Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Feuilleton
Zur Homepage Zur Homepage E-Mail Impressum



Walter Berry zum Gedenken

Elisabeth Birnbaum zeichnet Leben und Werk des im Oktober 2000 verstorbenen Bassbariton nach

Von Thomas Tillmann
Juli 2001



"Er war ein ganz Großer", urteilt die Wiener Operninstitution Marcel Prawy im Geleitwort zu der Biografie des Bassbaritons Walter Berry, die dessen Schülerin Elisabeth Birnbaum jetzt vorlegte. Was als Würdigung eines einzigartigen Künstlerlebens und in enger Zusammenarbeit mit dem Sänger entstanden war, wurde unbeabsichtigt zum Nachruf auf den Wiener: Das Manuskript lag längst beim Verlag, als die Autorin vom unerwarteten Tod Berrys am 27. Oktober 2000 erfuhr.

Detailliert, kenntnisreich und einfühlsam beschreibt die Autorin die wichtigsten Stationen des künstlerischen, aber auch des privaten Lebens des besonders als Papageno, Leporello, Figaro, Barak (in dieser Rolle zeigt ihn das Coverfoto) und Wozzeck unvergessenen Sängers, der am 8. April 1929 in Wien geboren wurde. Das Engagement in diversen Chören bescherte dem jungen Walter Kontakt zur "Szene", und bereits 1947 wurde er - zunächst noch ohne das Wissen der Eltern - an der Wiener Musikakademie Schüler von Hermann Gallos, Endré Koreh und Hans Duhan. Im Frühjahr 1950 wurde der Sänger mit 21 Jahren jüngstes Mitglied des Traditionshauses und als Solo-Eleve an der Seite der Größen des legendären Mozartensembles (wie etwa Paul Schöffler und Erich Kunz, die er bald in ihren Partien beerben sollte) zunächst in kleineren Partien eingesetzt. 1954 erhielt er vom neuen Operndirektor Karl Böhm (einer seiner wichtigsten musikalischen Mentoren neben Herbert von Karajan) seinen ersten Dreijahresvertrag als Solist an der Staatsoper, deren jüngster Kammersänger er bereits 1962 werden sollte; dass er Mitte der fünfziger Jahre auch eine kurze zweite Karriere als Schlagersänger Fred Hedin hatte, die er jedoch wegen zunehmender Popularität im seriösen Fach bald aufgeben musste, war mir neu. Schon 1955 avancierte der Comprimario zum Star, als er während der Wiedereröffnungswoche des Hauses am Ring die Titelpartie im Wozzeck übernehmen durfte; bis 1985 hat er in Wien 47 von 52 Vorstellungen dieser Oper gesungen, und bis heute gilt er vielen als unerreicht in dieser Rolle, hat er doch bewiesen, dass man sie wirklich singen kann, ohne dabei an Expressivität einzubüßen.

Etwa in dieser Zeit lernte Berry seine erste Frau Christa Ludwig kennen, mit der er in zahllosen Werken von Rossini, Mozart, Beethoven, Verdi, besonders aber von Wagner und Strauss in der ganzen Welt auf der Bühne stand. Elisabeth Birnbaum schildert sehr eindringlich, aber stets diskret die Probleme eines mit dem Aufbau einer Weltkarriere beschäftigten Ehepaares auf der Opernbühne, Probleme, die dann wohl auch zum Scheitern der Ehe im Jahre 1970 führten (Berry war danach noch zweimal verheiratet, zuletzt mit seiner Schülerin Elisabeth Flechl). Die fast ausschließliche Konzentration auf den Beruf war es auch, die den Aufbau einer echten Beziehung zum 1958 geborenen Sohn Wolfgang verhindert haben dürfte - Schattenseiten einer Karriere, die die Autorin nicht verschweigt, auch wenn natürlich große Teile ihres Buches der ehrfurchtsvollen Beschreibung derselben gewidmet sind (eine Liste am Ende des Werkes verschafft einen schnellen Überblick über die Debüts an den wichtigsten Opernhäusern dieser Welt).

