päpste der "Neuen Innerlichkeit". Mittlerweile ist er einer der Klassikers der Neuen Musik. Im Januar des kommenden Jahres wäre der 1990 verstorbene Venezianer achtzig Jahre alt geworden und in der Summe der Gedenkveranstaltungen fällt ein Projekt besonders ins Auge: Die Veranstaltungsreihe Luigi Nono - Musik und politische Utopie in Saarbrücken. Veranstalter dieses "Nono-Rundumschlags" ist der Verein Netzwerk Musik Saar – eine Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Aktivitäten der großen Saarländischen Kulturinstitutionen in Sachen Neuer Musik zu koordinieren und durch Vernetzungen Ressourcen besser zu nutzen.

In verschiedensten Konzerten erklingt über die Spielzeit verteilt ein repräsentativer Überblick über Nonos Werk. Angefangen mit der frü hen Komposition Polifonia – Monodia – Ritmica von 1951 über La fabbrica illuminata von 1964 bis hin zu Spätwerken wie La lontananza nostalgica utopica futura und "Hay che caminar" sognando wird ein Bogen geschlagen, dessen finaler Höhepunkt die Produktion der Oper Intolleranza 1960 am Saarländischen Staatstheater im September 2004 darstellt. Ergänzt wird das Programm durch Rundfunksendungen, eine interdisziplinäre Vortragsreihe, die gemeinsam von Universität und Musikhochschule veranstaltet wird, sowie die Schwerpunktsetzung auf die Thematik "Musik und politische Utopie" bei den Workshops der "Tage für Interpretations- und Aufführungspraxis" an der Musikhochschule Saarbrücken.

Neben der erstaunlichen Tatsache, daß es Netzwerk Musik Saar gelungen ist, für das Nono-Projekt tatsächlich die oftmals widerstreitenden Interessen verschiedenster Kultur-Institutionen zu gemeinsamen Aktivitäten zu bündeln, ist insbesondere ein Aspekt bemerkenswert: Die Auseinandersetzung mit Leben und Werk Nonos findet im kulturellen "Alltagsgeschäft" statt und ist nicht - wie so oft bei Neuer Musik - auf ein eher vom "Fachpublikum" besuchtes Festival beschränkt. So waren die beiden ersten Konzerte mit Stücken Luigi Nonos in die Saarbrücker Kammermusiktage integriert und erklangen neben Kompositionen von Vivaldi, Gabrieli und Malipiero. Polifonia – Monodia – Ritmica wurde im zweiten Abonnenten-Konzert des Saarländischen Staatsorchester aufgeführt, hier zusammen mit Werken Udo Zimmermanns und Wolfgang Amadeus Mozarts.

Zur Veranstaltungsreihe erscheint im Pfau-Verlag eine dreibändige Buchpublikation. Deren erster, bereits erschienener Band verdient besonderes Augenmerk: Unter dem Titel Luigi Nono – Dokumente Materialien hat der Herausgeber Andreas Wagner eine Textsammlung vorgelegt, die dem Leser einen sehr persönlichen Zugang zu Person und Denken des Komponisten ermöglicht. Im Zentrum des Buches steht ein erstmals auf deutsch publiziertes Interview, welches der italienische Musikwissenschaftler Enzo Restagno 1987 mit Nono führte. Dieser spricht über sein Leben, seine künstlerische Entwicklung, aber auch sein Engagement in der kommunistischen Bewegung kommt ausführlich zur Sprache.

Weitere Beiträge sind kürzere Interviews mit Heinz-Klaus Metzger und dem bis vor kurzem als Professor an der Saarbrücker Musikhochschule tätigen Dirigenten Max Pommer. Pommer war bis 1991 in Leipzig tätig, unter anderem als Leiter der "Gruppe Neue Musik Hanns Eisler" und Chefdirigent des Leipziger Rundfunk-Sinfonieorchesters. Er hatte über Paul Dessau Nono persönlich kennengelernt und ist ein wichtiger Zeitzeuge für den Umgang mit Person und Werk Nono in der DDR. Der Band wird ergänzt durch einen Beitrag Erika Schallers zur Forschungsarbeit an den nachgelassenen Skizzen des Komponisten, ein Interview mit Nuria Schönberg Nono, der Witwe des Komponisten und Leiterin des "Archivio Luigi Nono" in Venedig und den Abdruck eines Publikumsgesprächs nach der Uraufführung des Streichquartetts Fragmente, Stille – An Diotima 1980 in Bonn.

Insgesamt bietet die Auswahl auch einem nicht vorgebildeten Leser einen spannenden und sehr persönlichen Zugang zu Nono, während Beiträge wie das Interview mit Max Pommer Ansatzpunkte für weitergehende Forschungen anregen dürfte. Die beiden noch ausstehenden Bände werden der Produktion von "Intolleranza 1960" und den Beiträgen der interdisziplinären Vortragsreihe gewidmet sein. Man darf gespannt sein!


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Luigi Nono
Materialien Dokumente

Pfau, Saarbrücken, 2003.
Broschiert, 192 Seiten,
Abbildungen.
€ 6,50
ISBN: 3-89727-240-7



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