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Tanz auf dem Vulkan

Die Entwicklung der isländischen Musik zu einer ungewöhnlichen
und vielfältigen Eigenständigkeit



Die Hekla



Der isländische Vulkan Hekla
Foto: © Iceland Guide


Rund drei Flugstunden von Frankfurt aus liegt der Mittelpunkt der Erde. Das glauben sie mir nicht? Na, dann haben sie wahrscheinlich Jules Verne nicht gelesen. Gottseidank rückt Island in diesem Jahr wieder etwas mehr in das Licht der Öffentlichkeit, ist seine Hauptstadt Reykjavík doch gerade zur Kulturhauptstadt Europas ernannt worden. Ein Land also, das der Welt bereits die Sagas, einen Nobelpreisträger und mehrere Miß Worlds geschenkt hat, und dennoch den meisten Leuten nur von Tiefdruckgebieten her bekannt ist, wird für ein Jahr kulturelles Zentrum sein. Grund genug also, auf Entdeckungsreise zu gehen in einem Land, das einem Mikrokosmos gleicht. Begreifen kann man ihn eigentlich nur, wenn man sich Zeit für die kleinen Dinge nimmt.

Jahrhundertelang mehr oder weniger abgeschnitten vom Rest der Welt wurde Island wesentlich schneller in die moderne Welt katapultiert als andere skandinavische Staaten. 1944 erkämpften sich die Isländer ihre Unabhängigkeit von Dänemark, um kurze Zeit später zuerst von den Briten und anschließend von den Amerikanern besetzt zu werden. Doch Island hat jetzt zum ersten Mal freie Hand über seine Fischgründe und ist somit in der Lage, den Grundstein für seine Wirtschaft zu legen - raus aus dem Mittelalter. Plötzlich weht nun ein anderer Wind auf der Insel. Amerikanische Militärs errichten eine Base in der Nähe der Hauptstadt und bringen nicht nur die Massenkultur mit auf die Insel, sondern auch die potentielle Gefahr, in internationale Konflikte verwickelt zu werden. Goldgräbermentalität herrschte durch die neuen wirtschaftlichen Bedingungen, aber auch Angst vor Fremdbestimmung. Diese Kluft und der Wandel der Werte setzten Blickwinkel und Kräfte frei, die sich in einer neuen Strömung in der isländischen Kultur zeigten. Ihre Wurzeln waren bis dato die Sagas und die romantisch-naturalistischen, zumeist klerikalen Dichtungen des 19. Jahrhunderts. Halldór Laxness aber, zu recht Nobelpreisträger, schreibt Island mit seinen Werken direkt ins 20. Jahrhundert, und nichts ist mehr, wie es war.

Isländische Tanzkapellen durften jetzt nicht hinterherhinken - denn die Musik, die von nun an in der amerikanischen Base in Keflavik zu hören war, wollten nun auch die Jugendlichen in der Hauptstadt Reykjavík hören. Stilistische Elemente internationaler Hits wurden kopiert, die Texte allerdings teilweise ins Isländische übertragen, um ihnen mehr Bezug zu geben. Haukur Morthens oder Runar Gunnarsson werden in Island gefeiert - außerhalb der Insel hörte man jedoch nichts. Wie überall in der Welt wurde auch in Island der Rockmusik mit Mißtrauen und Ablehnung begegnet. Ältere Generationen befürchteten eine Art amerikanischer Kulturimperialismus, im Hinblick auf ihre kurze Zeit der Unabhängigkeit und den rapiden Veränderungen war die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität sicher nicht ganz unberechtigt. Der jungen Generation wurde moralische Degeneration vorgeworfen, Polizisten griffen Jugendliche auf und schickten sie zur Resozialisierung auf´s Land oder in Handarbeitskurse. Es war eine Gradwanderung, in der sich die isländische Gesellschaft befand, auf der Suche nach der eigenen Identität in der plötzlich so groß gewordenen Welt.

