Franz Schubert. Compositeur.
Eine Annäherung in 7 Kapiteln
Von Christoph Wurzel
Dezember 2001
Über kaum einen anderen Komponisten, vielleicht außer Mozart, gibt es so vielfältige, widersprüchliche, verzerrende Bilder wie über Franz Schubert. Den Einen gilt er als der Komponist der "himmlischen Längen", für Andere muss er als Repräsentant der melancholischen Innerlichkeit herhalten. Er soll das "verkannte Genie" gewesen sein, aber auch einer der erfolgreichsten Salonkomponisten seiner Zeit. Der elend leidende Syphilitiker hat im "Dreimäderlhaus" mit eben diesen gleichzeitig zu tun. Klischees über Klischees. Der Bildband von Ernst Hilmar ermöglicht eine Annäherung an Schubert, indem er ihn gewissenhaft von der Peripherie her beleuchtet: Aus verschiedenen Blickwinkeln wird die Existenz Schuberts erhellt. Ähnlich wie in einem Museum werden vielerlei Fundstücke dargeboten, aus denen ein, wenn vielleicht auch nicht rundes, so doch vielschichtig lebendiges Bild entsteht. Dieser Band kann wie ein Bilderbuch immer wieder neu als eine Fundgrube anregender und interessanter Facetten der Künstlerpersönlichkeit Franz Schubert gelesen und betrachtet werden. Allerdings richtet er sich eher an solche Leserinnen und Leser, die mit Schuberts Musik nicht ganz unvertraut sind, denn seine Werke werden nicht näher erläutert.
Nach einem kurzen Abriss seines an Sensationen wahrlich armen Lebens, lassen sich im zweiten Kapitel die zahlreichen Portraits sichten und vergleichen, die es von Schubert gibt. Es sind nur wenige offensichtlich authentische Abbildungen darunter, obwohl die meisten Künstler Schubert persönlich gekannt haben. Eines der bekanntesten Schubertbilder ist die Sepiazeichnung von Wilhelm August Rieder, die von diesem und von Schubert signiert ist und die auch das Titelcover ziert. Scheinbar widersprüchlich sind die Aussagen über Schuberts Wesen. Einerseits wird er "eher stumpf als geistreich, eher mürrisch als heiter" charakterisiert. Andererseits heben Freunde hervor, dass er "bescheiden, treuherzig, offen, keiner Hinterlistigkeit fähig und mitteilend in der Freude" gewesen sei. Auch werden sein Humor und seine Redseligkeit gerühmt. Es kommt offenbar ganz darauf an, in welcher Gesellschaft er sich befand. Insgesamt scheint Franz Schubert ein durchaus schüchterner Mensch gewesen zu sein, aber gerade deswegen nicht ohne Hang zu aufbrausenden Stellungnahmen, was ihm sogar einmal wegen "Verbalinjurien und Beschimpfungen gegenüber der Obrigkeit" eine Verwarnung eingebracht hat.
Unter der Rubrik "Familie, Freunde, Zeitgenossen" werden vor allem die zahlreichen Künstlerfreunde Schuberts vorgestellt. Franz von Schober, der Dichter und Schauspieler, ist wohl der Freund gewesen, der für Schubert mit am wichtigsten war. Ihm und dem Maler Leopold Kupelwieser vertraute Schubert seine innersten Gefühle am deutlichsten an. Der Brief an Kupelwieser, in dem Schubert ihm "seine Seele ganz ausschüttet" und sich als den "elendesten, unglücklichsten Menschen auf der Welt" bezeichnet, ist im Autograph abgebildet.
Von Johann Mayrhofer vertonte Schubert eine Reihe von Gedichten. Mit ihm wohnte er auch eine kurze Zeit in einer Wohnung zusammen. Die Freundschaft trübte sich allerdings - nach Darstellung von Hilmar, weil Mayrhofer entgegen seinem liberalen Anspruch zugleich als Revisor und Zensor für Veröffentlichungen dem repressiven Metternich'schen System allzu gute Dienste leistete. Möglicherweise nahm Schubert auch deswegen Abstand von Mayrhofer, weil ihm dessen homophile Neigungen, die sich in einigen seiner Gedichte spiegeln, zu eng geworden waren. Darüber - und überhaupt über den ganzen Bereich der Liebesbeziehungen - erfährt man aber in diesem Buch nichts.
