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Vincenzo Bellini
Norma


Musikalisch neue Edition der Norma

Von Thomas Tillmann

Eine neue Edition der Norma von Maurizio Biondi wird da angekündigt, aber weder auf den beiden DVDs selber - zum Beispiel in einem Special Feature, für das man den Dirigenten oder den für diese Version Verantwortlichen hätte interviewen können - noch in dem dürftigen Booklet, das ein paar allgemeine Sätze zum Komponisten und eine Inhaltsangabe in mehreren Sprachen bringt, findet man entsprechende Informationen. Natürlich hört man, das Barockspezialist Fabio Biondi (der auch als Erster Geiger auftritt, was möglicherweise der Aufführungspraxis der Zeit entspricht, hier aber doch eher als publicityträchtiges Mätzchen zu bezeichnen ist) sich viele und vernünftige Gedanken über die - mitunter zu einem aufmerksamen Zuhören geradezu zwingenden, federnd-bewegten - Tempi gemacht hat und viele der Nachspiele und Da capi ausführen lässt, natürlich bemerkt man, dass beispielsweise das erste Finale anders ist und dass es Alternativen etwa bei den Auszierungen der Vokalparts und den Begleitfiguren gibt, bei deren Ausführung der Dirigent sich ebenso große Mühe gibt wie bei den dynamischen Abstufungen, und dass auf Grund der Verwendung von Originalinstrumenten der Orchesterklang heller, schlanker und weniger pompös, dafür wunderbar transparent, aber keinesfalls dünn ist, doch wie man beim Erstellen dieser Fassung vorgegangen ist, bleibt ein Rätsel - wahrscheinlich ist, dass man sich die Originalquellen genauer angeschaut hat, aber ich stimme dem Kollegen Oreste Bossini zu, der bei www.delteatro.it schrieb: "Non è una rivoluzione. "

Der Mantel des Schweigens sei gehüllt über Roberto Andòs wirklich altertümliche, unfreiwillig am Rande der Parodie sich bewegende Regie, die Armerudern, Augenrollen und unmotiviertes Herumstehen zulässt, die dankenswerterweise meistens dunkle Bühne mit der zentralen Pappmachéeiche und einigen Säulen von Giovanni Carluccio und die schweren, fellbesetzten Kostüme von Nanà Cecchi, die durch zum Teil unerträgliche Langhaarperücken keineswegs aufgewertet werden, was natürlich im Theater weniger auffällt als auf dem Bildschirm (andererseits wusste man ja vermutlich, dass das Fernsehen kommt!), und auch die Gesichtsbemalung des Bühnenpersonals ist kein Gewinn.

June Anderson, die bereits 1978 an der New York City Opera in New York als Königin der Nacht debütierte, hatte bereits eine glanzvolle Karriere als Koloratursopran hinter sich, als sie sich an die Norma wagte, aber wie bei so vielen anderen, die es riskierten, ist die Stimme meines Erachtens nicht größer und dramatischer geworden, und so muss die Künstlerin einen ganzen langen Abend mächtig Druck auf ihr Organ ausüben, denn bei dieser Partie geht es weniger um Spitzentöne als um eine tragfähige Mittellage, und auch die Tiefe ist nicht selten gefordert, die der Amerikanerin erhebliche Mühe macht - ähnlich wie Joan Sutherland, die aber insgesamt mit mehr Substanz antrat. Wirklich uncharmant, glanzlos und weiß, mitunter auch steif oder flackernd klingt die hohe Lage, was wiederum an Renata Scotto denken lässt, die aber durch ihre immense Expressivität einiges wettmachen konnte, was der Kollegin nicht in demselben hohen Maß gelingt, wenngleich auch sie eine berührende, involvierte Darstellerin ist, die sich überflüssiger Primadonnenallüren enthält. In erhebliche vokale Not kommt die Anderson besonders in den Finalszenen, während ihr die Koloraturen nach wie vor keine Mühe machen (auch nicht in der in der höheren Originaltonart gegebenen und sehr langsam ausgeführten Auftrittsszene). Mit anderen Worten: Sie ist sicher keine schlechte Norma, aber eben auch keine, die die Rezeptionsgeschichte des Werkes nachhaltig beeinflussen kann.

Auch wenn in anderen Produktionen aus nachvollziehbaren dramaturgischen Gründen immer wieder versucht wird, eine weitere Sopranistin als Adalgisa zu verpflichten: Ich persönlich mag lieber eine satte, dunkle, gesunde, frauliche Mezzostimme als Kontrast, und über eine solche verfügt Daniela Barcellona ebenso wie über wenn nicht gerade leicht erreichte, aber doch ordentliche Acuti. Nach biografischem Material der Sänger sucht man auch bei diesem Produkt vergebens, und so kann ich nur mutmaßen, dass der aus Korea stammende Pollione-Darsteller Shin Young Hoon, den die Maske und die Frisurenabteilung wirklich skandalös entstellt haben, wie so viele seiner Landsleute in Italien studiert und dort gelernt hat, wie man im italienischen Stil singt, und tatsächlich bewältigt er die Partie gar nicht schlecht, schafft die verzierten Passagen, singt meistens ein schönes Legato und auch einige Spitzentöne, aber innere Beteiligung und wirkliche Interpretation darf man hier nicht erwarten. Ildar Abdrazakov ist ein vitaler, energischer Oroveso, der aber keineswegs nur poltert, sondern auch Piano singen kann, ohne dass die Figur deswegen an Autorität verlieren würde. Svetlana Ignatovitch ist eine angemessen diskrete Clotilde, Leonardo Melani ein engagierter Flavio, der freilich optisch eher als akustisch wirkt. Nicht vergessen werden darf der Chor des Festival Verdi, der den rhythmischen wie dynamischen Vorstellungen des Dirigenten glänzend folgt und durch sein schlankes, diszipliniertes Singen für sich einnimmt, und der exzellente Klang dieser Aufnahme (die ein Zusammenschnitt der fünf Vorstellungen ist, die es im März 2001 im schönen Teatro Regio in Parma gab?), bei der Stimmen und Orchester gut ausbalanciert sind und sehr präsent ans Ohr des Hörers dringen.


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Cover

Vincenzo Bellini
Norma

Tragedia lirica in due atti
von Felice Romani
Musik von Vincenzo Bellini

Shin Young Hoon - Pollione
Ildar Abdrazakov - Oroveso
June Anderson - Norma
Daniela Barcellona - Adalgisa
Svetlana Ignatovitch - Clotilde
Leonardo Melani - Flavio


Coro del Festival Verdi
Leitung: Martino Faggiani

Orchestra Europa Galante

Dirigent: Fabio Biondi


Regie: Roberto Andò
Bühne: Giovanni Carluccio
Kostüme: Nanà Cecchi
Licht: Guido Levi

Aufnahme: Teatro Regio, Parma,
März 2001
Bildregie: Carlo Battistoni

Laufzeit: 163 min
Tonformat: DD 5.1 - DTS 5.1
- LPCM Stereo

TDK DV-OPNOR (2 DVD)

Weitere Informationen unter:
www.tdk-music.com



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