Die Beatlemania, die England im Jahre ´63 heimsuchte, ging zunächst spurlos an Island vorbei. Erst als die "Fab Four" auch Amerika eroberten, fegte diese Welle auch über die Teufelsinsel hinweg. Auch wenn die "Beatles" dort niemals ein Konzert gaben, so wußten sich die Isländer zu helfen. 1964 bastelte sich eine Gruppe namens "Hljómar" ein sehr erfolgreiches "Beatleskonzert" in Reykjavíks größtem Kinosaal. Der Gitarrist von "Hljómar", Gunnar Thortharson, übertrug nicht nur bekannte Hits ins Isländische, sondern schrieb auch selbst Stücke im Merseybeat.

Über die Jahrhunderte hinweg hatten die Isländer gelernt, daß nur Arbeit Überleben bedeutet - es war oftmals ein sehr direkter Weg von der Arbeit zum gefüllten Teller. Die Kunst alleine brachte kein Brot, und so war jeder Dichter zugleich ein Bauer, Arbeiter oder Fischer. Und auch wenn sich die Lebensbedingungen und die Möglichkeiten in den Sechzigern rapide veränderten, immer mehr Leute vom Lande in die Stadt zogen und Arbeitnehmer gesucht waren wie noch nie, hatte es die psychiodelische Flower-Power Bewegung nicht einfach und brauchte lange, bis sie überhaupt Einzug halten konnte. Beatmusik verkörperte die arbeitende und spaßliebende Jugend, Rockmusik die Sehnsucht nach Andersartigkeit, Sex und Spaß, aber mit der amerikanischen Idee von Faulheit und psychiodelischer Romantik konnten viele nichts anfangen.

Zu der Zeit etablierte sich eine linke Szene in Reykjavík, aus deren Kreis plötzlich ein vitalisierender Einfluß auf die Musik in Island kam. "Megas", ein junger Bohemian und Autor, stark beeinflußt von Bob Dylan und Ray Davies, trat zunächst nur vor seinen Freunden der linken Szene auf, bis er mit deren Hilfe 1972 seine erste Platte auf den Markt brachte.

Zu Beginn der Siebziger entwickelten immer mehr Gruppen in Island ihren eigenen Stil, experimentieren mit traditionellen Stücken wie die Gruppen "Spilverk Thjóthanna" oder "Thursaflokkur", beide unter dem Sänger und Komponisten Egill Ólafsson, einem der ruhelosesten Vulkane des Landes, der die Musikentwicklung bis heute entscheidend prägt. "Thursaflokkur" spielten textlich mit ihrem Kulturerbe, experimentierten mit überlieferten Reimschematas wie "Thulur" oder bedienten sich an sogenannten "Vikivaka", überlieferten Sprechgesängen, mit denen Isländer und Färöer im 17. Jahrhundert das kirchliche Tanzverbot umgingen (die Kleriker glaubten in den Tanzorgien den Grund für die vielen unlegitimen Kinder zu erkennen und merkten erst hunderte von Jahren später, daß Wikinger es auch ohne Musik verstanden, Kinder zu zeugen), unterlegten sie mit moderner Instrumentalisierung oder neuen Textvariationen. Durch Dynamikwechsel und Variationen im Sound klangen sie progressiv, trotzdem hörte man die Nähe zum Folk.

Just in diesem Jahr schloß sich Egill Ólafsson einer alten Schulband an, den "Stuthmenn", die ein Jahr darauf ihr Debut-Album "Sumar á Syrlandi" herausbrachten und damit einen Meilenstein in der isländischen Popmusik vorlegten. Sie jonglierten mit den verschiedensten musikalischen Einflüssen, waren mit ihren Texten aber sehr isländisch. Eine Gruppe, mit der man Spaß haben konnte, die mit Naivität, ambitioniertem Spiel, hoher Musikalität und Unbekümmertheit an die Dinge heranging, die etablierten Gruppen zu der Zeit fehlte, und so zeigten sie fast nebenbei den Weg aus der musikalischen Sackgasse. Zwei Jahre später erschien die erste Fusion-Jazz Platte in Island von der Gruppe "Mezzoforte" unter anderen mit Eythór Gunnarsson und Gunnlaugur Briem. Und auch Björn Thoroddsen, damals gerade 19 und mittlerweile einer der fulminantesten Jazz Gitarristen des Landes, beginnt sein Leben als professioneller Musiker.

