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"Der größte Opernkomponist des 20. Jahrhunderts"

Der Komponist Leos Janácek zwischen Realität, Mythos und Selbststilisierung


Von Martin Rohr
Januar 2002

Leos Janácek: Eine Randfigur der Musik des beginnenden 20. Jahrhunderts? Auf die Frage nach der Wirkung der Musik Leos Janáceks in den 50 und 60er Jahren bekennt der Dirigent Gerd Albrecht, man sei damals zu sehr mit dem traditionellen Repertoire und der Neuen Musik beschäftigt gewesen: "Der erste, der rehabilitiert wurde, war Gustav Mahler. (...) Dann arbeitete man die Zweite Wiener Schule wieder auf - Schönberg, Berg, Webern. (...) Als man damit fertig war, haben die meisten Schluss gemacht."
Auch heute noch führt der mährische Komponist - trotz seines Ranges als tschechischer Nationalkomponist - ein Schattendasein im gängigen Konzertrepertoire: Am ehesten wird noch die Oper "Její pastorkyna" ("Ihre Stieftochter"), international bekannt unter dem von Max Brod geprägten Titel "Jenufa", gespielt - ein Werk, das eher den Beginn als die Vollendung der kompositorischen Individualität Leos Janáceks repräsentiert. Die über 20 Jahre später entstandenen, oftmals schroffen und eigenwilligen Spätwerke wie die Oper "Aus einem Totenhaus" oder seine beiden Streichquartette finden wesentlich seltener den Weg auf das Konzertpodium bzw. die Opernbühne. Eine Ausnahme ist hier seine Orchesterkomposition "Sinfonietta".
Um so bemerkenswerter ist der besondere Rang, der dem Komponisten von der musikwissenschaftlichen Zunft für die Entwicklung der Musik des 20. Jahrhunderts zugebilligt wird. Diese Diskrepanz zwischen musikgeschichtlichem Stellenwert und geringer Popularität beim Publikum ist nur einer von zahlreichen Widersprüchen bezüglich der Person Janáceks, die Meinhard Saremba in seiner neu erschienenen Biographie "Leos Janácek - Zeit - Leben - Werk - Wirkung" nachzeichnet.

Janácek, geboren 1854 im mährischen Hukvaldy, schlägt zunächst eine pädagogische Laufbahn ein: 1869 nimmt er seine Studien an der Slawischen Lehrerbildungsanstalt im Minnoriten-Kloster in Brünn auf, an der er drei Jahre später seinen Dienst als Lehrer antritt. Seine Ausbildung als Komponist erhält er durch sein 1874 begonnenes Studium an der Prager Orgelschule sowie durch zwei nach kurzem Aufenthalt abgebrochene Studien in Leipzig und Wien. Dieser Abbruch findet auch kompositorisch seinen Niederschlag in der Ablehnung der westlich geprägten Formästhetik. Janácek sucht schon früh nach eigenen, dramatischen Ausdrucksmöglichkeiten: "Die Kunst dramatischen Schreibens besteht in der Komposition einer melodischen Kurve, die plötzlich wie durch Zauberei ein menschliches Wesen in einer fest umrissenen Phase seiner Existenz enthüllt."
Nach langen Jahren, in denen Janácek nur eine lokale Größe seiner Heimatstadt Brünn ist, gelangt er erst spät - mit der Erstaufführung seiner Oper "Ihre Stieftochter" ("Jenufa") in Prag im Jahre 1916 - zu internationaler Anerkennung. Dazwischen liegen lange Jahre des Suchens und Ausprobierens, in denen Janácek nach den Wurzeln "wahrer" Musik sucht: Ausführlich erforscht er auf langen Reisen die Volksmusik seiner mährischen Heimat, die in Form von direkt zitierten Volksliedern in seinem frühen Opernversuch "Der Anfang einer Romanze" zum musikalischen Grundstoff wird. Mit den Veröffentlichungen von Volksliedsammlungen wird er zum Vorreiter für entsprechende Studien Bela Bartoks und Zoltan Kodalys.
Daneben entwickelt sich allmählich die Idee von der gesprochenen Sprache seiner Heimat als Ausgangspunkt aller Melodik. Mit nahezu mathematischer Genauigkeit registriert Janácek den melodischen Verlauf seiner Muttersprache und leitet aus diesen Beispielen seine Prinzipien von der Sprachmelodie ab - von Meinhard Saremba in vielen Beispielen plastisch dokumentiert.

Gerade in der Schilderung der langen Jahre von Versuch und Irrtum und der Suche nach Anerkennung als Komponist legt Saremba die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der Person Janácek offen. So stehen humanistische Grundhaltung und soziales Engagement seiner Kompositionen unvermittelt neben intolerantem Nationalismus, der mitunter skurrile Blüten trägt: Die Anekdote, nach der Janácek lieber eine halbe Stunde zu Fuß lief, statt die Straßenbahn mit ihren deutschsprachigen Haltestellennamen zu benutzen, ist nur die Harmloseste.

