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Da freut sich der Sammler

Janet Bakers frühere Mary Stuart, Oberon aus New York mit Betty Jones als Überraschung und fulminante Feen aus England und Wien



Von Thomas Tillmann


Mitridate legt einmal mehr nach und erfreut die Fans von Dame Janet Baker mit einem Mitschnitt ihrer Mary Stuart aus dem Jahre 1973 (ist es die Premiere der berühmten Produktion?), die nicht identisch ist mit der von Chandos in der Reihe Opera in English vertriebenen Aufnahme, die auf der Grundlage von vier Vorstellungen im April 1982, also gegen Ende der Karriere der großen Mezzosopranistin, entstanden ist. Gleich sind hier nur die Protagonistin und der Dirigent Sir Charles Mackerras, der im Graben für ordentlich Dampf, Drive und Tempo sorgt und so das Drama auf der Bühne angemessen vorantreibt, trotz seiner ambivalenten Haltung gegenüber Werk und Komponist (Dame Janet Baker "made it sound like serious music - which is quite difficult to do, because with Donizetti the borderline between triviality and seriousness is quite narrow", urteilt er ziemlich arrogant).

Einem weiteren Kommentar über die Baker kann man schon eher zustimmen: "She sang so well in English that she made operas sound as if they'd been written in that language", was im Besonderen für Mary Stuart gilt, die sie natürlich in der vom Komponisten selber für die tiefere Stimme der legendären Malibran angepassten Version gab und mit ihrem wunderbar ebenmäßigen Ton, dem exemplarischen Legato, einiger Geläufigkeit und Kreativität in den Auszierungen und ihrer enormen Pianokultur, die besonders im Duett mit Talbot und im Gebet des dritten Aktes ihre volle Wirkung entfaltet, zu einem wirklichen Ereignis werden lässt - die Zuschauer in Sadler's Wells zieht die Künstlerin ebenso schnell in ihren Bann wie die portraitierte Figur ihre zahlreichen Verehrer, und auch das technische Personal muss an diesem Abend so hingerissen gewesen sein, dass es den ersten Kanonenschuss vergaß und damit die Mitwirkenden sicher irritierte.

Eine wirkliche Konkurrentin - nicht nur um die Gunst Leicesters, der in Keith Erwen einen soliden, aber etwas eindimensionalen und in der Höhe mitunter nervösen Interpreten mit hell-metallischem Tenor findet - ist die auf Tonkonserven schlecht dokumentierte Pauline Tinsley, die die Partie der Elizabeth bereits an der New York City Opera gesungen hatte (angesichts des von ihr bestrittenen Repertoires, das sich von Mozarts sternflammender Königin bis zu hochdramatischen Partien wie Turandot, Brünnhilde, Kundry, Ortrud, Elektra und der Färberin erstreckte, steht einem der Mund offen!) und deren ungeheure Präsenz der Rezensent noch vor einigen Jahren in Amsterdam erleben durfte, als die Künstlerin, die bereits 1961 in London debütiert hatte, als Alte Buryja in Janaceks Jenufa mitwirkte. Und auch hier erweist die Engländerin sich als kein Risiko scheuende Sängerdarstellerin, die den ihr anvertrauten Text und die Figur versteht und ihr beeindruckend herrische, charaktervolle, furios auffahrende, expressiv sehrende Töne angedeihen lässt, die einige fulminante Acuti auffährt und auch in verzierteren Passagen nicht allzu sehr mogeln muss. Don Garrard hat die nötige Würde, Reife und Ruhe für einen ordentlichen Talbot in der Stimme, Christian Du Plessis ist ein strenger und ein bisschen polternder Cecil, was zweifellos zur Rolle passt, Audrey Gunn schließlich eine angemessen diskrete Hannah Kennedy.

