Das Festival lebt!
Neue Musik in Metz und in Forbach seit nunmehr fast 30 Jahren
Von Sebastian Hanusa
November 2001
Forbach ist trotz deutschen Namens eine französische Stadt, der Name ist bezeichnend für die wechselhafte Geschichte Lothringens. Zugleich ist die Stadt fast ein Vorort von Saarbrücken und Teil des grenzüberschreitenden Montangebiets. Daher sind auch die ökonomischen Probleme hüben wie drüben die selben, nach Kohlekrise und Zechenschließung zählt Forbach zu den ärmsten Gemeinden in ganz Frankreich. Die Arbeitslosigkeit prägt das Stadtbild, die Grenzstation erscheint ein wenig wie der Hinterhof der Grande Nation. Doch seit 1996 ist Forbach jährlich im November ein wichtiger Ort für die Neue Musik. Forbach bietet in Frankreich eine der ganz wenigen Möglichkeiten, außerhalb von Paris ein innovatives Festival zu erleben. Dabei ist die Entstehungsgeschichte des Forbacher Festivals "rendez-vous musique nouvelle" eng mit dem tragischen Ende der renommierten "Rencontres Internationales de Musique Contemporaine" in Metz verbunden.
Das Metzer Festival, zwischen 1972 und 1992 unter der künstlerischen Leitung des Komponisten Claude Lefebvre und seiner Frau Ingeborg veranstaltet, kann in seiner Bedeutung für das europäische Musikleben nicht hoch genug angesetzt werden. Um so einschneidender war das unerwartete Ende der Veranstaltung 1992, nachdem die Stadt Metz ihren Zuschuss gestrichen hatte und die an diesen Zuschuss gebundene Unterstützung aus Paris ebenfalls ausblieb, somit die Durchführung des Festivals finanziell nicht mehr zu realisieren war. In dieser Situation ermöglichte der kulturell sehr engagierte Forbacher Bürgermeister Stirnweiss den Lefebvres einen künstlerischen und organisatorischen Neuanfang. Er stellte Räumlichkeiten im kommunalen Kulturzentrum zur Verfügung, in der auch das dem Festival angeschlossene elektronische Studio unterkam und ermöglichte - in kleinerem Rahmen als in Metz - ab 1996 die Durchführung eines jährlichen Festivals. Seitdem hat sich, in Deutschland noch weitgehend unbeachtet, das Forbacher Festival, wenn auch nicht in dem ehemals Metzer Umfang, so doch in der programmatischen Tradition, zu einer bemerkenswerten Veranstaltung entwickelt.
In diesem Sommer ist im Saarbrücker Pfau-Verlag eine Dokumentation über die 25 zwischen 1972 und 2000 stattgefundenen Festival-Jahrgänge erschienen; natürlich auch, um Aufmerksamkeit zu erregen, aber nicht nur dies: Insbesondere das Essay Gerhard Kochs, der als Kritiker die gesamte Festival-Geschichte miterlebt hat, bietet einen knappen, aber sehr informativen Überblick über wesentliche Aufführungen und programmatische Schwerpunkte der bisherigen 25 Jahrgänge. An erster Stelle sei die immense Zahl der Uraufführungen zu nennen. Allein in den zwanzig Metzer Jahren waren dies 220. Eine tabellarische Auflistung im Anhang des Buches gibt hierüber detailliert Aufschluss.
Sowohl bei Lektüre des Essays, als auch bei Durchsicht der Uraufführungsliste fällt die Anwesenheit aller großen Namen der letzten dreißig Jahre auf - natürlich mit einem Schwerpunkt auf der französischer Musik. Pierre Boulez, Gilbert Amy oder Luc Ferrari sind ebenso vertreten wie die Spektralisten oder Komponisten, die als "Immigranten" das französische Musikleben maßgeblich geprägt haben: Iannis Xenakis, Vinko Globokar, Ivo Malec... Es findet sich überdies eine große Zahl, in Deutschland weitgehend unbekannter Namen; Indiz dafür, dass immer wieder das Risiko eingegangen wurde, Aufträge an unbekanntere Komponisten zu vergeben, aber auch bezeichnend für die immer noch großen Unterschiede zwischen deutscher und französischer Neuer Musik. Insofern hat Metz immer auch die Rolle eines gesamteuropäischen Schaufensters für die französische Musik gespielt. Auf institutioneller Ebene wird der grenzüberschreitende Aspekt durch die in Forbach bestehende Kooperation mit dem Saarländischen Rundfunk unterstrichen.
Jenen Anteil an jungen oder nicht so arrivierten Komponisten findet man auch unter den deutschen Komponisten, die in Forbach gespielt wurden. Neben dem Mainstream der Neuen Musik waren randständige und umstrittene Positionen wie - um nur zwei Namen zu nennen - Hans-Joachim Hespos oder Rolf Gehlhaar vertreten. Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Tatsache, dass in Metz auch die amerikanische Avantgarde in den Festival-Betrieb mit eingebunden wurde, während man ihr in Deutschland teilweise noch sehr skeptisch gegenüberstand. So unterschiedliche Komponisten wie La Monte Young, Philip Glass, Morton Feldman oder insbesondere John Cage - dieser unter anderem mit seinem Event "evène environne metzment" und seinen "thirty pieces for five orchestras" - waren mit Uraufführungen vertreten, bevor sie andernorts die szenetaugliche Salonfähigkeit erlangen konnten.
