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Hector Berlioz
Les Troyens


Opus magnum bei Opus Arte

Von Thomas Tillmann

Als Nachtrag zum Berlioz-Jahr 2003 hat Opus Arte nun einen Mitschnitt der Pariser Neuinszenierung von Les Troyens auf den Markt gebracht, die inzwischen auch mit dem großen Preis für die beste Inszenierung durch die Vereinigung der französischen Musikkritiker ausgezeichnet wurde. Anders als bei manch anderem Produkt handelt es sich hier um eine wirklich denkwürdige, exemplarische Aufführung in vielerlei Hinsicht, wie ich bereits bei meinem Bericht über einen Vorstellungsbesuch im Théâtre du Châtelet im Herbst des letzten Jahres herausgestellt hatte. Da ist das hohe musikalische Niveau besonders der beiden Kollektive, aber auch vieler Solistinnen und Solisten (das eigentliche Ereignis war und ist für mich die ungeheuer intensive Anna Caterina Antonacci als Cassandre!), da ist die hervorragende technische Qualität des Mitschnitts und die große Vollständigkeit dieser mehr als fünfstündigen Aufführung, in der nur die Sinon-Szene und Teile des Originalschlusses fehlen, der ohne überzeugende Begründung Gardiners nur mit gewaltigen Strichen gespielt wird, aber alle Ballettszenen aufgenommen sind (die Zuschauer, die letztgenanntem Genre weniger zugetan sind, könnten freilich die entsprechenden Tracks noch gezielter überspringen, wenn eine kombinierte Auflistung der musikalischen Nummern und der Tracks abgedruckt wäre), da ist so mancher Eindruck, den man im Theater so nicht hatte beziehungsweise nicht haben konnte: das schmerzerfüllte Gesicht Hécubes beim Auftritt Andromaques, deren stumme Trauer und Entsetzen über Cassandres Taktlosigkeit, das Abstreifen des Sichaeus-Rings von Didons Hand durch Ascagne, der große darstellerische Einsatz einzelner Choristen, die Konzentration besonders des Flötisten und des Oboisten, denen wir während der Pantomime zu Beginn des vierten Aktes über die Schulter schauen können, und der Blick auf die für diese Produktion reaktivierten Saxhörner seien als Beispiele erwähnt.

Gregory Kunde befand sich während der hier aufgezeichneten Vorstellung in deutlich besserer Verfassung als an dem von mir besuchten Abend, ohne dass ich von meiner Einschätzung, dass er zu wenig Stimme für diese heldische, dramatische Partie hat, abrücken würde. Immerhin, das berühmte und höllisch schwere Duo am Ende des vierten Aktes singt er wirklich gut, und auch sonst gelingt ihm manche Feinheit, mit der ein Heldentenor zweifellos seine Mühe hätte. Renata Pokupic hat auf diesem Mitschnitt auffällig mehr Volumen in der Tiefe als im Theater, Stéphanie d'Oustracs gut sitzender, frischer Mezzosopran kommt ebenso wie die Stimmen von Mark Padmore (Iopas) und Topi Lehtipuu (Hylas) viel besser zur Geltung, so dass ich mich doch frage, ob die Sänger insgesamt besser disponiert waren bei diesem Mitschnitt (oder waren es mehrere, die man geschickt kombiniert hat? Auf der Verpackung findet man nur den Hinweis auf Oktober 2003 als Aufnahmedatum!), ob ich vielleicht bei der Beurteilung des Live-Ereignisses strenger war (dagegen spricht, dass ich damals nicht darauf hingewiesen habe, mit wie viel Sprechgesang Laurent Naouri sich zu Beginn als Narbal meinte Respekt verschaffen zu müssen, und dass ich Susan Grahams Gekeife besonders im "Errante sur ton pas" auch diesmal nicht als eindringlich, sondern unangenehm empfinde) oder ob nicht doch an der einen oder anderen Stelle technisch nachgeholfen wurde (ich bin mir fast sicher, in Nr. 42 in der Perücke des Tenors ein verdächtiges Kabel entdeckt zu haben).

Die Extras des Produkts sind so bedeutend nicht, dass sie eine dritte DVD nötig gemacht hätten: Da gibt es neben einer "Cast Gallery" (hierbei handelt es sich bloß um Fotos der Mitwirkenden im Kostüm) und einer bebilderten Inhaltsangabe in vorzüglichem britischen Englisch (die BBC ist Partner von Opus Arte bei dieser Veröffentlichung), zu der man wie zum eigentlichen Werk Untertitel in deutscher, englischer, französischer und spanischer Sprache zuschalten kann (die deutschen sind erfreulich eng am französischen Original orientiert und damit nicht identisch mit der Übersetzung von Simon Werle, die der Klavierauszug nach dem Urtext der Neuen Berlioz-Ausgabe von Eike Wernhard bietet, der 2003 bei Bärenreiter erschien, und die andere Ziele verfolgt) und die sich in ähnlicher Form auch schon im Booklet findet, eine fast einstündige Dokumentation von Reiner E. Moritz, in dessen Verlauf Sir John Eliot Gardiner kompetent einzelne Passagen kommentiert und analysiert, ohne dass man wesentlich Neues erführe. Wenig erhellend sind schließlich die kurzen Interviews mit den Hauptdarstellern (Susan Graham etwa lässt uns wissen, dass sie nie Musik gesungen hat, die sexier wäre) und dem Regisseur, der das Werk hier zwar autobiografisch interpretiert, diesen Aspekt aber in seine sehr ästhetische, werkdienliche, aber auch ziemlich brave, traditionelle Inszenierung merkwürdigerweise nicht einbringt. Trotz der gemachten Einschränkungen gehört dieses DVD-Set in den Schrank jeden Sammlers, zumal die ebenfalls auf diesem Medium erhältliche Salzburger Produktion des Jahres 2000 und die schwer zu bekommende aus der Met vom Oktober 1983 (mit Jessye Norman, Tatiana Troyanos und Plácido Domingo) ganz andere Schwachpunkte haben.


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Cover

Hector Berlioz
Les Troyens

Grand Opéra in fünf Akten
Text vom Komponisten
nach Vergils Aeneis

Susan Graham - Didon
Anna Caterina Antonacci - Cassandre/Clio
Renata Pokupic - Anna
Gregory Kunde - Enée
Ludovic Tézier - Chorèbe
Nicolas Testé - Panthée
Laurent Naouri - Narbal/Grand Prêtre (final)
Mark Padmore - Iopas
Stéphanie d'Oustrac - Ascagne/Une soprano (final)
Topi Lehtipuu - Hylas/Hélénus
Fernand Bernadi - Le Fantôme d'Hector
René Schirrer - Priam/Mercure
Danielle Bouthillon - Hécube
Laurent Alvaro & Nicolas Courjal - Deux sentinelles troyennes
Benjamin Davies - Un soldat
Robert Davies - Un chef grec
Frances Jellard - Polyxène
Lydia Koniordou - Andromaque
Quentin Gac - Astyanax

Monteverdi Choir
Choeur du Théâtre du Châtelet
Orchestre Révolutionnaire et Romantique
Dirigent : Sir John Eliot Gardiner

Regie und Ausstattung : Yannis Kokkos
Licht: Patrice Trottier
Choreografie: Richild Springer

Aufnahme: Théâtre du Châtelet, Paris, Oktober 2003 (live)

Gesamtspielzeit: ca. 5 h 12 '
Opus Arte
OA 0900 D (3 DVDs)

Weitere Informationen unter:
www.opusarte.com



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