Eve Queler, die umtriebige Chefin des 1967 gegründeten Opera Orchestra New York, hat sich mit ihren konzertanten Aufführungen von Werken, die abseits eines Mainstream-Repertoires der Entdeckung harren, größten Ruhm erworben. Carl Maria von Webers letzte, gar nicht so selten eingespielte Oper Oberon brachte sie im Februar 1978 in der Carnegie Hall ohne die gesprochenen Dialoge zur Aufführung, und trotz einzelner Höhepunkte kann ich die Skepsis gegenüber dem unfertig wirkenden Werk (Andrew Palmer zeichnet die turbulente Entstehungsgeschichte im Booklet nach und verzichtet bezeichnenderweise auf eine Inhaltsangabe) eher nachvollziehen als den Londoner Premierenerfolg im April 1826 (pardon, liebe Fans). Dabei lässt die engagierte Dirigentin der Partitur alle gebotene Sorgfalt angedeihen, aber vielleicht hätte sie noch etwas straffere, schwungvollere Tempi vorgeben sollen.

Publikumsliebling ist zweifellos der große Nicolai Gedda, der hier zwar nicht in so glänzender Form ist wie bei dem an dieser Stelle besprochenen Dalibor und dessen natürlich wunderbar timbrierter Tenor hier dunkler und schwerer klingt und mit hörbar mehr Kraft besonders bei Spitzentönen eingesetzt wird, aber immer noch genug Beweglichkeit etwa für seine erste Arie besitzt, im mit zartestem Piano und exemplarischer mezza voce bewältigten Gebet sehr berührt und auch mit der Emphase und Verve seines Singens im Rondo des dritten Aktes die zunächst geäußerten Einschränkungen beckmesserisch erscheinen lässt - der nicht enden wollende Applaus für ihn zeigt, warum die Mehrheit der ansonsten eher klatschfaulen Zuschauer gekommen ist, zumal es keine kommerzielle Aufnahme mit dem Künstler gibt. Julia Hamari singt die beiden Solos der Fatime mit herrlich schlichtem Ton, in der zweiten freut man sich auch über die Beweglichkeit ihres lyrischen Mezzosoprans. Kollegin Shirley Love würde man gern in einer größeren Partie als der des Pucks hören, und auch Carmen Balthrop, die hier als Meermädchen stützt, verdient Erwähnung. Richard Clark hat zwar seine liebe Mühe mit dem Text des Scherasmin, überzeugt aber beispielsweise in dem beschwingten Duett "An dem Strande der Garonne" durchaus, und gleiches gilt auch für John F. West, der die überschaubare Titelpartie singt.

Aber wer ist Betty Jones, die mit ihrem klangvollen, raumfüllenden, dramatisch dunklen Sopran einen sehr guten Eindruck hinterlässt, keine Angst vor Spitzentönen zeigt (in der Ozeanarie beispielsweise wählt sie bei "stellst du ein Schreckbild dar" die höhere Alternative!), sich aber keinesfalls ausschließlich auf die Kraft ihres Organs verlässt, wenngleich man hört, dass die Feinheiten ihr nicht ganz leicht fallen? Fünf Stunden vor Konzertbeginn klingelte nach ihren eigenen Angaben (der Rezensent hat inzwischen intensiven e-mail-Kontakt mit der Künstlerin und wird sie demnächst in einem Portrait genauer vorstellen!) das Telefon in Wilton, Connecticut: Roberta Knie, die eigentlich die Rezia hatte singen sollen, war indisponiert, und Betty Jones, deren erstaunliches Repertoire von Mozarts Contessa, Beethovens Leonore, Wagners Eva und Senta, Strauss' Kaiserin über Verdis Abigaille, Odabella, Amelia und Aida und Puccinis Tosca und Turandot bis zu Gershwins Bess reichte und die auch heute noch mit ihren 75 Jahren in Konzerten auftritt (ihre Hauptwirkungsstätte in der großen Zeit war die New York City Opera, aber sie war auch an der Met, in Chicago und San Francisco und auch in Europa zu hören), machte sich auf den (nur etwa einstündigen) Weg in die Carnegie Hall, um zum ersten und einzigen Mal die wahrlich nicht leichte Partie zu interpretieren.

