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Hommage à Inge Borkh

Ein Gespräch zwischen der weltberühmten Sopranistin und dem Musikjournalisten Thomas Voigt

Matinee im Opernhaus Düsseldorf am 4. November 2001




Wiederbegegnung mit einer kein bisschen leisen Opernlegende


Von Thomas Tillmann
November 2001


Als letzte Station für die Tour anlässlich ihres achtzigsten Geburtstags hatte sich die legendäre Inge Borkh die Deutsche Oper am Rhein ausgesucht, wo sie unter anderem als Salome aufgetreten war, wie das im Foyer des Düsseldorfer Opernhauses ausgestellte Rollenphoto belegte. Im Gespräch mit dem diskreten, geschickt die Stichworte liefernden, erfreulich uneitlen Thomas Voigt ließ sie noch einmal wichtige Stationen ihres Sängerlebens Revue passieren, gab erstaunliche Einblicke in ihre künstlerische Arbeit, kommentierte ihre bis heute einzigartigen Aufnahmen und prangerte scharfsinnig und ohne falsche Scheu die Fehlentwicklungen in der Opernszene von heute an.

Eigentlich wäre die Jubilarin ja lieber Schauspielerin geworden, aber geprägt durch die bis zu ihrer Heirat als Soubrette in Mannheim engagierte Mutter konnte sie sich dem Sängermilieu dann doch nicht entziehen, trat 1940 in Luzern ein dreimonatiges Probeengagement an und stand bald in der für einen ausgebildeten Koloratursopran bizarren Spielalt-Partie der Czipra im Zigeunerbaron auf der Bühne. In Luzern und Bern konnte sie sich in den folgenden Jahren dann behutsam ein weitgespanntes Repertoire erarbeiten, das bereits zahlreiche der großen dramatischen Partien aufwies, mit denen sie nach ihrem internationalen Durchbruch in der deutschsprachigen Erstaufführung von Menottis Konsul in Basel und dann einige Monate später in Berlin an allen großen Häusern dieser Welt reüssieren sollte (so sang sie schon 1947 ihre erste Salome, 1950 die erste Elektra). Ihrer Magda Sorel galt auch das erste Klangbeispiel, und es war mehr als faszinierend mitzuerleben, wie die Borkh sich allein durch ihre Sitzhaltung beim Zuhören noch einmal in die damals interpretierte Rolle verwandelte, wie sie mitatmete, Teile des Textes gegen anfänglichen Widerstand einfach mitsprechen musste und sich ganz auf den Inhalt des Flüchtlingsdramas konzentrierte, der sie an die eigene Flucht vor den Nazis in die neutrale Schweiz erinnerte und den sie als aktueller denn je empfindet.

Bis heute widerstrebt der humorvollen, sympathisch-natürlichen Künstlerin jede Art von Festlegung, von der ihre Karriere natürlich geprägt wurde: Obwohl sie zahlreiche italienische Partien gesungen hat und sich selbst viel eher in diesem Fach sah (die erste Arie der Adriana Lecouvreur, der Ausschnitt aus der unter widrigen Umständen aufgenommenen Rätselszene der Turandot und das unglaublich emphatische Finale aus Andrea Chénier mit dem gleichfalls unvergessenen Sandor Konya belegten es), verhinderten die unzähligen Angebote für Elektra bald eine noch bedeutendere Karriere mit Verdi- und Puccini-Partien. Dass aus ihr trotz Partien wie Sieglinde, Senta, Siegfried-Brünnhilde und einer einzigen Elsa keine wirkliche Wagnersängerin geworden ist, erklärt die Borkh in erster Linie mit Berührungsängsten gegenüber diesem von den Nazis missbrauchten Komponisten (trotzdem hofft man, dass der von Thomas Voigt in Aussicht gestellte Mitschnitt eines in Paris im Konzert ausprobierten Schlussgesangs aus der Götterdämmerung bald im Handel erhältlich sein wird). Dennoch bereut sie auch diese Entwicklung nicht - das voller Überzeugung und mit dem wunderbar charakteristischen, überdeutlich gerollten "r" ins Mikrophon geschleuderte "Non, je ne regrette rien" ließen da keine Zweifel aufkommen. Eine Hochdramatische sei sie ohnehin nie gewesen, weil ihr dafür die Durchschlagskraft in der Mittellage gefehlt habe - soviel Einsicht ist vielen heutigen Interpretinnen des schweren Fachs leider nicht gegeben.

