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Musiktheater
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Luci mie traditrici
Oper in vier Akten
Musik von Salvatore Sciarrino
In italienischer Sprache


Die Sinnlichkeit des Materials

Von Sebastian Hanusa


Versuche, das Schaffen Salvatore Sciarrinos verbal fasslich zu machen, müssen sich irgendwann mit der Unvollkommenheit dieses Unternehmens abfinden. Das hat nichts mit der viel beschworenen Unfasslichkeit des genuin Musikalischen im Medium der Sprache oder mit einem wie auch immer gearteten grundsätzlich Unsagbaren in der Kunst zu tun. Vielmehr tritt das Problem auf, wenn die verschiedensten diskursiven Herangehensweisen in der Unmöglichkeit einer gedanklichen Synthese kollidieren, die verschiedenen Möglichkeiten, Sciarrinos Stücke zu betrachten, nicht miteinander vereinbar sind. Seine Musik entzieht sich nicht der Sprache, sie bietet mehr an Beschreibung an, als unter einer Beschreibung zu subsummieren ist.

Das mag paradox klingen, da sich die Auswahl des kompositorischen Materials häufig auf einen übersichtlichen Katalog beschränkt, der zudem aus klar unterscheidbaren Elementen besteht, die sich auch einem ungeübten Hörer relativ schnell erschließen. Auch die Anordnung des Materials folgt oftmals relativ einfachen und deutlich erkennbaren Formmodellen. Der Pluralität möglicher Beschreibungen entspricht folglich keine Pluralität des verwendeten Materials, vielmehr finden sich einzelne, konsequent umgesetzte musikalische Ideen als Garanten schlüssiger Beziehungen zwischen kleinen Material-Einheiten und größeren formalen Abläufen. Hiermit folgt Sciarrino einem zentralen Punkt der europäischen Tradition, der er sich auch insofern als verpflichtet erweist, indem die Einfachheit der Mittel nicht gleichbedeutend mit pseudo-naturalistischem Regressions-Kitsch ist. Einfachheit ist hier nicht katzbuckelndes Anbiedern an die schlaffe Konsumgeilheit schlicher Gemüter. Dem steht schon die Auswahl seines Materials entgegen, welches höchst avanciert ist: Sciarrino ist seit Anfang der 70er Jahre einer der ersten Komponisten gewesen, die ausgiebigst erweiterte Spieltechniken inspiriert und eingesetzt haben, und dies stets nur insofern, als der Einsatz einer derartigen neuen Spieltechnik im Kontext eines Stückes auch musikalisch Sinn entfalten konnte. Einfaches Material ist hier immer Ergebnis eines konsequenten Ausmessens des klanglichen Raum bis an dessen Grenzen und wird in Regionen nahe dem Horizont gewonnen.

Einer modischen Beliebigkeit wird historisches Bewusstsein, Reduktion auf das als wesentlich erarbeitete und Konzentration auf das Wichtigste entgegengesetzt. Man kann Sciarrino aber insofern als einen „guten“ postmodernen Komponisten bezeichnen, als die historisch-kritische Haltung der Moderne bei ihm eine wiederum dialektische Brechung erfahren hat. Die Distanznahme zur historischen Determination durch Erkenntnis derselben wird durch das Gefangen-Sein in einem offenen Feld kultureller Bedingtheiten unterminiert, welches nicht mehr nur negativ erfahren wird, und antithetischer Kritik werden muss, sondern gleichzeitig als ein affirmatives Zuviel an Bedeutung, Sinn und Material erfahren und integriert wird.

Das in seinem Werk unter diesen Voraussetzungen die Arbeiten für Musiktheater eine zentrale Bedeutung haben, ergibt sich von selbst - ebenso Wahl seiner Libretti und seiner dramaturgischen Konzeption. In allen seinen Opern greift Sciarrino auf vielfältig semantisch vorbelastetes Material zurück, in der Oper Luci mie traditrici auf die historische Person des Carlo Gesualdo di Venosa und dessen Mord an seiner Frau und deren Liebhaber. Schon hier ergibt sich ein Netz von Bezügen: Der Komponist komponiert über den Komponisten, über einen kulturhistorischen Topos ebenso wie über ein Einzelschicksal. Er bezieht sich auf einen historischen Fall unter Verwendung eines literarischen Textes, indem er als Libretto ein Dramolett von Giacinto Andrea Cicognini von 1664 wählt, in welchem dieser in knappen Szenen die Ereignisse nacherzählt, die sich 70 Jahre zuvor zugetragen haben. Auch durch die Komposition werden mehrere Verweisstrukturen ineinander geschoben. Viele der verwendeten Klänge gemahnen gleichzeitig an Naturlaute und Abfallprodukte rechnergestützter Klangverarbeitung, dramaturgisch wird nie ganz klar, wo der Ort des Geschehens ist – beziehungsweise, wie die verschiedenen möglichen Orte in Beziehung zueinander stehen könnten. Sind wir in einem imaginären Innen, haben wir an einem Traum teil - oder blicken wir durch das Brennglas historischer Abstraktion auf eine vierhundert Jahre alte Geschichte, die sich vor unseren Augen und Ohren noch einmal ereignet? Dabei wird die Erfahrung dieser Kosmologie durch eine exorbitante Sinnlichkeit aller verwendeter Elemente getragen, und als Zuhörer wird man für siebzig Minuten von einem Erlebnis gefesselt, was den Geist und die Sinne in eine Unendlichkeit der Bezüge entführt und verstrickt.

Zur Aufnahme sei nur soviel gesagt, als das Label Kairos mit seiner dritten Sciarrino-CD den mittlerweile fast selbstverständlich vorausgesetzten hohen Ansprüchen wieder einmal gerecht wird. Die vier hervorragenden Solisten werden vom Klangforum Wien unter seinem Gründer Beat Furrer begleitet, die Einzelleistungen wie die Gesamtinterpretation bieten keinen Anlass, in irgendeiner Weise Kritik anzubringen. Vielmehr unterstreicht die Aufnahme die Bedeutung des Stückes und des Komponisten für die Praxis wie die Theorie der Musik und des Musiktheaters unserer Zeit.


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Salvatore Sciarrino
Luci mie traditrici
Opera in due atti

La Malaspina - Annette Stricker
Il Malaspina - Otto Katzameier
L´Ospite - Kai Wessel
Servo - Simon Jaunin

Klangforum Wien

Musikalische Leitung:
Beat Furrer

Kairos 0012222KAI
1 CD
Aufnahme: Rosenhügel Filmstudio
Wien 11 / 2000



Da capo al Fine

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