Nicht nur Berliner Fans werden sich freuen über die Bonus-Tracks, die die unvergessene Ursula Schröder-Feinen (erinnert sei an ihre legendären Interpretationen der Elektra und der Färberin, die Bella Voce 2001 als Mitschnitte aus München und Wien herausgebracht hat!) mit beiden Rezia-Arien und René Kollo mit "Von Jugend auf in dem Kampfgefild'", dem Ensemble Nr. 4 und dem Quartett des 2. Aktes präsentiert (die Quelle ist dem Vernehmen nach der Soundtrack einer Fernsehproduktion). Man freut sich über einen wunderbar üppigen, weiblich-sinnlichen, bis in die tiefe Lage gut durchgebildeten dramatischen Sopran von großer Leuchtkraft, über den Glanz in der Höhe und die Flexibilität für effektvolle Piani und den Schlussteil der Ozean-Arie, bei der der Künstlerin freilich das gemäßigte Tempo entgegenkommt, das Rafael Kubelik vorgibt, der ansonsten für mehr Schwung sorgt als die Kollegin in New York City. Und auch vor Kollos Leistung in der vertrackten Partie zieht man den Hut: Die Stimme klingt hier noch sehr konzentriert und angenehm lyrisch, ist erstaunlich beweglich, die Höhe sehr solide, die Textverständlichkeit hervorragend, die heroische Emphase bewundernswert - hier hätte man auch gern die gesamte Aufnahme gehört!

Nicht unbekannt ist die klanglich wie künstlerisch hervorragende Live-Aufnahme von Wagners prächtigem Frühwerk Die Feen, die 1976 in London mit den glänzend präparierten Kräften der BBC unter Edward Downes' mitreißenden Schwung vermittelnder, kompetenter Leitung entstand, der sich in dieser Zeit auch dem Liebesverbot zuwandte (Wolfgang Sawallisch tat es ihm ein paar Jahre später im Rahmen der Münchner Opernfestspiele nach, wie die entsprechenden Aufnahmen der Firma Orfeo belegen). Es gibt vieles zu hören, das wir an den bekannteren Werken so lieben, obwohl sich der junge Komponist hier noch ganz im Rahmen der romantischen Oper bewegt und seinen Vorbildern wie Marschner, Weber und auch Beethoven auf höchstem Niveau Tribut zollt. Auch hier hat er bereits selbst das Libretto angefertigt und die Handlung, die in der Gozzi-Vorlage noch im Orient spielt, in eine mythologische germanische Landschaft namens Tramond verlegt. Zu seinen Lebzeiten scheint es nur eine konzertante Aufführung von Ausschnitten in Würzburg gegeben zu haben, wo man dieser Tage eine Neuinszenierung gewagt hat ( die erste szenische Produktion ist erst für 1888 in München belegt) Man mag streiten über die Handlung, die in einzelnen Motiven an Mozarts Zauberflöte und Strauss' Die Frau ohne Schatten denken lässt - die musikalische Schönheit rechtfertigen zweifellos konzertante Produktionen dieser prallen, exzessiven und streckenweise natürlich auch etwas überladenen Oper.