Für Inge Borkh, die sich selbst als lirico spinto besser beschrieben fühlt, sind Brüllen und Lautstärke sowieso keine Werte in der Gesangskunst, wobei sie darauf hinwies, dass damals auch die Dirigenten viel mehr darauf geachtet hätten, dass man die Sänger gut hören konnte und dass sie Zeit zum Atmen und zur Entfaltung des Textes hatten. "Oper steht und fällt doch mit den Sängern!", konstatiert die Borkh ohne Kompromisse und betont, dass auch die heutigen Regisseure mit ihrem "Unsinn" die Kolleginnen und Kollegen auf Dauer nicht kaputtmachen könnten - ein deutliches Wort, mit dem sie vielen Zuhörern aus der Seele sprach! Besonders leid tun ihr dabei die jungen Sänger, die sich nicht wehren können, weil angesichts des gesättigten Marktes gleich der oder die Nächste bereit steht - ein Vorwurf auch an arrivierte Künstler, die viel häufiger dem Treiben mancher Scharlatane Einhalt gebieten müssten und oft allzu sehr ans Kommerzielle und die Karriere denken. Damit redet die Sopranistin keinesfalls einem überkommenen Rampenstehtheater das Wort: Es gehe um ein gemeinsames Ringen um ein Konzept, um eine gleichberechtigte Zusammenarbeit, die vieles zunächst unmöglich Erscheinende dann doch praktikabel mache. Ihr erstes Ziel sei dabei immer gewesen, die Menschen zu erreichen; dass ihr das gelungen ist, belegt nicht zuletzt der Umstand, dass sie bis heute auf der Straße erkannt wird.

Dass man Partien wie Salome trotz des riesigen Orchesterapparates auch wirklich singen kann, erfuhr man an diesem Morgen noch einmal anhand der leider viel zu kurzen Einspieler, die der Geehrten mehrfach und ganz zurecht ein herzerfrischend ehrliches "Das ist doch schön!" entlockte. Ein bisschen traurig schaute Inge Borkh noch immer auf das Ende ihrer beispiellosen Sängerkarriere: 1973 verabschiedete sie sich völlig unspektakulär und ohne Ankündigung als Elektra in Palermo, nachdem man sie in München, ihrem eigentlichen Stammhaus, nicht mehr brauchte und andere Angebote ausblieben, was man aus der Rückschau nur als furchtbare Unterlassungssünde bezeichnen kann, denn was für eine Karriere hätte die Künstlerin auch in den Charakterpartien machen können! Stattdessen sang sie ein bisschen Brecht, ein wunderbar humorvolles, ebenfalls auf CD wieder veröffentlichtes autobiografisches Chansonprogramm, spielte an der Seite Boy Goberts in Hamburg Shakespeare, unterrichtete in Everdings Münchner Singschul und genießt bis heute ihr reich gefülltes Privatleben. Den Kontakt zum Theater hat sie dabei natürlich nie verloren - bis heute fährt sie mit dem eigenen Wagen von Vorstellung zu Vorstellung (ich selber lernte sie als scheu um ein Autogramm bittender Fan vor einigen Jahren in Bayreuth kennen, wo sie mich gleich in ein Gespräch verwickelte und fragte, ob ich es richtig fände, dass sie Angebote für Ortrud auf dem grünen Hügel stets abgelehnt hätte!), krönt als Jurorin manchen Gesangswettbewerb und hält sich einfach gern dort auf, wo viele Menschen sind. Hoffen wir, dass dieser wundervollen Künstlerin und diesem liebenswerten Menschen dazu noch jede Menge Zeit bleibt!

Was gibt es Schöneres, als an einem Sonntagmorgen den Erinnerungen und den beispielhaften Aufnahmen einer der ganz Großen der Oper des 20. Jahrhunderts zu lauschen?






Cover


Vital wie eh und je: die inzwischen achtzigjährige Opernlegende Inge Borkh
Foto von Uwe Sickinger






Da capo al Fine

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