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Richard Wagner
Die Walküre


Wiederaufnahme von Kupfers Berliner Ring in Barcelona auf DVD

Von Thomas Tillmann

In den Jahren 2003 und 2004 erlebte Harry Kupfers inzwischen legendäre Berliner Inszenierung von Richard Wagners Ring eine vielbeachtete Wiederaufnahme am renommierten Gran Teatre del Liceu in Barcelona, die Opus Arte mitgeschnitten und auf DVD herausgebracht hat (hier wird exemplarisch die Walküre besprochen, aber ab Anfang Juli sollten alle vier Teile erhältlich sein).

Kupfer interessiert vor allem die Fähigkeit der Menschen, die Welt, in der sie leben, zu zerstören, und er möchte auf die weit reichenden Auswirkungen dieses aggressiven Verhaltens gegenüber der Natur hinweisen. Im Zentrum des kühlen, schwarz-blau glänzenden Bühnenbildes von Hans Schavernoch steht folgerichtig eine riesige Esche, auf der alle Generationen, die auf diesem Planeten gelebt haben, ihre Abdrücke und "Runen" hinterlassen haben: "Mit der Verbreitung der Technologie schwindet die kraftvolle Präsenz der Esche allmählich ... Während der Zyklus voranschreitet, verwelkt der symbolische Baum stetig und stirbt am Ende", beschreibt es Teresa Lloret im kurzen Beiheftartikel zur Walküre. Der Regisseur konzentriert sich bei dieser ungemein sensiblen Arbeit, die ohne szenischen Schnickschnack und aufwändige Technikshow auskommt (selbst beim finalen Feuerzauber), im Wesentlichen auf die Figuren, die sehr vielschichtig gezeichnet sind, sehr menschlich und natürlich agieren und vor allem miteinander ins Spiel kommen: Selten habe ich das Flirten von Siegmund und Sieglinde stärker wahrgenommen, selten auch den Ärger Hundings, der von Anfang an weiß, dass dies kein gutes Ende für ihn nehmen wird, selten habe ich die Aussprache zwischen Wotan und Brünnhilde im dritten Aufzug so unpathetisch und vielleicht gerade deshalb so ungemein bewegend realisiert gesehen, deren Freude über den Einfall mit dem schirmenden Feuer um den Felsen so überzeugend umgesetzt und die vielen Abschiede des Stücks so intensiv und dicht inszeniert erlebt. Manfred Voss' exzellentes Licht unterstützt die Konzentration auf die erfahrenen Darsteller ebenso wie die im Wesentlichen attraktiven, futuristisch anmutenden Kostüme von Reinhard Heinrich und nicht zuletzt die Bildregie, die selten Totalaufnahmen bringt, was freilich den Nachteil hat, dass man genau erkennen kann, wie schweißtreibend die Arbeit der Akteure ist.

Bertrand de Billy stand dem Orchester des Gran Teatre del Liceu von 1999 bis 2004 vor, diese Ring-Produktion ist also auch sein Abschied vom Haus, den er mit einem angenehm unsentimentalen, vorwärtsdrängenden, aber nie hektischen Dirigat begeht, das weitgehend überzeugt und gegen Ende des ersten Aufzugs vor ekstatischen Zuspitzungen und Emphase nicht zurückschreckt, ohne dabei ins Übertreiben zu kommen, ein Dirigat auch, das sich gleichermaßen durch rhythmische Wucht und Präzision auszeichnet, das die Leitmotive präzis herausarbeitet, um die Bezüge in der Tetralogie deutlich zu machen, das nah am Bühnengeschehen ist mit allem, was er dem gut aufgelegten Orchester vorgibt, das flexibel und souverän in der Begleitung der Sänger ist, auch wenn diese nach allzu individuellen Lösungen suchen.

Falk Struckmann ist ein noch sehr jung wirkender, kraftstrotzend-martialischer, ausgesprochen charismatischer und vitaler Wotan, der auch in den langen Monologen den Zuhörer und Zuschauer zu faszinieren weiß; die Vokalverfärbungen, die er sich erlaubt, fallen da weniger ins Gewicht. Richard Berkeley-Steele, der den Siegmund im August auch in Seattle singen wird (dort war er 2001 schon darstellerischer Ersatz für den verletzten Alan Woodrow als Siegfried, bevor er selbst die Partie in weiteren Zyklen übernahm; in San Francisco sang er Laca und Don José, an der Met ebenfalls Laca, Lohengrin, Siegfried und Peter Grimes an der English National Opera sowie Tannhäuser in Chemnitz - leider musste sich der Rezensent diese Informationen selber besorgen, denn wie so viele andere Firmen äußert sich Opus Arte dazu nicht, bringt aber als Special Feature noch einmal überflüssige Rollenfotos der Mitwirkenden aus dieser Produktion und eine englischsprachige Inhaltsangabe!), beginnt mit angenehm dunkler, ausgeruhter Stimme, die durchaus auch einen metallischen Kern hat und nicht selten eher mit Kraft denn mit Technik beherrscht wird. Erste gefährdete Töne stellen sich folgerichtig in der Mitte des zweiten Aufzugs ein, aber sie halten sich ebenso wie der Einsatz von Sprechgesang in Grenzen. Dennoch fragt man sich, wie er beispielsweise den ersten Siegfried durchstehen will (für den er in Barcelona allerdings auch gar nicht vorgesehen war). Immerhin, der Künstler ist ein sehr natürlicher, sensibler Darsteller, was ja auch nicht wenig ist. Eric Halfvarson dagegen ist ein rechter Hunding mit wuchtig-schwarzer, laut polternder und ausladend tremolierender Donnerstimme und wenig Wärme in derselben.