Wir erfahren, dass sich hinter dem humorvoll-geistreichen, gemütlich-volksnahen Sänger eine vielschichtige Persönlichkeit versteckt haben muss, die häufig an Einsamkeit litt, nur zu wenigen Freundschaften bereit oder fähig war (eine Ausnahme bildete wohl sein fast ausschließlicher Klavierbegleiter und wichtigster künstlerischer Berater Erik Werba) und der seine spätere Gesangsklasse gern als seine Familie bezeichnet haben soll. Es ging also bei seiner späteren Lehrtätigkeit nicht nur um die Weitergabe seines immensen Wissens an zukünftige Kollegen, sondern auch um ein sich Ablenken vom näherrückenden Alter und dem stets gefürchteten Tod.
In den achtziger Jahren ergab sich diese neue Aufgabe für Berry: Nachdem er festgestellt hatte, dass ein beschauliches Rentnerdasein seine Sache nicht war, versuchte er sich kurzfristig als Dirigent (in Wasserburg bei München leitete er mit gar nicht geringem Erfolg tatsächlich ein Konzert mit Schuberts Unvollendeter und einem Rondo für Klavier und Orchester von Mozart) und Regisseur (für die Gmundener Festspiele inszenierte er Mozarts Bastien und Bastienne und entwarf auch das Bühnenbild), übernahm aber dann 1989 eine Klasse für Lied und Oratorium an der Wiener Musikhochschule und unterrichtete bis zur unfreiwilligen Pensionierung acht Jahre später mit großem Erfolg vor allem Interpretationspraxis (von seinen Zöglingen ist besonders Angelika Kirchschlager bekannt geworden).
Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang Berrys Vorstellungen von einem guten Sänger: "Er kam zu dem Schluss, dass es die richtige Mischung von Instinkt und Hirn sein musste. Auf der einen Seite das Instinktive, Tier- und Triebhafte, das es ermöglicht, einfach drauf los zu singen, als Ausdruck des Lebens selbst und der Lebensfreude. Die Fähigkeit, 'aus dem Bauch heraus' zu singen... Auf der anderen Seite die Intelligenz, ohne die differenziertes, kunstvolles Singen nicht möglich ist, die den Sänger lernfähig macht, auch in Bezug auf seine Gesangstechnik. Dazu gehört auch, zu wissen, was man kann und was nicht, und natürlich die Fähigkeit, Musik über bloße Tonfolgen hinaus zu begreifen." Dass ihn bloße Stimmbesitzer nicht interessierten, versteht sich von selbst.

Walter Berry verfügte über eine unerhört differenzierungsfähige, mit einem sofort wieder zu erkennenden Timbre gesegneten Stimme, die ihm ein weit gespanntes Rollenspektrum ermöglichte, von den lyrischen Spielpartien (sogar Operettenbufforollen hat er dank der leichten Höhe zu Beginn seiner Karriere übernommen!) bis zu den schweren Rollen des Heldenbaritonfachs (deren Übernahme etwa Jürgen Kesting angesichts des grundsätzlich lyrischen Stimmpotentials durchaus kritisch bewertet) und tiefen Basspartien wie dem Ochs auf Lerchenau, wobei besonders erstaunlich ist, dass Berry all diese verschiedenen Rollen beinahe zur selben Zeit gesungen hat. Herbert von Karajan war es, der ihn als Barak und Klingsor besetzte, ihn zum ersten Wotan verführte und ihm auch jahrelang erfolglos den Holländer anbot (daneben sang Berry in diesem Fach auch gelegentlich Scarpia, Jochanaan und natürlich Telramund, später auch den Orest, verzichtete aber auf Iago und Macbeth). Eine der wenigen Krisen der langen Karriere ist dagegen mit der Rolle des Hans Sachs verbunden, die der Wiener Mitte der sechziger Jahre in Bayreuth singen sollte, aber aufgrund eigener Nervosität und einiger Unsensibilität auf Seiten Karl Böhms, der die Vorstellungen dirigierte, nur in der freilich vielgelobten Generalprobe interpretierte; trotz seines Weltruhms fühlte sich Berry nun als nervenschwacher Versager, und erst im Februar 2000 fand er den Mut, sich den offenbar sehr gelungenen Generalprobenmitschnitt anzuhören.

Es gelingt Elisabeth Birnbaum, auch denjenigen ein anschauliches Bild seiner Darstellungskunst zu vermitteln, die Berry nicht auf der Bühne bewundern konnten. Der Wiener verstand sich selbst stets als Sängerdarsteller, der Menschen aus Fleisch und Blut mit all ihren Vorzügen und Schwächen verkörpern wollte, der sich nicht mit purer Komödie zufrieden gab oder das Böse in eindimensionaler Plattheit zeichnete und der mitunter auch "schwierig" sein konnte, wenn Regisseure ihm ihre Ideen nicht plausibel machen konnten. Als Papageno etwa war er nie der notorische Spaßmacher, sondern eher ein guter Pointensetzer von großer Menschlichkeit und Sympathie, ein "typischer Wiener", wie seine Biografin weiß: "verdrossen auf seinem Lebensstil beharrend, misstrauisch allem Neuen und Fremden gegenüber und dennoch gerade darin eine Art Charme ausstrahlend" (Zeugnis davon geben auch die erschöpfenden Aufnahmen von Wiener Liedern aus den sogenannten Kremser Alben, die er gemeinsam mit Heinz Zednik und den Philharmonia Schrammeln im Spätherbst seiner Karriere einspielte). Dabei war er künstlerisch durchaus ein neugieriger Mensch, er war nie fixiert auf eine Epoche oder einen Komponisten und hatte vor allem keine Berührungsängste mit der Moderne, wie seine regelmäßige Mitwirkung bei Uraufführungen in seiner zweiten künstlerischen Heimat Salzburg belegen (von 1953 bis 1989 trat Berry bei den dortigen Festspielen auf, und noch im Januar 2000 gab er am Landestheater während der Mozartwoche den Sprecher in der Zauberflöte). Und obwohl der Österreicher es sich mit seinen bereits erwähnten Glanzpartien gemütlich hätte machen können, suchte er immer wieder nach neuen Herausforderungen (so sang er an der Wiener Volksoper den Quasimodo in Franz Schmidts Notre Dame, als Staatsopernintendant Gamsjäger glaubte, ohne Berry auskommen zu können, und mit über fünfzig wandte er sich erneut dem Alberich zu, den er schon als sehr junger Sänger ausprobiert hatte, oder wechselte vom Dandini zum Don Magnifico in La Cenerentola), auch in den späteren Jahren, als er sich von den großen Rollen nach und nach verabschiedete, aber noch 1990 den Wesener in Zimmermanns Soldaten neu lernte oder sich 1992 mit dem Theaterdirektor La Roche im Capriccio einen lang gehegten, letzten Wunsch erfüllen durfte. 1995 stand er zum letzten Mal als Musiklehrer in der Ariadne auf der Bühne der Wiener Staatsoper, aber wirklich offiziell Abschied genommen hat Berry nie, zumal nicht im Konzertsaal. Seinem weniger bekannten Engagement als Liedsänger spürt die Autorin besonders intensiv nach, und ganz zurecht lobt sie seine immense Textdeutlichkeit, die nicht mit Konsonantenspuckerei zu verwechseln ist: "Sie bestand im Vermitteln des Gefühls, das man bei den diversen Worten hat, man verstand nicht das Wort 'Blume', man roch eine Blume."