John Mitchinson, den mancher als wirklich guten Tristan neben Linder Esther Grays gleichfalls bemerkenswerter Isolde unter Sir Reginald Goodall kennt und dessen Karriere dem Vernehmen nach noch immer nicht beendet ist (Andrew Palmer erwähnt im Booklet einen Auftritt als Monsieur Taupe im Capriccio beim Edinburgh Festival des Jahres 2004!), überzeugt mit seinem dunklen, stämmigen Heldentenor als Arindal, auch wenn ihn etwa die Koloraturen des dritten Aktes an Grenzen führen, die er in dem schweren Solo in hoher Tessitur nach Adas Rückkehr ins Leben nicht kennt. Die außerordentlich engagierte April Cantelo macht mit ihrem ausdrucksstarken, gut geführten lyrischen Sopran, der den nötigen Schuss Metall aufweist, der Präsenz in den Ensembleszenen garantiert, viel aus der Ada, die vokal aber nicht nur eine Verwandte von Elsa, Elisabeth und Eva, sondern auch von Senta ist (etwa in der langen Arie des zweiten Aktes!). Eigentlich braucht man hier wohl doch eine bewegliche jugendlich-dramatische Stimme - selbst Gundula Janowitz, die in den Bonus-Tracks mit gewohnt schlankem, kühlen Ton nicht nur berückende Pianoeffekte und leuchtende Spitzentöne anzubieten hat, sondern sich erstaunlich entfesselt und textintensiv gibt in den Auszügen aus dem Wiener Konzert des Jahres 1983 (Sixten Ehrling entfacht hier bei rasanten Tempi große Spannung, und nach einem so strahlenden Tenor wie Josef Hopferwieser, der seit 1973 als jugendlicher Heldentenor an der Wiener Staatsoper engagiert war, muss man heute lange suchen - schade, dass er in den gut 30 Minuten nur kurz zu hören ist!), hat eigentlich noch zu wenig "Peng" für diese Partie, die ich mir vor dem inneren Ohr etwa von einer Leonie Rysanek gesungen vorstelle. Einen gut fokussierten, durchschlagskräftigen, agilen Sopran besitzt auch Lorna Haywood, die als Lora Jubel und Exstase verbreitet, Teresa Cahill, die man als Sophie neben Helga Derneschs Marschallin und Anne Howells' Octavian kennt, setzt ihre flinke Soubrettenstimme als Drolla gewinnbringend ein, Elizabeth Vidal und Della Jones assistieren hochkarätig als Zemina und Farzana, und auch bei den Herren oder dem gar nicht wenig geforderten Chor gibt es keinerlei Ausfälle.


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Cover

Gaetano Donizetti
Mary Stuart


Dame Janet Baker - Mary Stuart
Pauline Tinsley - Queen Elizabeth I
Keith Erwen - Robert Dudley, Earl of Leicester
Don Garrard - George Talbot, Earl of Shrewsbury
Christian Du Plessis - Sir William Cecil
Audrey Gunn - Hannah Kennedy


The English National Opera Orchestra and Chorus
Dirigent: Sir Charles Mackerras

Aufnahme: London, 13. Dezember 1973

Ponto PO-1031 (2 CD)

Cover

Carl Maria von Weber
Oberon


John F. West - Oberon
Shirley Love - Puck
Betty Jones - Rezia
Julia Hamari - Fatime
Nicolai Gedda - Hüon
Richard Clark - Scherasmin
Carmen Balthrop - Meermädchen


Opera Orchestra New York and The Dessoff Choir
Dirigent: Eve Queler

Aufnahme: New York, Carnegie Hall, 23. Februar 1978


Bonus Tracks:

Donald Grobe - Oberon
Ursula Schröder-Feinen - Rezia
Elke Estlingbaum - Fatime
René Kollo - Hüon
Gerhard Misske - Scherasmin


Orchester und Chor
Dirigent: Rafael Kubelik

Aufnahme: Berlin (?), 15. Februar 1972


Ponto PO-1030 (2 CD)

Cover

Richard Wagner
Die Feen


Don Garrard - Feenkönig, Harald
April Cantelo - Ada
Della Jones - Farzana
Elizabeth Gale - Zemina
John Mitchinson - Arindal
Lorna Haywood - Lora
Tom McDonnell - Morald
Paul Hudson - Gernod
Teresa Cahill - Drolla
Richard Greager - Gunther
Jolyon Dodgson - Bote

BBC Northern Symphony Orchestra
BBC Northern Singers
Dirigent: Edward Downes

Aufnahme: BBC Northern, 2. Mai 1976


Bonus Tracks:

Gundula Janowitz - Ada
Margareta Hintermeier - Farzana
Graciela von Gyldenfeldt - Zemina
Josef Hopferwieser - Arindal
Ilona Tokody - Lora
Hans Helm - Morald
Alfred Sramek - Gernod
Yachmi Rohangiz - Drolla
Franz Kasemann - Gunther

Orchester und Chor der Wiener Staatsoper
Dirigent: Sixten Ehrling

Aufnahme: Wien, 13. Februar 1983


Ponto PO-1027 (3 CD)




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