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Dokumentation bietet Material mit großem Spektrum

30 Jahre Neue Musik im Saarland


Von Sebastian Hanusa
Juli 2001


Bücher, die zu runden Jubiläen welcher Coleur auch immer erscheinen sind immer etwas doppelgesichtig: Soll die Dokumentation im Vordergrund stehen - meistens in Form einer möglichst umfassenden Sammlung der angefallenen Daten - oder will man lieber ein Rückblicks- und Erinnerungsbuch mehr oder weniger wissenschaftlichen Anspruchs - häufig mit einer sehr dominanten persönlichen Note; ein Autor befragt sein Gedächtnis, die Leser merken mit einem "Ach ja, so war das damals" auf. Beides findet sich in der Dokumentation über dreißig Jahre Festival-Aktivität des Saarländischen Rundfunks in Sachen Neuer Musik. Das Buch, welches unter dem Titel "Musik im 20. Jahrhundert 1970-2000. Eine Dokumentation" zum ersten Jahrgang von Musik im 21. Jahrhundert erschienen ist, umfasst zehn kurze Beiträge über die verschiedenen Abschnitte der Festival-Geschichte, dazu eine umfangreiche Auflistung aller Jahrgänge mit den gespielten Stücken und den beteiligten Interpreten.

Die Texte sind aus umgearbeiteten Rundfunk-Manuskripten entstanden - auf knappem Raum wird ein kursorischer Überblick über die wichtigsten Stationen und Konzerte gegeben, ergänzend sind verschiedene Zeitungs-Rezensionen der betreffenden Ereignisse abgedruckt. Bemerkbar macht sich die radiophone Herkunft der Texte - sowohl in einer nicht zu komplexen Sprache, als auch darin, dass hier augenscheinlich an einen breiteren Hörer- und Leserkreis gedacht wurde, dessen Interesse eher an kompakter, leicht komensurabler Information gelegen sein mag. Trotzdem ist den Autoren zu Gute zu halten, dass sie nicht ins Anekdotische verfallen sind, sondern eine gleichsam seriöse, wie auch unterhaltsame Darstellungsweise gefunden haben.

Schon bei der Lektüre der Texte fällt der Stellenwert dieses kleinen Festivals auf. Zwar ist das Saarland nicht nur topographisch in einer Randlage und die Hauptstadt Saarbrücken zählt nicht gerade zu den deutschen Kultur-Metropolen, wie der Saarländischen Rundfunk auch eher überschaubar ist. Trotzdem ist es beeindruckend zu sehen, dass hier eigentlich alle auch heute noch maßgeblichen Komponisten und Strömungen der Neuen Musik teilweise schon sehr früh ein Forum gefunden haben. Gerade die vollständige Dokumentation der Konzerte liest sich wie ein Who-is-who der Neuen Musik - auch hinsichtlich der Interpreten. Nicht nur in der Ära Hans Zenders von 1972 bis 1983 als Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters waren eigentlich alle da, die Rang und Namen hatten. Es wurde - um nur einiges herauszugreifen - hier maßgeblich die "Rehabilitation" Bernd Alois Zimmermanns betrieben, das Schaffen Helmut Lachenmanns gewürdigt, wurden auch immer wieder Projekte gefördert, die sich einer Erweiterung des traditionellen Konzertbetriebs verschrieben hatten. Hier wären die diversen Happening-Formen ebenso zu nennen, wie die Klanginstallation, improvisierte Neue Musik und der Versuch alternative Aufführungsorte abseits des Konzertsaals zu erschließen. Auch außereuropäische Musikkulturen hatten immer ihren Platz.

