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Tannhäuser
Oper in drei Aufzügen
Text und Musik von Richard Wagner


Mehr Tannhäuser geht nicht - und trotzdem zu kurz ...

Von Ralf-Jochen Ehresmann


Wer immer sich an Wagners Tannhäuser heranmacht, muss noch vor dem 1.Ton als Propädeutikum die Wahl der Fassung klären, deren beide gängigste gemeinhin als "Dresdner" und "Pariser" (DF/PF) bezeichnet. Da beide Versionen Zugeständnisse an örtliche Aufführungsbedingungen konkreter Stationen in Wagners Biographie sind, ist die Frage nach des Künstlers "eigentlicher" Absicht hier nicht leicht zu beantworten, was in der Theaterpraxis unserer heutigen Bühnen meist dazu führt, dass die späteste überlieferte Fassung letzter Hand gespielt wird. Den Dramaturgen vorliegender Einspielung scheint das nicht gereicht zu haben. Sie bastelten sich einen Verschnitt, bei dem aus jeder Überlieferung die jeweils längste Variante einer Szene genommen wurde, so dass quasi die größtmögliche Anzahl originaler Töne zu hören ist. Konkret bedeutet das, dass das Vorspiel als Ouverture mit voller Reprise (DF) erklingen darf, die Auseinandersetzung Tannhäuser-Venus auch ihre Antizipation der Versöhnung im Rahmen ihrer Erörterung über Liebe und Verzeihung beinhaltet (PF) und im Sängerkrieg auch Walther seinen Beitrag abliefern und Tannhäuser demnach alle 4 (DF) Entgegnungen antworten kann. Mehr geht nicht!

Der Aufnahme kommt zugute, dass die Berliner Staatskapelle als eine der raren Bewahrerinnen altdeutscher Orchestertradition ihren samtenen Tonfall sehr trefflich über die ganze Oper ergießt, dem sich die Sängerinnen und Sänger dann bestens einfügen. Die Homogenität dieses mittlerweile fast einzigartigen Klanges zeigt sich insbesondere bei den Holzbläsern, die im Tannhäuser ja öfters exponiert spielen. VerehrerInnen einer streng analytisch-akademischen Spielweise werden den Kontrast deutlich spüren - und zugleich überrascht sein, wie viele Details auch hierbei herauszuhören sind, wenn man die Partitur kennt.

Die Venuspartie leidet allein daran, dass sie nicht etwas länger dauert, weil sie mit Waltraut Meier unübertrefflich ideal besetzt ist; wenn sie ihre Stimme erhebt, hört man die ganze Subtilität ihrer Kundry durch, mit der sie durch Bayreuth nahezu verschmolzen ist. Auch Peter Seiffert meistert gekonnt alle Klippen seiner Partie und zeigt auch über die Länge hin keine Ermüdungserscheinungen in der Höhe. Kraftvoll und doch ohne Druck wandelt er frisch und wie unerschöpft durch seine bisweilen überlangen Auftritte; so hört man in der Romerzählung einen Hochleistungssportler der Stimmbänder, der noch immer nicht ausgepowert ist, was aber sicherlich auch der Studioaufnahmetechnik zu verdanken ist. Speziell im Dialog mit Elisabeth entfaltet er lyrische Qualitäten, die in der Wagnertradition lange Zeit zu kurz gekommen sind und die nun wieder daran erinnern, in welchem musikalischen Umfeld Wagners frühe Opern entstanden sind.
Jane Eaglen als Elisabeth müht sich gelegentlich ein bisschen mit dem Akzent, wenn auch keineswegs so, dass es auffällig stören würde. In der Höhe bleibt sie stärker als im Breitenausdruck, der etwas trainiert und weniger innerlich erscheint, dabei allerdings technisch sehr ausgereift.

Der Landgraf René Papes klingt erfreulich wenig altväterlich und hält sich bei aller leisen Wärme auch im forte wundervoll stabil. Damit zeigt er sich durchaus glaubwürdig expressiv, z.B. in der ungekünstelten Entrüstung über Tannhäuser zum Ende des 2. Aufzugs. Thomas Hampson als Wolfram zeigt ganz unweigerlich ebenfalls viel lyrischen Charme, gleichzeitig erspart er uns jenes Übermaß an Schmalz, das so manche Rollenkollegen nötig finden. Gunnar Gudbjörnssons Walther und Hanno Müller-Brachmanns Biterolf ergänzen das Hauptensemble auf ebenbürtige Weise, so dass man ihnen gerne auch größere Partien anvertrauen möchte.

Die Aufnahme ist gut ausgesteuert, und nur der Chor klingt etwas fern. "Gute" Hightech sorgt für absolute Präsenz auch in leisesten Passagen, wobei etwas mehr Störung durch Nebengeräusch auch mehr Realismus verschaffen könnte, wenn z.B. nach Tannhäusers Bekenntnis eine ganze Gesellschaft in Aufruhr gerät und man davon gar nichts hört. Die Aufnahme versteht sich als Musik pur und enthält sich weiterer Kommentare. Hier wäre manchmal etwas mehr Mut angebracht: Die Schunkelstelle gegen Ende des 1. Aufzuges ("Ha, jetzt erkenne ich sie wieder") ließ leider ihr kritisches Potenzial nicht erkennen; ohne viel Mühe wäre es möglich gewesen, die Falschheit der Szenerie ganz ohne Bühnenbild zu zeigen, das wurde leider verschenkt.

Überzeugende Gesamtleistung mit durchweg gutem Personal und einem klangfarblich idealem Orchester. Und noch etwas Anderes: Wenn es einen Preis für ansprechendes Design der CD als runder gelöcherter Plastikscheibe gäbe, so gewänne diese hier den 1. Preis, zeigt sie doch in idealem Bezug zum Thema die Schattensilhouette eines weiblichen Torsos vor grottenblauem Hintergrund. Leider ist Gestaltungsästhetik im Bereich der ernsten Musik noch immer gänzlich unbekannt in Deutschland.


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Cover

Richard Wagner
Tannhäuser

Landgraf Hermann - René Pape
Tannhäuser - Peter Seiffert
Wolfram von Eschenbach - Thomas Hampson
Walther von der Vogelweide - Gunnar Gudbjörnsson
Biterolf - Hanno Müller-Brachmann
Heinrich der Schreiber - Stephan Rügamer
Reinmar von Zweter - Alfred Ritter
Elisabeth - Jane Eaglen
Venus - Waltraut Meier
Ein junger Hirt - Dorothea Röschmann

Chor der Staatsoper Berlin
Choreinstudierung: Eberhard Friedrich

Staatskapelle Berlin

Dirigent: Daniel Barenboim

www.teldec.com
Bestellnummer: 8573-88064-2 (3 CDs)



Da capo al Fine

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