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Die ägyptische Helena
Oper von Richard Strauss
Text von Hugo von Hofmannsthal


Eine Chance für die Liebe

Von Thomas Tillmann


Bei allem Respekt für Hofmannsthals Ansicht, Die ägyptische Helena sei der Höhepunkt seiner Zusammenarbeit mit Richard Strauss: Das Werk bleibt ein schwer verdauliches (die Uraufführung am 6. Juni 1928 war denn auch kein besonderer Erfolg), was nicht zuletzt der Umstand belegt, dass der Komponist auf Vorschlag von Clemens Krauss zu Beginn der dreißiger Jahre die Partitur überarbeitete und auch Striche und Änderungen am Versbau vornahm (in dieser Neufassung ging die Oper am 20. September 1933 in Wien über die Bühne). Der vorliegende Mitschnitt einer Vorstellungsserie, die im Januar 2001 am Teatro Lirico di Cagliari als erste szenische Aufführung in Italien stattfand (man bewundert den Mut der Verantwortlichen!), entspricht indes der Originalfassung, wie Danilo Prefumo in seinem knappen Einleitungsartikel erklärt (allerdings weist die Decca-Aufnahme unter Dorati meines Erachtens zwei kurze Szenen mehr auf!).

Hofmannsthal geht in seinem mitunter etwas weitschweifigen, symbolträchtigen Textbuch, das wie das Protokoll einer Paartherapie mit mythologischen Versatzstücken und eine Variation des Ehekonflikts im Färberhaus der Frau ohne Schatten wirkt, der Frage nach, was zwischen Helena und Menelaos (der Dichter nennt ihn Menelas!) in der Zeit zwischen der Zerstörung Trojas und dem Zeitpunkt geschah, als Telemachos im vierten Gesang der Odyssee in Sparta von den inzwischen versöhnten Eheleuten als Gast aufgenommen wurde. Dabei verschmilzt der Österreicher verschiedene Überlieferungen der klassischen Sage: Nach einer auch von Euripides verwendeten Fassung raubte Paris nicht die echte Helena, sondern ihr Ebenbild, während die wahre Helena in Ägypten lebte, wo Menelaos sie sieben Jahre nach Kriegsende wiederfand – nachdem er eben jenes Ebenbild zornig und nicht zur Vergebung bereit mit sich geführt hatte (was nicht zuletzt bedeuten würde, dass Griechen und Trojaner wegen einer bloßen Phantasmagorie zehn Jahre erbittert miteinander gekämpft hätten ...). Trotz aller dramaturgischen Probleme wünscht man sich eine Wiederbegegnung mit dem Oeuvre auch auf deutschen Bühnen; immerhin werden hier Fragen aufgeworfen, mit denen sich Paare bis heute nolens volens auseinander zu setzen haben.

Vitalija Blinstrubyte ist natürlich noch weit davon entfernt, ein kraftvoller (jugendlich)-dramatischer Sopran wie die superbe Leonie Rysanek (sie sang die Partie 1956 in München, wovon ein Mitschnitt vorliegt) oder Gwyneth Jones zu sein, die die Rolle 1970 bei einer Reprise an der Wiener Staatsoper gab (auch diese Interpretation ist dokumentiert) und 1979 im Studio die Rolle einspielte, aber sie hat die nötige „weibliche“, verführerische Farbe und die leuchtende, mitunter eine gewisse Schärfe und ein leichtes, unruhiges Flackern aufweisende, dadurch aber durchweg präsente, furchtlos attackierte Höhe nicht nur für die bekannte Soloszene „Zweite Brautnacht“. Ihre Mittellage ist durchaus ausdrucksvoll, sie singt auch wirklich schöne Legatobögen, allerdings mitunter um den Preis, dass sie über Wortgrenzen hinaus bindet. Über einen baritonal fundierten, etwas kehligen Tenor verfügt Stephen O'Mara, der seine Erfahrung mit italienischen Partien einbringt, sich um Schöngesang bemüht (keine Selbstverständlichkeit in diesem Fach!) und die strapaziöse Tessitura ohne nennenswerte Einbrüche bewältigt, der auch einige prächtige, dunkel schimmernde Spitzentöne parat hat, nicht jedoch den nötigen Reichtum an vokalen Farben und Ausdrucksnuancen, um wirkliches Interesse zu wecken.

Yelda Kodalli gibt mit angenehm getönten, beweglichen lyrischen Sopran die Aithra, für die sie die angemessene durchdringende Höhe, aber freilich noch zu wenig Volumen in der Tiefe mitbringt. Der Bayreuth-erfahrene Heldenbariton Johannes von Duisburg verlässt sich für meinen Geschmack ein bisschen zu sehr auf die Kraft seines mächtigen Organs und die Wirkung seiner nicht ungefährdeten hohen Töne. Regina Mauel ist mit ihrem recht herben, orgelnd-dumpfen, etwas mauligen Alt keine schlechte Wahl für die Muschel, während Ulfried Haselsteiner zwar schön auf Linie singt, man sich für die Partie des Da-ud aber eine weniger reife Stimme wünscht. In den kleineren Partien gibt es nicht mehr Ausfälle als an anderen Häusern.

Gérard Korsten schließlich lässt es am Pult des präzis und engagiert musizierenden Orchesters ordentlich „rauschen“ und kostet die Höhepunkte der etwa zweistündigen ungemein farbigen, dichten, ekstatisch-opulenten, glitzernd-flirrenden, stellenweise aber doch auch etwas kunstgewerblich daherkommenden Partitur lustvoll aus, ohne dass man die nötige Durchsichtigkeit vermissen würde. Es ist halt ein bisschen wie mit belgischen Pralinés: Sie sind köstlich, aber man darf nicht zu viele essen ... Als riesiges Manko dieser klanglich sehr präsenten Live-Aufnahme, die letztlich wohl doch nur eingefleischten Strauss-Fans und Stimmensammlern ans Herz gelegt werden kann, empfinde ich die fast durchgängig schwache Textverständlichkeit, ein Negativum, das Nicht-Muttersprachler eher verzeihen dürften. Und wie stets bei dynamic-Produkten vermisse ich Angaben zu den etwas vollmundig als „a cast of first-class specialists“ bezeichneten Mitwirkenden – Produktionsphotos hat man schließlich auch auftreiben können.


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Cover

Richard Strauss
Die ägyptische Helena

Helena (Sopran) – Vitalija Blinstrubyte
Menelas (Tenor) – Stephen O'Mara
Aithra (Sopran) – Yelda Kodalli
Altair (Bassbariton) – Johannes von Duisburg
Muschel (Sopran) – Regina Mauel
Da-ud (Tenor) – Ulfried Haselsteiner
Hermione (treble voice) – Giulia Mattana
Erste Dienerin (Sopran) – Helen Field
Zweite Dienerin (Sopran) – Paola Pellicciari
Erste Elfe (Mezzosopran) – Brunella Bellome
Zweite Elfe (Sopran) – Stefania Donzelli
Dritte Elfe (Sopran) – Julia Oesch
Vierte Elfe (Alt) – Anna Maria Nobili

Chor und Orchester des
Teatro Lirico di Cagliari
Choreinstudierung: Paolo Vero

Dirigent: Gérard Korsten

Aufnahme: Teatro Lirico di Cagliari, Januar 2001
dynamic CDS 374/1-2 (2 CDs)



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