Was verspricht nun ein derartiges Buch? Zum einen lesen sich die Texte als interessante Gedächtnisstütze sowohl für die Dabeigewesenen, als auch für jeden an der Neuen Musik interessierten. Zum anderen wird hier eine Dokumentation eines dreißigjährigen Abschnitts Aufführungspraxis geboten, der Material für einen bisher erst wenig erforschten Aspekt der Musik in Deutschland nach 1945 liefert. Die Rolle der Rundfunkanstalten für die Neue Musik ist unbestritten - bezüglich der Bereitstellung von finanziellen und logistischen Mitteln, als auch in ihrer Funktion als Medium für Vermittlung und Diskussion des aktuellen musikalischen Diskurses. Der Saarländische Rundfunk bildet in seinem kleinen Rahmen hierzu keine Ausnahme. Interessant ist hingegen die Frage, inwieweit von Personen auf den betreffenden Redakteurs- und Dirigentenposten, die zudem häufig genug in Personalunion auch Musikwissenschaftler, Kritiker und Komponisten sind, jener Diskurs in eine bestimmte Richtung gelenkt worden ist. Welche Präferenzen und Verflechtungen sind wirksam, wo läßt sich der Ursprung einer ästhetischen Position verorten, wie vollziehen sich Modifikationen einer derartigen Position, wie beeinflussen sich kompositorische Entscheidung und deren immer schon vorausgesetzte Rezeption - wie sieht es mit dem Bereich ganz profaner materieller Interessen aus. Gerade zu einer solchen Untersuchung finden sich sowohl im fortlaufenden Text als auch in den Listen der Konzerte wichtige Ansatzpunkte.

Genauso wie das Buch mit dem Ausblick auf "Musik im 21. Jahrhundert" endet - dessen erster Jahrgang mittlerweile auch schon archivarischen Wert besitzt - sollte ein Blick in die Zukunft geworfen werden. Seit nunmehr drei Jahrgängen wird das Programm maßgeblich von einem externen künstlerischen Leiter gestaltet - nach dem Kronos-Quartett und Luciano Berio war es dieses Jahr der Schweizer Klarinettist Eduard Brunner. Ohne vorschnell ein Urteil fällen zu wollen, scheint gerade in diesen letzten Jahren ein wenig der Rückgriff auf Bewährtes verstärkt die Programm-Planung zu bestimmen. Nicht, das dies schlechte Musik zur Folge hätte... Durch den neuen Länderfinanzausgleich droht dem Saarländischen Rundfunk schließlich wieder einmal eine existenzielle Krise, der Blick auf die Quote hat allerorten nahezu hypnotische Qualität. Auch ist nach den "wilden Jahren" der Neuen Musik und der mittlerweile auch schon angestaubten Regression in postmoderner Etikettierung eine besinnliche Ruhe in der Szene eingekehrt. Aber man fragt sich bei der Lektüre des Buchs, wo denn in den letzten Jahren die außereuropäischen Programmpunkte geblieben sind, ob eine Konzentration auf den Konzertsaal und hier besonders auf reine Instrumental-Musik nicht viele Fragen, die durch die Klanginstallation, die Einbeziehung von Improvisation und szenischen Elementen bis hin zum Happening aufgeworfen wurden, nicht schlichtweg ignoriert. Gerade in den unerforschten Regionen an den Rändern des Gewohnten entsteht Neues, kommt es zu unvorhergesehenen Lösungen. Insofern wirft das Buch über die letzten dreißig Jahre ein Licht auf die Zukunft, fragt man sich gerade bei der Feststellung, dass in Saarbrücken auch immer kleine Impulse abseits des Gewohnten gesetzt worden sind, ob diese Tendenz auch in den nächsten dreißig Jahren noch überlebensfähig ist. Gerade für eine "anti-museale", lebendige Festival-Kultur ist dies zu hoffen.




Cover



Wolfgang Korb und Friedrich Spangemacher im Auftrag des Saarländischen Rundfunks (Hrsg.):
"Musik im 20. Jahrhundert". 1970-2000. Eine Dokumentation.
Pfau Verlag, Saarbrücken 2001
Kartoniert, 216 Seiten, DM 30.-
ISBN 3-89727-144-3



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