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Oper
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Vanessa

Oper in drei Akten
Libretto von Gian Carlo Menotti
Musik von Samuel Barber


Liebhaber ohne Gesicht

Von Stefan Schmöe


Eine „hinterhältige Verschwörung der deutschen und österreichischen Presse“ wittert Richard Conrad hinter den schlechten Kritiken für Samuel Barbers 1958 an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführte und im Sommer von den Salzburger Fesrspielen übernommene Oper Vanessa. Das – nach wie vor – schwierige Verhältnis der deutschen Musikkritik zur (oft alle avantgardistischen Tendenzen des europäischen Musikbetriebs ablehnenden) amerikanischen Musik mag ein Grund dafür sein, dass Vanessa an europäischen Bühnen quasi unbekannt sind; ungeachtet dessen lassen sich eine Reihe berechtigter Einwände gegen das Werk vorbringen. Barber stellt sich mit dieser Oper, zu der Komponistenkollege Gian-Carlo Menotti das Libretto schrieb, in die Tradition von Puccini und Richard Strauss; ob das in den 50er-Jahren ein legitimer Ansatz war, sei dahingestellt - eine faire Beurteilung sollte eher an Barbers Ansprüchen anknüpfen.

Vanessa ist eine Dreiecksgeschichte zwischen der Enddreißigerin Vanessa, ihrer jungen Nichte Erika und dem geheimnisvollen Fremden Anatol. Menotti variiert darin nicht ganz unbekannte Erfolgsmodelle; der Rosenkavalier (ein Mann zwischen zwei ungleichen Frauen – hier allerdings entscheidet er sich für die ältere) oder Korngolds Tote Stadt (Rückzug in ein einsames Haus als Ausdruck von Weltflucht ist in beiden Opern das Grundmotiv, dass der Handlung den Rahmen gibt) beispielsweise schimmern vielfach durch. Menottis Libretto ist durchaus schlagkräftig und bühnenwirksam, wirkt allerdings allzu glatt – anders als bei den Vorbildern Strauss und Puccini gelingt es dem Duo Menotti / Barber nicht überzeugend, durch eine Abstufung zwischen Haupt- und Nebenhandlung die tragische Fallhöhe der drei zentralen Figuren zu determinieren. In Vanessa ist vom ersten bis zum letzten Ton an alles bedeutungsvoll und tragisch, und dadurch fehlt der Oper eine stärker akzentuierte Binnenstruktur, die auf die entscheidenden Szenen hinführt.

Nicht übersehen sollte man eine weitere ästhetische Leitlinie, die sich durch die Oper zieht: Der fast filmische Charakter, der sich kompositorisch auch in der Nähe zur Filmmusik niederschlägt. Die Atmosphäre von Kriminalfilmen, ein Hauch von Hitchcock liegt in der Luft: Der kaum fassbare Anatol, über dessen Identität so gut wie nichts deutlich wird ( er ist wohl auch mehr als abstrakte Erfüllung des Liebesbedürfnisses der Frauen denn als realer Liebhaber zu verstehen) erinnert nicht von ungefähr an Cary Grant in Hitchcocks Suspicion (Verdacht) von 1941 – ein unheimlicher Bräutigam in permanentem Verdacht, seine Frau umbringen zu wollen. Musikalisch stellt sich in Barbers Oper das Problem, einen Charakter, der eigentlich nur schemenhaft angedeutet ist, angemessen ausdrücken zu müssen – und daran ist Barber letztendlich gescheitert. Dieser Anatol bleibt aber nicht nur unbestimmt, sondern auch recht geheimnislos und besitzt musikalisch kaum die Kraft, zwei konkurrierende Frauen in seinen Bann zu ziehen. In seinen großen Momenten folgt er den Linien seiner Duett-Partnerin Vanessa, übernimmt deren musik, anstatt eigenständiges Profil zu gewinnen – melodisch bleibt er ein Phantom: Ein Liebhaber ohne eigenes musikalisches Gesicht.

