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Jenufa (Jeji pastorkyna) Oper in drei Akten aus dem mährischen Volksleben von Gabriela Preissová Musik von Leos Janacek Brünner Fassung von 1908
Anlass der im Oktober 2001 im Royal Opera House mitgeschnittenen Jenufa ist vermutlich die Mitwirkung der großen Anja Silja in einer ihrer zentralen Partien der letzten Jahre, der Küsterin, zu der der helle, schlanke Sopranton weitaus besser passt als etwa zu Klytämnestra oder Gräfin Geschwitz. Aber bei aller vokalen Intensität, die den Monolog des zweiten Aktes und die Auseinandersetzung mit Steva, den sie vorwurfsvoll dazu überreden will, die entehrte Ziehtochter doch zu heiraten, unvergesslich machen, jene Intensität, der man sich kaum entziehen kann und die einen über die dünne Tiefe und manchen steifen, flackernden Ton in der Höhe hinweghören lässt: Die große Kunst der Silja teilt sich wie bei manch anderer großen Sängerdarstellerin eben rein akustisch nicht in vollem Umfang mit - vielleicht hätte man doch eine DVD produzieren sollen, die auch die optische Präsenz der Opernlegende festgehalten hätte (die Fotos der von Olivier Tambosi inszenierten und von Frank Philipp Schlössmann ausgestatteten Produktion zeigen eindrucksvoll eine große, schlanke, verhärmte, schmallippige, unheimliche Gestalt, mit der man keinen Streit haben möchte) - ich bin nicht sicher, ob das Video der Lehnhoff-Produktion noch im Handel ist oder inzwischen auf DVD überspielt wurde, in der sie an der Seite von Roberta Alexander und unter der musikalischen Leitung von Andrew Davies die Kostelnicka gab (ich selber sah sie vor einigen Jahren in Essen
in dieser Rolle).
Erste Wahl ist Karita Mattila in der endlich einmal nicht unterbesetzten Titelpartie, die sich mit ihrem nicht gerade mädchenhaften, dafür aber in keiner Lage in Verlegenheit kommenden, dunkel leuchtenden jugendlich-dramatischen Sopran einmal mehr als eine sehr differenzierte Gestalterin erweist, die die nötige Melancholie und Nachdenklichkeit der Figur umzusetzen versteht, deren berührend-innige Töne zu Beginn des zweiten Aktes den sensiblen Hörer den berühmten Kloß im Hals spüren lassen, die die Kunst des Legato glänzend beherrscht und die auch dynamisch die ganze Palette ausschöpft (nicht unerwähnt bleiben sollen vor allem die nie eitlen, sondern in den Dienst der Aufgabe gestellten, stets substanzreichen Piani).
Bei den Herren hat zweifellos Jorma Silvasti als Laca die Nase vorn (und das Stück gibt ihm Recht), dessen Tenor dunkler als erinnert klingt, der aber nach wie vor sorgfältig phrasiert und sich auch in hitzigen Momenten nicht von einer edlen Gesangslinie abbringen lässt - die Mozart-Vergangenheit hört man da. In skandalöser Verfassung präsentiert sich dagegen Jerry Hadley: Wenn er nicht gleich auf vermeintlich expressiven Sprechgesang oder pseudodramatisches Geschrei ausweicht, ärgert man sich über eine beklagenswert abgesungene, wobbelige, auch hinsichtlich der korrekten Intonation unzuverlässige Stimme, der man - wüsste man es nicht besser - einen jahrzehntelangen strapaziösen Einsatz im Heldentenorfach zutrauen würde. Entgegen der Besetzungspolitik der letzten Jahre bin ich nachdrücklich der Meinung, dass die Wirkung, die Steva auf das weibliche Geschlecht hat, auch hörbar sein sollte (sein Kollege Silvasti etwa hat diese Partie früher auch gesungen, gar nicht zu reden von Peter Dvorsky, der die Rolle in der berühmten Mackerras-Einspielung singt und zeitgleich vor allem mit den großen italienischen Tenorpartien reüssierte).
Von den Interpreten der kleineren Partien behält man Jonathan Veira, der mit angenehmem, etwas unbeweglichem Bariton den Altgesell gibt, und Gail Pearson in Erinnerung, die mit frischem Mezzosopran als überschwänglicher Jano dabei ist. Nicht vergessen werden darf die große Eva Randová, die in der erwähnten Einspielung unter Sir Charles Mackerras noch eine bewegende Kostelnicka gegeben hatte und sich hier trotz einiger fahl-brüchiger Töne weitaus seriöser aus der Affäre zieht als manche Kollegin. Großen Anteil am Erfolg der Vorstellungen (den Applaus des Londoner Publikums nach den drei Akten hat man nicht herausgeschnitten, was Geschmackssache ist) hat zweifellos das Orchester des Königlichen Opernhauses, das unter Bernard Haitinks Leitung ungemein sinnlich-farbig und packend dicht spielt, wobei der Dirigent weniger die Modernität der Partitur betont (gespielt wird die Brünner Version von 1908, natürlich in tschechischer Sprache) als die herbe Schönheit des Werkes (besondere Erwähnung verdient Konzertmeister Peter Manning, der die Soloviolinenpassagen des zweiten Aktes einfach betörend absolviert) und durch effektvolle, mitreißende Steigerungen keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt, ohne dass dies auf Kosten des Bühnenpersonals ginge, das man im Booklet, das ein viersprachiges Libretto und einen guten lesbaren Einführungsartikel von Annette Nubbemeyer bietet, doch gern anhand von Biografien vorgestellt bekommen hätte.
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Leos Janacek Jenufa
Oper in drei Akten |