Etwas kurz kommen auch die politischen Hintergründe des besagten Repressionsstaates. Schubert war mit Grillparzer befreundet, mit Nestroy und anderen liberalen Intellektuellen des damaligen Wien, die zu dem System der Karlsbader Beschlüsse und zu der Verfolgung der Demokraten in Opposition standen. Unvorstellbar, dass Schubert dazu keine Meinung gehabt hat, wenn er auch kein dezidiert politischer Mensch gewesen sein dürfte. Informationen hierüber könnten aufschlussreich sein. Ebenfalls etwas kurz kommt die Familie, aus der Schubert stammt. Der Vater, offenbar ein herrischer, mürrischer Mann, wird nur sehr knapp vorgestellt. Interessant wäre es, mehr über seinen Einfluss auf den Sohn zu erfahren. Ein etwas schärferes Bild nimmt Schuberts Bruder Ferdinand an, bei dem er seine letzten Lebensmonate verbrachte. Leider fehlt auch gänzlich jede Erwähnung oder Erklärung von Schuberts Krankheit(en), einem doch wichtigen Kapitel in seinem nur 31jährigen Leben.
In Bild und Text recht anschaulich werden die Schubertiaden vorgestellt - musikalische Zirkel, in denen vor allem Musik, aber auch andere Künste gepflegt wurden. Natürlich waren sie auch ein gesellschaftliches Ereignis in Bürgerkreisen, an denen Frauen und Männer in gleicher Weise beteiligt waren. Schubert hatte hier vor allem den Part des musikalischen Vorreiters inne.
Ein eigenes Kapitel widmet der Autor auch den verschiedenen Schubertstätten, seinen Wohnungen ebenso wie den Zielen der wenigen Reisen oder auswärtiger Aufenthalte aus anderen Gründen. Während seiner Anstellung als Musiklehrer der beiden Töchter des Fürsten Esterházy in Zseliz, Ungarn wohnte Schubert noch ganz nach absolutistischer Tradition im Gesindehaus. Dennoch zählten diese Monate im Sommer 1818, seinen Briefen nach zu urteilen, zu den glücklichsten seines Lebens. Ironie des Schicksals im Leben eines "freien" bürgerlichen Künstlers!
Aufschlussreich ist auch eine scheinbar nebensächliche Information, nach der Schubert während eines Aufenthaltes in Badgastein im August 1825 u.a. zwei Lieder komponiert hat, nämlich "Das Heimweh" und "Die Allmacht". Der Verfasser beider Texte ist Johann Ladislaus von Pyrker von Felsö - Eör, seines Zeichens Patriarch von Venedig. Dieser Kirchenmann befand sich zur selben Zeit ebenfalls in dem Quartier, dem "Straubinger Hof". Nimmt man die beiden Lieder hervor, kann es unmöglich sein, dass Schubert spontan und aus Begeisterung für eine großartige Dichtung Pyrkers Texte vertont hat. Ihm ist zu den ungelenken und schwülstigen Versen nur eine sehr mittelmäßige Musik eingefallen. Nun lässt sich leicht spekulieren, welcher Grund der wahre sein könnte für die Ehre, die Schubert den Texten des Bischofs hat angedeihen lassen.
Ein Jahr später hat ein Gesuch an den "allergnädigsten Kaiser", das Schubert in steifer, aber korrekter Handschrift verfasst hat und in dem er um Anstellung als Vizehofkapellmeister bittet, auch keinen Erfolg gehabt. Schubert begründet sein Ansinnen in diesem Schreiben u.a. so: 1. Ist derselbe in Wien gebürtig, der Sohn eines Schullehrers und 29 Jahre alt. 2. Genoß derselbe die allerhöchste Gnade, durch 5 Jahre als Hofsängerknabe Zögling des k.k. Convictes zu seyn. 3. Erhielt er vollständigen Unterricht in der Composition von dem gewesenen ersten Hofkapellmeister Herrn Anton Salieri, wodurch er geeignet ist, jede Kapellmeisters Stelle zu übernehmen. 4. Ist sein Name durch seine Gesangs- und Instrumental-Compositionen nicht nur in Wien, sondern in ganz Deutschland günstig bekannt. Usw.usw. Unterzeichnet hat der Schreibert wie oft mit Franz Schubert.Compositeur.
