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"Der größte Opernkomponist des 20. Jahrhunderts"Der Komponist Leos Janácek zwischen Realität, Mythos und Selbststilisierung
Leos Janácek: Eine Randfigur der Musik des beginnenden 20. Jahrhunderts? Auf die Frage nach der Wirkung der Musik Leos Janáceks in den 50 und 60er Jahren bekennt der Dirigent Gerd Albrecht, man sei damals zu sehr mit dem traditionellen Repertoire und der Neuen Musik beschäftigt gewesen: "Der erste, der rehabilitiert wurde, war Gustav Mahler. (...) Dann arbeitete man die Zweite Wiener Schule wieder auf - Schönberg, Berg, Webern. (...) Als man damit fertig war, haben die meisten Schluss gemacht." Janácek, geboren 1854 im mährischen Hukvaldy, schlägt zunächst eine pädagogische Laufbahn ein: 1869 nimmt er seine Studien an der Slawischen Lehrerbildungsanstalt im Minnoriten-Kloster in Brünn auf, an der er drei Jahre später seinen Dienst als Lehrer antritt. Seine Ausbildung als Komponist erhält er durch sein 1874 begonnenes Studium an der Prager Orgelschule sowie durch zwei nach kurzem Aufenthalt abgebrochene Studien in Leipzig und Wien. Dieser Abbruch findet auch kompositorisch seinen Niederschlag in der Ablehnung der westlich geprägten Formästhetik. Janácek sucht schon früh nach eigenen, dramatischen Ausdrucksmöglichkeiten: "Die Kunst dramatischen Schreibens besteht in der Komposition einer melodischen Kurve, die plötzlich wie durch Zauberei ein menschliches Wesen in einer fest umrissenen Phase seiner Existenz enthüllt." Gerade in der Schilderung der langen Jahre von Versuch und Irrtum und der Suche nach Anerkennung als Komponist legt Saremba die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der Person Janácek offen. So stehen humanistische Grundhaltung und soziales Engagement seiner Kompositionen unvermittelt neben intolerantem Nationalismus, der mitunter skurrile Blüten trägt: Die Anekdote, nach der Janácek lieber eine halbe Stunde zu Fuß lief, statt die Straßenbahn mit ihren deutschsprachigen Haltestellennamen zu benutzen, ist nur die Harmloseste. Nicht nur im Zusammenhang mit solchen Anekdoten, sondern vor allem auch in Bezug auf Komposition und Ästhetik stellt sich immer wieder die Frage: Was ist musikhistorische Realität und was ist Fiktion, Mythos oder Stilisierung? Saremba versucht, sich diesem Problem zu stellen durch einen umfangreichen Einsatz von Quellenmaterial, welches er durchaus kritischen Prüfungen unterzieht um auf diese Weise eine Korrektur bzw. Ergänzung des bisher allgemein vorherrschenden Janácek-Bildes anzuregen. Eine besondere Stellung nimmt auch der engagierte Förderer, erste Biograph und Übersetzer der Opern, der Dichter Max Brod, ein. Ausführlich diskutiert Saremba dessen Leistungen für die Rezeption Janáceks - die jedoch untrennbar mit Verzerrungen und Mythenbildungen verbunden sind. Am Beispiel des deutschen Titels seiner bekanntesten Oper "Ihre Stieftochter" zeigt Saremba, wie der Name einer einzelnen Hauptperson als Titel der Oper das ihr zugrundeliegende Beziehungsgeflecht unterschlagen kann. Doch "Verbesserungen" und "Vervollständigung" finden sich nicht nur in den Titeln oder Übersetzungen der Werke. Wie kaum ein anderer Komponist muss sich Janácek um der Aufführung seiner Werke Willen Retouchen, Kürzungen, Uminstrumentierungen oder gar die Neukomposition ganzer Teile seiner Opern durch Dirigenten gefallen lassen - das gilt besonders in der Zeit, in der er noch nicht den Ruf eines international anerkannten Komponisten genießt. So sind zahlreiche seiner Werke, vor allem die Opern "Jenufa" und "Aus einem Totenhaus" zunächst nur in den jeweils bearbeiteten Fassungen bekannt geworden. Die wenigen Schwächen dieses sehr lesenswerten Buches liegen vor allem im systematischen Teil: Denn bei allem Aufwand an Quellenforschung wäre es durchaus angebracht gewesen, eine systematische Bibliographie oder wenigstens ein alphabetisches Literaturverzeichnis sowie ein systematisches Werkverzeichnis anzulegen. Als Nachschlagewerk ist dieser Band somit nicht zu gebrauchen, weitergehend interessierte Leser müssen sich ihre Hinweise in den Fußnoten zusammensuchen oder die wenigen vorhandenen Bibliographien zu Rate ziehen. Ebenso vermisst man eine Diskografie, die Auskunft über Einspielungen nach neustem Stand der Quellenforschung gegeben hätte - zumal solche Einspielungen durchaus vorhanden sind. Doch im Verhältnis zum Gesamtertrag des Buches handelt es sich hierbei um kleine Schönheitsfehler. Bleibt zu bemerken, dass sich eine solch detaillierte und ausführliche Darstellung keinesfalls nur an "Experten" wendet: Gerade in der Schilderung des zeitgeschichtlichen und politischen Kontextes werden Zusammenhänge zwischen der Zeit und dem künstlerischen Schaffen auch für jene Leser deutlich, die wenig Kenntnisse über slawische Kulturgeschichte mitbringen. Alles in Allem ist hiermit also ein sehr lesenswertes Buch erschienen, für das man sich allerdings viel Zeit nehmen sollte! |
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- Fine -