Gern liest man Elisabeth Birnbaums sehr subjektive, aber begründete Bemerkungen zu den vielen Aufnahmen Berrys, der die Arbeit im Studio sehr mochte und einige Rollen gleich mehrfach und unter den bedeutendsten Dirigenten eingespielt hat (so den Masetto unter Furtwängler, Moralt, Böhm und Mitropoulos sowie Papageno unter Böhm, Klemperer, Szell und Sawallisch), andere dagegen leider gar nicht (wie etwa den Telramund). Umso ärgerlicher fällt die freilich als nicht vollständig angekündigte Diskographie am Ende des Buches auf: Manche Aufnahmen werden im Hauptteil des Buches erwähnt (etwa der Arabella-Querschnitt mit der Schwarzkopf, in dem Berry den Lamoral singt) und hier übergangen, einige wichtige, durchaus erhältliche Live-Mitschnitte fehlen völlig (etwa eine weitere Salzburger Così vom 28. Juli 1969, die anlässlich des 80. Geburtstags von Karl Böhm neu herausgebrachte Salzburger Frau ohne Schatten des Jahres 1974, der Rienzi-Mitschnitt aus Wien, in dem Berry unter Krips den Paolo Orsini sang), sowie auch Berrys meines Wissens letzte Aufnahme (im Dezember 1998 sang er für Renée Flemings Strauss Heroines zwei der Lakaien im ersten Aufzug und den Faninal im Finale des Rosenkavalier sowie den Haushofmeister in der Capriccio-Schlussszene). Mehrfach-Aufnahmen sind zudem nicht zeitlich geordnet, und häufig sucht man vergeblich nach Ortsangaben oder exakten Aufnahmedaten (so bei der anlässlich des 100. Geburtstags des Komponisten in Wien gegebenen Frau ohne Schatten). Da hätte man sich mehr Sorgfalt gewünscht, zumal die Verfasserin sich doch offenbar sehr gut auskennt und ansonsten Experten hätte um Rat fragen können. Auch die Liste der gesungenen Partien ist unvollständig ohne Hinweis auf diesen Umstand, wobei auch nicht deutlich wird, warum nur im Studio eingespielte Partien nicht aufgeführt werden (Leoncavallos Tonio etwa fehlt, den er in einem deutschen Querschnitt aus dem Jahre 1966 interpretiert hat). Auswahlbiografien machen mich gleichfalls immer skeptisch. Hilfreich ist allerdings das kombinierte Namen- und Werkregister, anschauenswert die vielen eindrucksvollen Rollen- und Privatphotos in schwarz-weiß und Farbe. Und so freut man sich über ein gut lesbares, vielleicht insgesamt ein bisschen zu weitschweifiges Buch, dessen freilich mitunter das Niveau von - pardon! - Frauenillustrierten streifender Plauderton und die vielleicht doch etwas unkritische Sicht auf das Idol allerdings nicht jedermanns Sache sein dürfte.




Cover


Elisabeth Birnbaum:
Walter Berry. Die Biografie.
Mit Grußworten von Marcel Prawy und Dietrich Fischer-Dieskau.
Henschel Verlag, Berlin 2001.
Gebunden, 299 Seiten, 49,90 DM.
ISBN 3-89487-379-5



Da capo al Fine

Zur Homepage Zur Homepage E-Mail Impressum

© 2001 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
Email: feuilleton@omm.de

- Fine -