Apropos Handschrift: Auffällig ist Schuberts schöne, runde und schwungvolle Handschrift in den Notenautographen: Die Noten sind so genau zu lesen, dass man daraus spielen könnte, der Text ist deutlich und verziert eingefügt. Diese Schrift deutet auf einen selbstsicheren Autor hin, der sich auch der Qualität seiner Werke bewusst ist. Ganz anders dann die Schrift in den beiden abgedruckten Briefen, in denen sich Schuberts Hoffnungslosigkeit und seine Lebensverzweiflung spiegeln.
Schuberts Dilemma ist es gewesen, als Liedkomponist sehr erfolgreich, als Kammermusiker durchaus beachtet, als Opernkomponist dagegen verkannt und als Sinfoniker nahezu völlig unbekannt gewesen zu sein. Hilmar spricht als Ursache dafür mehrmals den Geschmacksverfall dieser Jahre an, leider ohne die These zu begründen. Als Liedkomponist konnte Schubert reüssieren, da er mit dieser Form des intimen Gefühlsausdrucks wohl am leichtesten die bürgerlichen Kreise erreichen konnte, die dann auch seine Noten erwarben. Zahlreiche Dokumente von Subskriptionsangeboten oder Rezensionen Schubertscher Werke enthält das Buch. Wie populär an der Wende zum 19. Jahrhundert Schuberts Lieder geworden waren, beweisen die Notenpostkarten zu Schubertliedern, größtenteils mit unerträglich verkitschten Bilddarstellungen.
Dies ist ja überhaupt ein eigenes, umfangreiches Kapitel der Schubert-Rezeption: der Kitsch. Der Band zeigt davon Beispiele aus allen Genres: einen Schubert-Festwagen mit dem Komponisten aus Pappmaché, ein Schubert-Kreuzworträtsel, die Figuren des Dreimäderlhauses zum Ausschneiden, Schubert-Tassen und was der Nippes noch mehr sind. Am nettesten ist da noch der Scherenschnitt " Die Feier von Schubert's 100. Geburtstag im Himmel" aus dem Jahre 1897. Zu sehen ist natürlich der Jubilar, dem von einem Engel der Lorbeerkranz aufgesetzt wird. Die Gratulationscour von 11 weiteren Aposteln der Musik, umrahmt von musizierenden und jubilierenden Putten, vereinigt Bach, Händel, Mozart, Haydn, Beethoven und Weber (vor Schubert schon im Himmel) mit Schumann, Wagner, Liszt, Bruckner und Brahms zur Huldigung an den Schubert Franzl.
Ein Glück nur, dass Schubert keine Weihnachtslieder komponiert hat. Unschwer ließe sich ausdenken, wie der Schubert - Kitsch sich dann heute zwischen Karstadt und Kaufhof und auf dem Weihnachtsmarkt zwischen Glühwein und Grillwurst anhören würde. Es ist vielleicht die ausgleichende Gerechtigkeit, dass die Musik dieses vom Leben nicht gerade verwöhnten Künstlers vor der akustischen Vermüllung in unseren Tagen wenigstens im Wesentlichen verschont geblieben ist.
Aber das Buch über Schubert ist, wenn auch mancher Aspekt noch näher hätte beleuchtet werden können, als ein Geschenk zu Weihnachten für eine Musikfreundin oder einen Musikfreund durchaus zu empfehlen. Man wird es auch nach dem ersten Lesen immer wieder in die Hand nehmen, um darin herumzustreifen wie in einem Museum.
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Hilmar, Ernst:
Schubert.
Akademische Druck- und Verlagsanstalt,
Graz 1996.
Leinen. 216 Seiten. 46 Farb- und 304 Schwarzweiß-
Abbildungen.
DM 95,84 / EUR 49,00
ISBN: 3-201-01474-5
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