Linda Watson, inzwischen selbst eine gesuchte Walküre (im Herbst etwa singt sie einen kompletten Zyklus in Amsterdam), kehrt in dieser Produktion noch einmal zur Sieglinde zurück (während die Interpretin der Brünnhilde auch als Sieglinde dokumentiert ist und die der Fricka ebenfalls Siegmunds Schwester und Braut im Repertoire hat), und einmal mehr freut man sich über den üppigen, mezzodominierten Klang dieser beeindruckenden Stimme, die besonders zu Beginn der Erzählung wunderbar zur Geltung kommt, die inzwischen aber auch reichlich weit ausschwingt und eine gewisse Schärfe in der Höhe aufweist, die natürlich Geschmackssache ist. Eine große Darstellerin war die Amerikanerin mit ihrer inzwischen doch sehr stattlichen Physis nie, aber immerhin gelingt es ihr, eine sehr stolze Frau zu zeigen, die sich nicht alles von ihrem grässlichen Gatten gefallen lässt. Ab dem zweiten Aufzug indes macht sie sich auch keine besondere Mühe mehr mit der Textverständlichkeit, was besonders auffällt, weil ihre Mitstreiter es tun, aber ein hervorragendes "hehrstes Wunder" gelingt ihr diesem Umstand zum Trotz.

Eine der erfahrensten Interpretinnen der Brünnhilde ist zweifellos Deborah Polaski - kaum eine Interpretin hat überhaupt so oft in Bayreuth die Wotanstochter gegeben wie die Amerikanerin, die hier mit sehr individuellen Hojotohos beginnt, aber durch ihre enormen darstellerischen Fähigkeiten eben auch kleinere vokale Schwächen vergessen machen lässt, die bei einem reinen akustischen Dokument viel stärker auffallen würden (ein ähnliches Phänomen war trotz ganz anderer stimmlicher Voraussetzungen Hildegard Behrens). Mit welcher inneren Beteiligung sie etwa Siegmund lauscht, wenn er seine Gefühle zu Sieglinde erklärt, wie sie vor den Augen des Zuschauern eine Ahnung davon bekommt, was menschliche Liebe bedeuten kann, und wie sie damit eine Brücke schlägt zum Ende des Werkes und zu den weiteren Abenden, das ist schon ganz große Kunst.

In Lioba Brauns Interpretation ist Fricka keine keifende Karikatur, sondern eine elegante verletzte Frau mit durchaus nachvollziehbaren Motiven, die man um den umtriebigen Gatten nicht beneidet, und auch vokal ist sie untadelig mit ihrem eher hellen, auch in der Höhe leicht ansprechenden Mezzo, und sie erzielt eine höhere Textverständlichkeit als bei Aufführungen, in denen ich sie live erlebte. Dass es bei den acht Walküren Licht und Schatten gibt, ist ein von Kritikern häufig bemühter Satz, aber er stimmt nun einmal auch meistens, zumal man hier einige aus vielen anderen Vorstellungen mit denselben Aufgaben betraute Sängerinnen hört und sieht.


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Cover

Richard Wagner
Die Walküre


Erster Tag des
Bühnenfestspiels
Der Ring des Nibelungen

Musik und Dichtung
von Richard Wagner

Regie - Harry Kupfer
Bühnenbild - Hans Schavernoch
Kostüme - Reinhard Heinrich
Licht - Manfred Voss

Falk Struckmann - Wotan
Richard Berkeley-Steele - Siegmund
Eric Halfvarson - Hunding
Linda Watson - Sieglinde
Deborah Polaski - Brünnhilde
Lioba Braun - Fricka
Sabine Brohm - Gerhilde
Annegeer Stumphius - Ortlinde
Marisa Altmann-Althausen - Waltraute
Andrea Bönig - Schwertleite
Heike Gierhardt - Helmwige
Mireia Pintó - Siegrune
Corinne Romijn - Grimgerde
Francisca Beaumont - Rossweisse


Sinfonieorchester des
Gran Teatre del Liceu
Dirigent : Bertrand de Billy

Aufnahme: Gran Teatre del Liceu, Barcelona,
19. und 22. Juni 2003 (live)

Gesamtspielzeit: ca. 250 Minuten
Opus Arte
OA 0911 D (3 DVDs)

Weitere Informationen unter:
www.opusarte.com



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