Zur gleichen Zeit kämpfte sich ein eigensinniger junger Mann durch die Härten des Lebens als Wanderarbeiter. Mit einer Portion Wut auf die Gesellschaft schrieb er Songs und trug sie seinen Freunden in der Fischfabrik vor. Bubbi Morthens nahm Ende der Siebziger einen Kredit auf, um seine erste Platte produzieren zu können. "Ísbjarnablús" wurde ein Abgesang auf die bis dato romantischen und verniedlichenden Bilder vom Leben eines Seemannes. Seine Texte spiegelten den Schmutz und Dreck eines Lebens ganz unten wieder- er wußte, wovon er sang. Seine Platte wurde ein Erfolg, und Bubbi kehrte nicht wieder in die Fischfabrik zurück, sondern gründete stattdessen die Gruppe "Utangarthsmenn", die Outsiders, und lebte und spielte von nun an das Prinzip des Sex, Drugs and Rock ´n Roll. Ihre Musik bereitete den Weg für radikalere, anarchistischere und kreativere Musik, und zusammen mit "Megas" waren sie es, die den Weg für Gruppen wie "Kukl" oder "Sykurmolarnir" bereiteten, die es mit ihrer Sängerin Björk Guthmundsdóttir zu internationaler Bekanntheit bringen konnten, nicht zuletzt, weil sie teilweise in Englisch sangen. Wer sich auf´s internationale Parkett bewegen will, muß meist auf eine Mehrheitensprache ausweichen. Jedoch ist die Kluft zwischen lokaler Sichtweise und damit auch einem Stück Originalität und dem Versuch eines übertragbaren Zaubers groß, und genauso groß ist die Gefahr dabei, daß so etwas in Schablonen endet.

"Stuthmenn" weiteten ihr Talent auch auf das Filmemachen aus und drehten 1982 mit "On Top" ("Meth allt á hreinu" im Original) den erfolgreichsten Film aller Zeiten in Island, gefolgt von "Cool Jazz and Coconuts" drei Jahre später. 1986 folgten sie einer Einladung der chinesischen Staatsregierung, tourten unter dem Pseudonym "Strax" durch das Land und nahmen einige Platten in Englisch auf.

"Sykurmolarnir" eroberten als "Sugarcubes" die Herzen ausländischer Rockfans und Bubbi Morthens arbeitete mit verschiedenen isländischen Gruppen wie "EGO" oder "Das Kapital", ehe er sich fast ausschließlich mit seinen Solo-Projekten beschäftigte.

Daß es einen hohen Preis haben kann, wenn man seinen Mikrokosmos hinter sich läßt und ein Exportartikel wird, hat die isländische Sängerin Björk in den letzten Jahren erfahren müssen. Doch wer zwischen Himmel und Hölle tanzt, hat ein Gefühl für Balance. Und aus jenem Seiltanz resultiert ein ungewöhnlicher Stolz, ein Stolz der eigenen Sprache und Kultur gegenüber. Heute beherrschen Gruppen wie "Gusgus", "Ensími" oder "Sígur Rós" das Nachtleben in Reykjavík - ein Nachtleben, das trunken ist von wehmütigen Liebesliedern, Horrorfilmen, boshaften Surrealismus, Absurditäten, aufdringlichem Lärm und Dreck, Sex und schwarzem Humor - doch wenn man ganz in Ruhe lauscht, hört man irgendwann in sich ganz leise den Geysir pulsieren und das Eis schmelzen.



Claudia J. Koestler
März 2000

Deltifoss

Sand am Deltifoss
Foto: © Iceland Guide





Weitere Informationen über Island

www.rsk.is - Die offizielle Homepage Reykjavíks
www.reykjavik2000.is - Reykjavík als Kulturhauptstadt
      Europas 2000
www.artfest.is - Informationen zum Reykjavík Arts Festival,
      das in diesem Jahr vom 20.5. - 8.6.2000 stattfindet
www.iceland.de - Informative deutsche Seiten über Island





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