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Der Stuttgarter " Ring" im August bei ARTE:

Das Buch zum "Film": Tiefenbohrung im "Ring des Nibelungen"


Von Christoph Wurzel (Juli 2003)

Im deutsch - französischen Kulturkanal ARTE werden im August die vier Abende des "Ring des Nibelungen" in den Inszenierungen der Stuttgarter Staatsoper gezeigt (siehe unsere Rezension). Es beginnt am 6. August mit Das Rheingold (21.25 Uhr). Die Walküre folgt am 9. August um 15.15. Uhr. Am Tag darauf wird Siegfried gezeigt (10. August, 15.05 Uhr), sowie die Götterdämmerung am 13. August um 21.45 Uhr.

Wagnerfreunde, die wider Erwarten keine Karten für die Festspiele ergattern konnten und nicht zufällig in Bayreuth weilen, sollten diese Sendetermine nicht verpassen. Wenn sie sich auch nur im Fernsehen ereignen, so werden diese Aufzeichnungen des mittlerweile schon legendären Stuttgarter Rings doch einen guten Einblick geben in die faszinierenden Konzepte der vier unterschiedlichen Regisseure. Nicht zuletzt wird es auch ein musikalisches Hörerlebnis werden, denn die Interpretation durch die weitgehend hervorragende Sänger-Besetzung und die hochdramatische Orchesterleitung durch Lothar Zagrosek lässt sich über entsprechende Lautsprecher nacherleben.

Wer noch weiter in die interpretatorischen Gedankengänge des Stuttgarter Produktionsteams eintauchen möchte, dem sei das "Buch zu den Filmen" empfohlen: ein Sammelband mit Aufsätzen, die die erweiterten Beiträge zahlreicher Musikwissenschaftler und Theaterpraktiker enthalten, welche sich im Oktober 1999, also mitten im Produktionsprozess des Stuttgarter Rings (die Premieren lagen zwischen März 1999 und März 2000) zu einem Symposium zusammengefunden hatten, um die dramaturgischen Implikationen einer derartigen Kraftanstrengung auszuleuchten, wie sie die Produktion des Rings wohl für jedes Opernhaus bedeutet. Gerade diese dramaturgische Tiefenbohrung ist es auch, was wohl im Besonderen die Qualität der Stuttgarter Staatsoper unter Klaus Zehelein ausmachen dürfte.

An der Schnittstelle zwischen ästhetischer Theorie und theaterpraktischer Arbeit waren die Referenten orientiert und schlugen aus diesem Zusammentreffen Funken, die die vielfältigen Aspekte von Wagners Tetralogie wahrlich zu erhellen vermögen. Nicht nur das: auch der geistesgeschichtliche Hintergrund Wagners wurde ausgeleuchtet, wie etwa in Stefan Breuers Beitrag über "Richard Wagners Fundamentalismus", den er in dessen radikaler "Welt- beziehungsweise Zeitablehnung" in Verbindung mit einer letztlich erotischen Erlösungserwartung festmacht.

In drei Abteilungen nähern sich die Beiträge dem komplexen Thema. In einem ersten Block "Modernität - Mythos - Dialektik" werden grundsätzliche Aspekte von Wagners Ästhetik und seiner Zurichtung des Nibelungenstoffs untersucht.

Im zweiten Teil geht es um die Analyse wichtiger musikalischer Aspekte der Tetralogie. So etwa untersucht Claus - Steffen Mahnkopf die musikalische Syntax der Gewalt, von Hass und Rache, im 2. Akt der Götterdämmerung oder Eckehard Kiem bricht eine Lanze für den seiner Ansicht nach in musikalischer Hinsicht unterschätzen 1. Siegfried - Akt und arbeitet in seinem Beitrag "Angstmusik" hochinteressante Parallelen zwischen der textlich - inhaltlichen, der psychologischen aber auch besonders der musikalischen Gestaltung etwa Mimes durch Wagner und dem Doktor in Bergs Wozzek heraus.

In der dritten Abteilung sind Aufsätze versammelt, die sich mit der psychologischen Seite einzelner Figuren aus Wagners Ringdichtung beschäftigen. So interpretiert Nike Wagner die Gestalt des Wotan als eine "Warnung" Wagners vor dem modernen sich omnipotent fühlenden Machtmenschen. Wotan stehe "sinnbildlich für jede Gegenwart, die sich einseitig über Naturausbeutung, Konzernkonzentration und Silicon - Valley - Technologien definiert und daraus ihr Wertsystem ableitet", mit allen Folgen für Mensch und Gesellschaft, die sich aus dieser Perversion von Intelligenz ergeben. Nicht genug damit sei Wotan auch in seiner inneren Zerrissenheit zwischen seinen Ansprüchen nach "Macht und Liebe und wieder Macht" eine zeitgenössische Figur, "wahrhaftig in seiner Konfliktlage als Mann und Politiker". Dies manifestiere sich besonders im 2. und 3. Akt der Walküre in den Szenen der Auseinandersetzung mit Brünnhilde, seiner Tochter, in denen er sein Unbewusstes zur Sprache bringen kann. Wer diese Szenen in der Inszenierung Christof Nels im Rahmen des Stuttgarter Ring - Zyklus sehen kann, wird nachvollziehen, was damit gemeint ist. Insofern bietet dieser Band eine Fülle von erhellenden Impulsen, die eine vertiefte Beschäftigung mit Wagners Werk ermöglichen und ein gründliches Verstehen der Stuttgarter Regieansätze erleichtern.

Abschließend finden sich in dem Band Gespräche mit dem Intendanten Klaus Zehelein und dem Chefdirigenten Lothar Zagrosek über ihre Auffassungen der Aufführung des Ring - Zyklus. Angereichert wird das Buch durch (leider nur ) Schwarz - weiß - Fotos mit Szenen aus den einzelnen Opern. Ein Namens- und Werkregister ist hilfreich, sich zwischen den insgesamt 17 Beiträgen zurechtzufinden.

Das Buch stellt stellenweise hohe Anforderungen an den Leser, denn es hält durchweg ein sehr hohes intellektuelles Niveau, anderseits sind die meisten Beiträge anschaulich und flüssig geschrieben. Es ist im Übrigen auch über den Kontext der Stuttgarter Produktion hinaus durchaus von hohem Informationswert und dürfte hinsichtlich der Rezeption des Ring des Nibelungen eine ganze Reihe wichtiger neuer Blickwinkel eröffnen oder schon bekannte vertiefen.


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Cover


Richard Klein (Hrsg):
Narben des Gesamtkunstwerks. Wagners Ring des Nibelungen.
Wilhelm Fink Verlag, München, 2001.
Kartoniert. 311 Seiten. € 35,80
ISBN: 3-7705-3565-0
Herausgegeben in Zusammenarbeit
mit der Staatsoper Stuttgart.



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