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Verdi jenseits der ausgetretenen Pfade

Der am 16. November 1850 im heute Teatro Lirico „Giuseppe Verdi“ di Trieste genannten Opernhaus uraufgeführte Stiffelio ist nach Meinung des bedeutenden Verdiforschers Julian Budden „das am meisten zu Unrecht vernachlässigte Werk“ des Meisters aus Busseto, was nicht zuletzt die Tatsache belegt, dass nur eine Studioaufnahme vorliegt (aus dem Jahre 1979 mit José Carreras und Sylvia Sass unter Lamberto Gardelli). Vielleicht lag es damals (wie auch bei der ebenfalls nicht gerade begeistert aufgenommen La Traviata) daran, dass es sich um ein in zeitgenössischem Rahmen spielendes Stück handelte, dass damalige gesellschaftliche Tabus wie eheliche Untreue und Scheidung aufgegriffen werden und dazu die Handlung auch noch Sympathie für das protestantische Milieu erkennen lässt, was in einem Land, in dem das Papsttum seit Jahrhunderten die Macht innehatte, natürlich gefährlich war. Verdi selbst war von der Qualität der Partitur immer überzeugt, die ihn ein ganzes Stück weitergebracht hat auf dem Weg von der Nummernoper zur durchkomponierten Szene, und allein die effektvoll und farbig instrumentierte Sinfonia, die große Szene der Lina zu Beginn des zweiten Aktes, die hinter den populäreren Arien etwa einer Amelia, einer Leonora di Vargas oder einer Aida schon aufgrund der interessanten Begleitung nicht zurücksteht, das stimmungsvolle Quartett vor dem zweiten Finale, die packende Baritonarie mit hitziger Cabaletta zu Beginn des dritten Aktes, das spannende „Scheidungsduett“ und das originelle Gottesdienst-Finale mit Bibellesung lassen echten Verdifans das Wasser im Mund zusammenlaufen. Verdi selbst arbeitete sein Werk um und verwandte dabei das Originalmanuskript, dem er je nach Bedarf Blätter hinzufügte oder entnahm – mit der Folge, dass man für die erste neuzeitliche Wiederaufnahme in Parma im Jahre 1968 auf handschriftliche, vom Komponisten in Auftrag gegebene Kopien zurückgreifen musste, die auch die Grundlage für die hier verwendete Kritische Edition von Kathleen Kuzmick Hansell bilden dürften.

Eine echte Freude und eigentlicher Grund für den Kauf der hier besprochenen Doppel-CD ist Mario Malagnini in der langen, hohen und sehr dramatischen Titelpartie, auch wenn er natürlich nicht über einen wirklichen italienischen Heldentenor verfügt, der hier eigentlich gefordert wäre (und sicher keinen schlechten Alfredo oder Rigoletto-Herzog abgeben würde). Solche Bedenken fegt der Italiener freilich mit seinem gleichermaßen geschmeidigen, legato- wie höhenstarken, glänzend ansprechenden Tenor hinweg, mit der stupenden Verve seines Singens und dem fast ein bisschen zu „irdischen“, leidenschaftlichen Ton (er spielt immerhin einen gehörnten Pfarrer!). Dimitra Theodossious Lina dagegen leidet – ähnlich wie ihre bei derselben Firma herausgekommenen und hier besprochenen Anna Bolena – an der Verliebtheit der Sopranistin in ihre eigenen, arg manierierten Pianoexzesse, die eben nicht einem vertieften Ausdruck dienen, sondern meinem Empfinden nach von der Tatsache ablenken sollen, dass hier eine potentielle Gilda viel zu früh das schwere, natürlich interessantere und besser bezahlte Fach anstrebt. Dass sie ein gewisses dramatisches, expressives Potential hat, wird an einzelnen Stellen durchaus deutlich, an vielen anderen aber auch, dass sie nicht zum Kern des Dramas vordringt und ihr auch das letzte technische Finish noch fehlt. Zu wenig Persönlichkeit besitzt auch der offenbar noch ziemlich junge Marco Vratogna für den Stankar, eine dieser typischen Verdischen Vaterfiguren, die ein breites Spektrum an Farben und Nuancen verlangen und denen man mit äußeren Effekten und durchschnittlichen vokalen Mitteln eben nicht wirklich gerecht werden kann. Enzo Capuana lässt der Partie des Jorg mit seinem ansprechend-sonoren Bass die gebotene Dezenz angedeihen, Giorgio Casciarri gibt ordentlich, aber doch recht brav den Verführer Raffaele, während weder die Interpreten der kleineren Rollen und der solide musizierende Chor noch das unter Nicola Luisottis vorwärtsdrängender, Spannung erzeugender Leitung engagiert und weitgehend akkurat aufspielende Orchester den hervorragenden Gesamteindruck trüben. Angesichts der lauen Publikumsreaktionen hätte man selbige freilich auch herausschneiden können, und ins Booklet hätten zweifellos neben Angaben zum Werk von Danilo Prefumo auch ein paar Bemerkungen zu der hier mitgeschnittenen Aufführung (Anlass war wohl die 150. Wiederkehr der Uraufführung) und zu den Mitwirkenden gehört!