Ungeachtet dieser Einwände ist Barbers üppig instrumentierte Partitur wirkungsvoller als so manches andere, was an Ausgrabungen auf europäischen Bühnen zu sehen ist. Die hohen Anforderungen an die Titelfigur – ein lyrischer Sopran mit großen dramatischen Ausbrüchen – machen eine Aufführung an kleineren Häusern nicht eben leicht. Trotzdem hat es einige Wideraufführungen in jüngerer Zeit gegeben, etwa in Metz, Strasbourg und Montecarlo oder (konzertant) am Concertgebouw in Amsterdam – Anzeichen für eine kleine Barber-Renaissance? Der wirkungsvolle Plot macht das Stück zumal in einer Phase, in der das Regietheater auf dem Rückzug scheint, wegen der visuell reizvollen Deutungsmöglichkeiten trotz seiner psychologischen Überbestimmtheit wieder interessant für szenische Aufführungen.

Die bei Naxos in der Reihe „American Opera Classics“ erschienene Neueinspielung ist gleichzeitig Plädoyer für und gegen das Werk. Zweifelsohne ist eine preisgünstige, technisch ausgezeichnete (vielleicht im Klang etwas zu orchesterlastige) CD-Einspielung an sich schon begrüßenswert. Bestechend ist hier zudem das agile, farbenreiche Nationale Symphonieorchester der Ukraine unter der Leitung von Gil Rose. Die Gesangspartien sind zwar mit wenig „namenhaften“, aber weitgehend durchaus ordentlichen Sängern besetzt. Ellen Chickering mit tadellos sauberem Sopran und klaren Höhen traut man allerdings kaum zu, die mörderische Titelpartie auch auf der Bühne mit ähnlicher Intensität durchzustehen: Der schönen, aber recht leichten Stimme hilft hier die Studiotechnik über die Orchestergewalten hinweg.

Leichter hat es Andrea Matthews als Erika, ebenfalls eine leuchtende, lyrische Stimme (und im Charakter der Stimme ihrer Rivalin Vanessa hier etwas zu ähnlich). Ray Bauwens wartet als Anatol mit einigen wunderbaren tenoralen Phrasen auf, kraftvoll und beweglich; an anderen Stellen deuten sich technische Grenzen an. Problematisch sind die Passagen, in denen Barber ihn quasi ausdruckslos singen lässt, denn da ist Bauwens viel zu naiv, lässt auch nicht die kleinste Spur von Geheimnis erahnen. Solide ist Marion Dry als alte Baronin, einer Rolle, die auf einer Einspielung ohnehin nicht richtig zu Geltung kommen kann, denn die Dame sitzt meist schweigend herum als Ausdruck der allgemeinen Sprachlosigkeit. Größter Schwachpunkt der Aufnahme ist Richard Conrads ( der auch den Anfangs zitierten Booklet-Artikel verfasst hat) als Arzt – zwar soll der Sänger einen alten Mann verkörpern, aber etwas mehr Sonorität erfordert diese wichtige (weil oft die Handlung kommentierende) Nebenrolle dann doch. Aber trotz mancher Einwände gibt die Einspielung gute Gelegenheit, sich mit Barbers Werk auseinander zu setzen – und die amerikanische Moderne in angemessenerem Licht zu betrachten.


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Cover

Samuel Barber (1910 - 1981)
Vanessa

Oper in drei Akten
Libretto von Gian Carlo Menotti

Ellen Chickering - Vanessa
Andrea Matthew - Erika
Marion Dry - Baronin
Ray Brauwens - Anatol
Richard Conrad - Arzt
Philip Lima - Nicholas


Nationales Symphonieorchester
der Ukraine
Ukrainische Nationalkapelle "Dumka"
Dirigent: Gil Rose

Aufnahme: Kiew, Tonstudio des
ukrainischen Rundfunks
25.5.-8.6.2002

Naxos 8.669140-41 (2 CD)



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