Nicht nur im Zusammenhang mit solchen Anekdoten, sondern vor allem auch in Bezug auf Komposition und Ästhetik stellt sich immer wieder die Frage: Was ist musikhistorische Realität und was ist Fiktion, Mythos oder Stilisierung? Saremba versucht, sich diesem Problem zu stellen durch einen umfangreichen Einsatz von Quellenmaterial, welches er durchaus kritischen Prüfungen unterzieht um auf diese Weise eine Korrektur bzw. Ergänzung des bisher allgemein vorherrschenden Janácek-Bildes anzuregen.
Ausführlich kommt der Komponist selbst zu Wort, so in Interviews und in seiner umfangreichen Korrespondenz mit Max Brod, wie auch mit potenziellen Verlegern, Dirigenten etc. Gerade in der privaten Korrespondenz mit der von Janácek in seinen späten Jahren nahezu abgöttisch verehrten Kamilla Stösslowa macht Saremba nach kritischer Würdigung Elemente einer Selbststilisierung aus, deren Adressaten durchaus außerhalb dieser eigenartigen und einseitigen Liebeseziehung zu suchen sind.

Eine besondere Stellung nimmt auch der engagierte Förderer, erste Biograph und Übersetzer der Opern, der Dichter Max Brod, ein. Ausführlich diskutiert Saremba dessen Leistungen für die Rezeption Janáceks - die jedoch untrennbar mit Verzerrungen und Mythenbildungen verbunden sind. Am Beispiel des deutschen Titels seiner bekanntesten Oper "Ihre Stieftochter" zeigt Saremba, wie der Name einer einzelnen Hauptperson als Titel der Oper das ihr zugrundeliegende Beziehungsgeflecht unterschlagen kann.

Doch "Verbesserungen" und "Vervollständigung" finden sich nicht nur in den Titeln oder Übersetzungen der Werke. Wie kaum ein anderer Komponist muss sich Janácek um der Aufführung seiner Werke Willen Retouchen, Kürzungen, Uminstrumentierungen oder gar die Neukomposition ganzer Teile seiner Opern durch Dirigenten gefallen lassen - das gilt besonders in der Zeit, in der er noch nicht den Ruf eines international anerkannten Komponisten genießt. So sind zahlreiche seiner Werke, vor allem die Opern "Jenufa" und "Aus einem Totenhaus" zunächst nur in den jeweils bearbeiteten Fassungen bekannt geworden.
Es gelingt Saremba durch detaillierte Einblicke in die Kompositionsweise Janáceks, die Bedeutung solcher Änderungen auszuloten, die einem gänzlich anderen als dem kargen Klangideal Janáceks entsprechen. Auch hier wieder finden sich seltsam paradoxe Züge in der Person Janáceks: Auf der einen Seite betreibt er wissenschaftlich exakte Vorstudien für seine Kompositionen und beharrt auf kleinsten Detaills. Auf der anderen Seite erweist sich Janácek seltsam Gleichgültig bezüglich Änderungen und "Verbesserungen".
Vor diesem Hintergrund sind besonders die Interviews zur Rezeption lesenswert, in denen neben Raphael Kubelik und Gerd Albrecht der renommierte Janácek-Forscher und Interpret Sir Charles Mackerras zu Wort kommt und über die Fragen der Autentizität verschiedener Fassungen und die Möglichkeiten der Recherche Auskunft gibt.

Die wenigen Schwächen dieses sehr lesenswerten Buches liegen vor allem im systematischen Teil: Denn bei allem Aufwand an Quellenforschung wäre es durchaus angebracht gewesen, eine systematische Bibliographie oder wenigstens ein alphabetisches Literaturverzeichnis sowie ein systematisches Werkverzeichnis anzulegen. Als Nachschlagewerk ist dieser Band somit nicht zu gebrauchen, weitergehend interessierte Leser müssen sich ihre Hinweise in den Fußnoten zusammensuchen oder die wenigen vorhandenen Bibliographien zu Rate ziehen. Ebenso vermisst man eine Diskografie, die Auskunft über Einspielungen nach neustem Stand der Quellenforschung gegeben hätte - zumal solche Einspielungen durchaus vorhanden sind. Doch im Verhältnis zum Gesamtertrag des Buches handelt es sich hierbei um kleine Schönheitsfehler.

Bleibt zu bemerken, dass sich eine solch detaillierte und ausführliche Darstellung keinesfalls nur an "Experten" wendet: Gerade in der Schilderung des zeitgeschichtlichen und politischen Kontextes werden Zusammenhänge zwischen der Zeit und dem künstlerischen Schaffen auch für jene Leser deutlich, die wenig Kenntnisse über slawische Kulturgeschichte mitbringen. Alles in Allem ist hiermit also ein sehr lesenswertes Buch erschienen, für das man sich allerdings viel Zeit nehmen sollte!




Cover


Meinhard Saremba:
Leos Janácek. Zeit - Leben - Werk - Wirkung.
Mit Notenbeispielen, Abbilungen und Tabellen
Bärenreiter-Verlag, Kassel u.a. 2001.
Hardcover, 455 Seiten
89,90 DM.
ISBN 3-7618-1500-X



Da capo al Fine

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