Man sollte aber die Publikation nicht ausschließlich als Dokumentation eines abgeschlossenen Kapitels betrachten. Nicht umsonst überschreibt Gerhard Koch seinen Text mit "Immer unterwegs in die Zukunft". Das Buch will ebenso einen Impuls in die Zukunft setzen, die Äußerung Claude Lefebvres "... wir brauchen unbedingt Erneuerung, Dynamik in der Entwicklung..." mag hierfür wegweisend sein. Während der dokumentarische Teil einen ersten Überblick über das Gewesene verschafft und neben den wichtigsten Informationen den Eindruck vermittelt wird, dass gerade die Funktion eines Schnittpunktes verschiedenster Tendenzen und Traditionen der Neuen Musik die Lothringer Festivals zu einem ergiebigen Gegenstand musikwissenschaftlichen Arbeitens machen werden, wird gleichzeitig der Blick nach vorne gewandt: Erst eine Tradition, die fruchtbar Kommendes ermöglicht, wird hierdurch relevant für eine rückwärtsgewandte Betrachtungsweise. Umso erfreulicher ist es in diesem Zusammenhang, dass es in Forbach möglich ist - wenn auch nicht immer ohne lokalpolitische Reibungsverluste - das Begonnene fortzusetzen.
Dass das diesjährige Festival, das vom 16. - 18. November stattfindet, schon im Vorfeld in schweres Fahrwasser geriet, war indes unvorhersehbar und ist quasi von einem Fixstern über die Organisatoren gekommen. Indem Karlheinz Stockhausen als immer noch populärster deutscher Vertreter der Neuen Musik nach Forbach eingeladen wurde, um eine konzertante Aufführung seiner Oper "Freitag" aus dem Zyklus "Licht" zu realisieren, hatte man sicher neben rein künstlerischen Aspekten und der Bedeutung Stockhausens für die Avantgarde auch auf die Zugkraft des Namens gesetzt. Dass Stockhausen nach seinen Äußerungen in Hamburg zum Gegenstand reger publizistischer Aktivitäten wurde, die nur in wenigen Fällen auch eine Diskussion über Stockhausens Werk beinhalteten, war damals noch nicht vorherzusehen. Wie man auch zu Stockhausen steht, hoch anzurechnen ist den Forbacher Organisatoren, das sie sich nicht dem öffentlichen Druck gebeugt haben und Stockhausen ausgeladen haben, sondern vielmehr das Werk des Komponisten vor dem Hintergrund seiner interstellaren Ästhetik zur Diskussion stellen.
Überdies sollte erwähnt werden, dass schließlich das Programm nicht nur Stockhausens "Freitag" umfasst und dass die anderen Konzerte vielleicht sogar künstlerisch interessanter sein könnten: In einem Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken wird Gilbert Amy - einer der Altmeister der französischen Avantgarde - neben seinem Cello-Konzert zwei Uraufführungen dirigieren: zum einen ein Stück für Orchester und Chor des hochinteressanten, in Deutschland aber nahezu unbekannten Vietnamesen Nguyen-Thien Dao, zum anderen eine Komposition des Deutschen Günther Steinke für Orchester und Elektronik. In den beiden Kammerkonzerten gibt es neben Stücken von Messiaen, Milhaud und Xenakis weitere Ur- und französische Erstaufführungen. Neben dem Franzosen Paul Méfano bestreiten der Kanadier Bruce Mather und der US-Amerikaner William Bolcom ein Konzert mit Stücken für Stimme und Klavier. Damit setzen sie nicht nur einen weiteren Akzent Richtung Amerika, sondern es wird auch ein Überblick geboten über die sehr unterschiedliche künstlerische Entwicklung der drei Schüler von Darius Milhaud. Nicht minder interessant dürften die Uraufführungen des Franko-Amerikaners Dennis Lorrain und des Italieners Jacopo Baboni Schilingi sein. Während Lorrain ein neues Stück für Orgel und Percussion vorstellen wird, handelt es sich bei Schilingis Komposition um einen weiteren Beitrag mit elektroakustischem Anteil. In der Kombination von aufgenommenen und bearbeiteten Naturklängen mit dem Klang der Orgel setzt er sich dabei in die Tradition der Musique Concrète. Eine interessante Ergänzung hierzu ist die erste Arbeit von Iannis Xenakis mit konkreten Klängen, die Tonbandkomposition "Orient - Occident", die 1960 als Auftrag der Unesco entstand.
Mit Spannung ist also dem diesjährigen Forbacher Festival wieder entgegenzusehen.
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Rendez-vous musique nouvelle:
25 Jahre internationales Festival in Lothringen /
Rendez-vous musique nouvelle.
Beitr.: Gerhard R. Koch; Andreas Wagner
Übersetzung: Martin Kaltenecker
Pfau-Verlag, Saarbrücken 2001.
112 Seiten, zweisprachig deutsch/französisch, Paperback
ISBN 3-89727-129-X
Weitere Informationen zum
Forbacher Festival "rendez-vous musique nouvelle"
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