Bei der ebenfalls dieser Tage wiedererschienenen, doch wohl von der Fonit Cetra übernommenen Aroldo-Aufnahme haben die Verantwortlichen von dynamic sich auch noch den Abdruck des Librettos gespart und verweisen knapp auf die Website www.giuseppeverdi.it, von der man den italienischen Text (und nur den und nach langer Suche unter www.giuseppeverdi.it/verdi/libretti-index.htm!) kostenlos herunterladen kann. Und damit das Booklet auch ja nicht zu dick wird, gibt es nur die Trackübersicht und die obligatorischen, nicht sehr tiefschürfenden und teilweise bereits von der zuvor besprochenen Aufnahme bekannten Einleitungsworte, aber erneut kein Wort zu den Ausführenden, geschweige denn Fotos – spärlich! Die technisch sehr ordentliche Studioeinspielung jedenfalls, von der Turiner RAI anlässlich des 50. Todestages des großen Italieners organisiert, macht Spaß, denn man wird Zeuge des Umstandes, dass vor fünfzig Jahren packender, saftiger und unverstellter Verdi gesungen wurde als in unseren Tagen (in denen es mitunter schwieriger ist, eine Verdi-Oper angemessen zu besetzen als eines der Musikdramen Wagners aufzuführen) – da findet echte Kommunikation zwischen den Protagonisten statt, da kochen die Emotionen fast über! Aroldo, die bereits erwähnte Neubearbeitung des Stiffelio-Stoffes mit ihrem gänzlich neugestalteten, hinreißenden vierten Akt, wurde am 16. August 1857 im Teatro Nuovo in Rimini uraufgeführt, verschwand aber auch bald in der Versenkung. Trotz einiger dramaturgischer Analogien und einiger gemeinsamer musikalischer Passagen handelt es sich um zwei sehr unterschiedliche Partituren (was Mitte der achtziger Jahre das Teatro La Fenice in Venedig zurecht auf die Idee brachte, beide Werke zur Aufführung zu bringen, was man auf Mitschnitten der Firma Mondo Musica auch nachhören kann). Das spätere Werk ist wohl das musikalisch reifere (was wenig wundert, schrieb Verdi zwischen 1850 und 1857 doch immerhin seine Welterfolge Rigoletto, La Traviata, Il Trovatore, I Vespri Siciliani und Simon Boccanegra), dramaturgisch dürften sich jedoch die Verlegung der Handlung ins Zeitalter der Kreuzritter und die Eliminierung des dezidiert religiösen Hintergrunds kaum ausgezahlt haben.

Vor allem Maria Vitale ist eine Wucht als gänzlich furchtlose, die Ensembles dominierende, ans Herz gehende Lina - was für eine vollmundig-pralle, kraftstrotzend-gesunde, dabei agile Stimme mit Körper und dem nötigen „Peng“ in dieser einen großen Stimmumfang und Durchschlagskraft erfordernden Partie! Hinsichtlich der Rollenidentifikation steht ihr der emphatische, heute weithin vergessene Vasco Campagnano in der Titelpartie kaum nach, man freut sich über einen leistungsfähigen dramatischen Tenor, dem bei allem Krafteinsatz auch leisere Töne zu entlocken sind. Vorbildlich in Textausdeutung und nuanciertem Verdigesang präsentiert sich auch der bis heute aktive Rolando Panerai mit seinem höhenstarken Bariton erster Kategorie. Aldo Bertocci hinterlässt als Godvino einen ebenso soliden Eindruck wie die kompetenten Comprimari, der potente Chor und das glänzend aufspielende Orchester, das sich von Arturo Basile, der genau weiß, wie man einen feurigen Verdi dirigiert, zu großer Form inspirieren lässt. Schade, dass man solche Raritäten an deutschen Opernhäusern nicht wenigstens in konzertanten Aufführungen erleben kann; mit den richtigen Sängern und Dirigenten würden sicher nicht nur die Kritiker, sondern auch das Publikum solchen Abenden den Vorzug geben vor der dreihundersten Rigoletto-Inszenierung.


Von Thomas Tillmann





Cover

Giuseppe Verdi:
Stiffelio

Libretto von Francesco Maria Piave

Stiffelio (Tenor) – Mario Malagnini
Lina (Sopran) – Dimitra Theodossiou
Stankar (Bariton) – Marco Vratogna
Raffaele (Tenor) - Giorgio Casciarri
Jorg (Bass) – Enzo Capuana
Dorotea (Sopran) – Bernadette Lucarini
Federico (Tenor) - Enrico Cossutta

Chor und Orchester des
Teatro Lirico "Giuseppe Verdi" Triest
Choreinstudierung: Ine Meisters
Dirigent: Nicola Luisotti

Aufnahme: Dezember 2000
Teatro Lirico "Giuseppe Verdi", Trieste

Dynamic CDS 362/1-2

Cover

Giuseppe Verdi:
Aroldo

Libretto von Francesco Maria Piave

Maria Vitale - Mina
Vasco Campagnano - Aroldo
Rolando Panerai – Egberto
Aldo Bertocci – Godvino
Gian Felice De Manuelli – Briano
Tino Soley – Enrico
Miti Truccato Pace - Elena

Orchestra Sinfonico e Coro di Torino della Rai
Dirigent: Arturo Basile


Aufnahme: Torino, 1951 (Studioaufnahme)

Bestellnummer: IDIS 6359/60
(Istituto Discografico Italiano, Historical Series, 2 CDs)
bei Dynamic



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