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Matthew Borne
The Car Man
Sex and Crime in der Autowerkstatt
Von Stefan Schmöe
Die soundsovielste Carmen habe er nicht erzählen wollen, sagt Matthew Bourne, unangepasster englischer Pop-Choreograph des Jahrgangs 1960. Viel mehr als die Musik von Bizet (stark bearbeitet von Terry Davies) und Rodion Schtschedrins daran anknüpfende Carmen-Suite sowie eine sehr freie Verwendung einiger wichtiger Motive sind von dem vielleicht allzu populären Stoff geblieben, und der Titel The Car Man soll mit seinem Wortspiel diese spielerische Distanz zum Ausdruck bringen. Mit Schwanensee und Nussknacker - beide auch auf DVD erhältlich hat Bourne modisch-schick die Grenzen zwischen klassischem Ballett und grell buntem Musical mit lässigem Handstreich weggewischt, und ähnlich respektlos und kreativ geht er jetzt auch mit der im Jahr 2000 entstandenen und 2001 von der BBC aufgezeichneten Carmen respektive Car Man um. Das Plakat bzw. Cover der jetzt erschienenen DVD spielt nicht zufällig mit seinem dreizeiligen Schriftzug auf den Klassiker des Musical- und Tanzfilms an, nämlich die Oscar-gekrönte West Side Story (Regie: Robert Wise und Jerome Robbins) von 1961. Bourne erzählt nicht nur eine Geschichte aus eben dieser Zeit, sondern zitiert beinahe daraus, wenn er halbstarke Jungs vor einer schäbbigen Autowerkstatt tanzen lässt. In diese Gesellschaft platzt ein Fremder herein, ein muskulöser und selbstbewusster, zunächst plakativ machohafter Typ (Alan Vincent), der den Job als Car Man, also KFZ- Mechaniker, annimmt. Der verführt aber nicht nur die rothaarige Gattin des (trottelig-komödiantisch dargestellten) Werkstattbesitzers, sondern auch noch den hübschen und schüchternen Freund von dessen Tochter Rita. Damit setzt er eine Spirale der Gewalt in Gang, die viel Theaterblut benötigt, und die überraschenden Wendungen der Handlung sollen nicht weiter verraten werden, schließlich gehört der Überraschungseffekt zum Prinzip dieser Produktion. Bourne mixt gekonnt verschiedenste Stile und Stilebenen. Vieles ist aus der Perspektive des Films der 50er- und 60er-Jahre gedacht; so hat Car Man Luca bewusste Ähnlichkeit mit James Dean und Marlon Brando, und die Krimi-Handlung hat ihre Wurzeln nicht zuletzt bei Alfred Hitchcock. Rückblenden durch Parallelszenen und extrem langsam getanzte Zeitlupen sind tänzerische Mittel, die auf den Film verweisen (ebenso die realistischen Kostüme), und die Verfilmung, die zwar die Bühne als Aufführungsort erkennbar lässt, aber mit vielen Nahaufnahmen, schnellen Schnitten und ungewöhnlichen Blickwinkeln alles andere als den Blick des Publikums nachzeichnet, verstärkt das Filmische um ein weiteres. Neben den starken Anleihen beim Musical greift Bourne aber auch auf das klassische Ballett zurück. Dazu kommen die Assoziationen an die Carmen-Handlung (die Figur der Carmen geht im Car Man auf, Don José kehrt in dem zunächst braven Jungen Angelo wieder, Micaela in dessen Freundin Rita). Diese Mixtur aus vielen bekannten Elementen, die in immer wieder überraschenden Wendungen frappierend neu zusammengesetzt werden, macht den Reiz dieser Produktion aus. Dennoch hat Bournes Rezept etwas Spielerisches, was den Betrachter auf Distanz hält. So sehr das Blut auch strömt, zu große Betroffenheit wird nicht aufkommen. Die Tänzerinnen und Tänzer von Bourne 1986 gegründeter und seit 1987 von ihm geleiteter Compagnie adventures in motion pictures tanzen souverän zwischen den verschiedenen Stilen hin und her, und an rohen Stunts fehlt es ebenso wenig wie an verführerischer Erotik (wobei Bourne gerade sie Sex-Szenen virtuos dem Voyeurismus entzieht) mit dieser actionreichen Erzählweise wendet sich Bourne, die Grenzen zwischen den Genres überschreitend, an ein junges Publikum. Kindern unter 12 Jahren jedenfalls will der Produzent die mitunter derbe Sex-and-Crime-Story nicht zumuten. Ergänzt wird die ca. 90-minütige Stück durch ein kurzes Interview, in dem sich Bourne angenehm direkt zu The Car Man (und was ihn dazu inspiriert hat) äußert. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Matthew Bourne The Car Man
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