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Musiktheater
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Maria Stuarda

Oper in drei Akten
Musik von Gaetano Donizetti
Text von G. Bardari

Kritische Ausgabe von Anders Wiklund
in Zusammenarbeit mit der "Comune di Bergamo"
und der Gaetano-Donizetti-Stiftung


In italienischer Sprache


Beachtliches Dokument einer überzeugenden Donizetti-Aufführung am Geburtsort des Komponisten

Von Thomas Tillmann


Während die meisten Opern-DVDs auf dem Markt nichts anderes sind als zum Teil Jahrzehnte alte, überarbeitete VHS-Bänder, hat man mit der von der italienischen Firma Dynamic produzierten und vertriebenen Maria Stuarda eine Originalproduktion in der neuen Technik vor sich, auf die man in Genua zurecht stolz sein darf, denn der betriebene künstlerische wie finanzielle Aufwand dürfte kein geringer gewesen sein, die Vorstellungen im Teatro Donizetti in des Komponisten Heimatstadt aufzuzeichnen, denen die neue kritische bei der Casa Ricordi publizierte Edition des schwedischen Musikwissenschaftlers Anders Wiklund zugrunde gelegt war. Herzlichen Dank also an das Dynamic-Team für dieses hochwillkommene, auch technisch ausgezeichnete Produkt (das Booklet bietet zudem einen profunden Artikel von Danilo Prefumo, eine Inhaltsangabe und das italienische Libretto, bei der DVD selber kann man auf Untertitel in italienischer, englischer, deutscher, französischer, spanischer und japanischer Sprache zurückgreifen), das in den Sammlungen der Belcanto-Fans nicht fehlen darf und das natürlich auch als "klassische" CD zu erhalten ist.

Francesco Esposito interessiert an Donizettis auf Schillers Drama basierender "tragedia lirica" vor allem der Konflikt der beiden gar nicht so verschiedenen Königinnen und ihr reiches Innenleben: Bereits während der Ouvertüre stehen sich die Rivalinnen in den prunkvollen Roben des Regisseurs auf der düsteren, während der gesamten Produktion spärlich möblierten, schrägen Bühne von Italo Grassi gegenüber, auf der besonders ein schräg aufgehängtes Gitter ins Auge fällt, das den Käfig symbolisiert, in dem sich beide (!) Frauen befinden und in ihrem Handeln und Fühlen vom Volk aufmerksam beobachtet werden (leider kann man dies wie manch anderes Inszenierungsdetail auf Grund der Konzentration der Bildregie auf die aktuell Beschäftigten nur erahnen). Auf Grundlage dieser Idee entwickelt sich ein sensibel erzähltes Kammerspiel, das ohne fehlgeleiteten Aktionismus und aufgesetzte Aktualisierung auskommt und stattdessen auf eine präzise Personenzeichnung und -führung und stimmungsvolle, sowohl sinnstiftend als auch sehr atmosphärisch ausgeleuchtete Bilder setzt.

Mit Sonia Ganassi steht eine erfahrene, glutvolle Darstellerin zur Verfügung, der ein bemerkenswert vielschichtiges Portrait der gleichermaßen machtbewussten wie leidenschaftlichen, boshaft-zickigen, selbstgerechten, aber auch unerhört einsamen, liebesbedürftigen Regentin gelingt und die auch vokal auf Grund ihres stets schlank geführten, in allen Lagen präsenten, aber besonders in der Höhe sehr sicheren Mezzosoprans, ihrer immensen Pianokultur, der wohlüberlegten Phrasierung und der sorgfältigen, durchdachten Textpräsentation reüssiert.

Dagegen fällt Carmela Remigios Leistung in der Titelpartie zumindest im ersten Teil ein wenig ab: Die attraktive Italienerin singt mit angenehm timbrierten lyrischen Sopran zwar tadellos auf Linie, bewältigt die virtuosen Anforderungen gut und steuert einige beeindruckende Spitzentöne bei (während es der Tiefe noch an Volumen fehlt, was die Punktierungen in der Schlussszene erklärt), klingt mir aber zu mädchenhaft und entwickelt zu wenig dramatische Präsenz - ihr fehlt genau das, was zwischen den Noten und Zeilen steht, jene künstlerische Intensität, jene charismatische Persönlichkeit, die den Zuhörer zum Zuhören und Mitleiden zwingt, jene ganz besondere Faszination, über die ihre vokal mitunter weniger seriösen Vorgängerinnen in so hohem Maße verfügten (das von der jungen Italienerin brav bewältigte, unnötig zerdehnte "Figlia impura di Bolena" ist da ein gutes Beispiel). Dass die Künstlerin auch in dieser Hinsicht ein ausbaufähiges Potential mitbringt (im der Aufführung angehängten Interview sagt sie selbst, dass sie sich nach wie vor am Anfang ihrer Beschäftigung mit der Stuarda befindet), wird erst während der Beichtszene deutlich, in der sie die Zerbrechlichkeit und Melancholie der Todgeweihten herausstellt, und auch die verinnerlichten Töne im Gebet bleiben in Erinnerung.

Ursache der Rivalität ist nicht zuletzt der tief empfindende, mitunter rührend naive Leicester. In Joseph Calleja findet er einen idealen Interpreten, dessen glänzend ansprechenden, beweglichen, legatostarken und klangschönen Tenor auch die hohe Tessitur der Partie nicht schrecken kann. Der bassgewaltige Riccardo Zanellato steuert charaktervolle Töne voller Autorität und Schlichtheit als Talbot bei, Marzio Giossi gibt mit Gebrauchsspuren nicht verleugnendem Bariton den fiesen Drahtzieher Cecil, Cinzia Rizzone ist eine bemühte Anna, und auch die soliden Leistungen der Kollektive dürfen nicht vergessen werden, namentlich die subtil schattierten Einsätze des Chores, während das Spiel des Orchesters unter Fabrizio Maria Carminatis Leitung noch mehr Feuer hätte haben können.


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Cover

Gaetano Donizetti
Maria Stuarda

Maria Stuarda - Carmela Remigio
Elisabetta - Sonia Ganassi
Leicester - Joseph Calleja
Talbot - Riccardo Zanellato
Lord Cecil - Marzio Giossi
Anna Kennedy - Cinzia Rizzone
Coro del Circuito Lirico
Regionale Lombardo
Einstudierung: Valentino Metti

Fondazione Orchestra Stabile
di Bergamo "Gaetano Donizetti"

Dirigent: Fabrizio Maria Carminati


Regie und Kostüme: Francesco Esposito

Bühnenbild: Italo Grassi

Bildregie: Marco Scalfi

Aufnahme: Dezember 2001
Teatro Donizetti, Bergamo


Dynamic 33407 (1 DVD)
oder als CD: CDS407 (2 CD)



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