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Vincenzo Bellini
La sonnambula


Gipfeltreffen Bartoli - Florez

Von Thomas Tillmann

Rechtzeitig zum Fest der Liebe kam Ende Oktober das ultimative Geschenk für Fans von Cecilia Bartoli und Juan Diego Flórez auf den Markt, die bei dieser Neueinspielung von Bellinis La Sonnambula zum ersten Mal gemeinsam im Aufnahmestudio standen, wie uns ein Aufkleber wissen lässt, der auch nicht vergisst daran zu erinnern, dass es sich um die erste Einspielung mit einem Mezzosopran in der Titelpartie handelt (dazu später mehr) und nicht zuletzt die erste Aufnahme, auf der ein Orchester Instrumente der Uraufführungszeit benutzt, was ja schick geworden ist und sicher seine Anhänger findet. Noch näher am Originalklang ist man durch die historisch exakte Stimmung von 430 Hz, natürlich wird auch die kritische Edition von 2004 in ungekürzter Form verwendet (eine wirkliche Malibran-Fassung, von der man immer wieder gehört hatte, gibt es schlicht nicht), das freut die Musikwissenschaftler. Der in dieser Hinsicht zweifellos unsensible Rezensent bemerkt, dass der Klang insgesamt ein bisschen wärmer und kompakter ist, aber ein völlig anderes Stück erkennt er nicht. Aber ich gebe zu, dass ich auch nicht allein deswegen ein Opernhaus besuchen würde, weil es sich der besonderen, authentischen Wirkung wegen entschieden hat, wieder mit Gasbeleuchtung zu arbeiten - bei Belcantoopern müssen vor allem die Solisten stimmen, wer auch immer sie mit welchen Instrumenten auch immer in welcher Stimmung auch immer bei ihren Bemühungen unterstützt, und das tut Alessandro De Marchi (Hamburg, Dresden und die Komische Oper sowie die Staatsoper Berlin sind wichtige Stationen seiner Karriere in Deutschland, René Jacobs ist einer seiner wichtigen Weggefährten) durchaus überzeugend am Pult der Orchestra La Scintilla - 1996 formierte sich aus dem besonders an der Pflege der historischen Aufführungspraxis interessierten Orchester der Züricher Oper ein eigenständiges Ensemble von spezialisierten Musikern und Musikerinnen, das sich einen hervorragenden Ruf schaffte (der Funke der Begeisterung an neuer «Alter Musik» gab dem Ensemble seinen Namen - "la scintilla" bedeutet "der Funke") und das auch Cecilia Bartoli bereits auf Konzertreisen in Nordamerika und Europa begleitete. Der Italiener arbeitet den Sängern in angemessener Weise zu, indem er die Begleitfiguren, die bei mangelndem Verständnis leicht banal klingen können, ernst nimmt, unmusikalische Interpolationen und Fermaten verbietet und die dynamische Bandbreite ausschöpft, er koordiniert bemerkenswerte Einzelleistungen im Orchester und präsentiert gleichermaßen elegische wie dramatische Passagen mit ausgewogenen Tempi, er organisiert (im Verbund mit der Tontechnik, sicherlich) ausgewogene Ensembles, dies alles mit hervorhebenswerter kapellmeisterlicher Bescheidenheit und ohne Pultstaridioynkrasien.

Cecilia Bartoli hat ihre Fans - der Rezensent gehörte bisher nicht zu ihnen und wird es auch nach dieser Einspielung nicht. Sie brennt in erster Linie mit der gewohnten, viele überrumpelnden Routine und Souveränität ihr Koloraturenfeuerwerk ab und sucht nach vielfältigen Schattierungen und Nuancen in den besser gelungenen unverzierten Passagen, was nicht wenig, aber auch nicht genug ist, denn eine wirkliche Durchdringung des gesungenen Wortes kann ich nicht erkennen, ein dreidimensionales Bild der portraitierten Figur gar entsteht vor meinem inneren Auge nicht (dabei gibt es Hochglanzfotos im weißen Kleid als Hilfe), sondern rasch Langeweile angesichts des wenig Wärme und Herz erkennen lassenden, nie spontan, sondern unendlich kalkuliert wirkenden, enervierend manierierten Vorführens von stimmtechnischer Perfektion (eine österreichische Kollegin diagnostiziert nachvollziehbar die "Inhalation einer Menge von Elisabeth-Schwarzkopf-Platten"), von ihrem besonders in den Rezitativen geradezu herausgespucktem Text, dass man befürchtet, eine neue Form von Sprachlehrgang in den Händen zu haben, von einer nach wie vor sehr kleinen, sehr sopranigen Stimme, die wenig echte Mezzofarbe aufweist oder zu erkennen gibt (allenfalls in der Cabaletta der ersten Arie). Und so leidet man nicht mit der zarten Amina, sondern überprüft die Leistung von Frau Bartoli, die vorgibt, eine intensive Amina sein zu wollen, und denkt darüber nach, ob die Italienerin die Rolle wohl auch auf der Bühne singen wird (konzertant war sie damit in Baden-Baden zu erleben), wenn nicht empfindliche Mikrofone den kleinsten Säuseleffekt transportieren, und welches Werk ihren musikalischen Appetit wohl als nächstes reizen könnte (angstvoll denkt man an weitere Partien, mit den die Malibran in ihrer Zeit brilliert hat und an deren Ruhm sich Cecilia Bartoli ja seit einiger Zeit mit ihrer Roadshow anhängt; von September 2007 bis März 2008 präsentierte die Cecilia-Bartoli-Musikstiftung in acht europäischen Ländern eine fahrende Ausstellung von seltenen Objekten, Briefen und Musikmanuskripten aus der Zeit der italienischen romantischen Oper und des Belcanto, in deren Zentrum die weltberühmte Kollegin stand, deren Geburtstag sich am 24. März 2008 zum 200. Mal jährte).

Juan Diego Flórez ist zurecht einer der großen Stars des Klassikbusiness, und auch sein Elvino zählt zu seinen gelungenen Portraits, die den in den Sand gesetzten Duca in Dresden vergessen lassen. Man könnte seinem schlanken, biegsamen Tenor stundenlang zuhören, sich über seine Musikalität, die vielen Piani (mit Fortetönen hält er sich im Wissen um die Grenzen der Stimme ja stets zurück), die herrlichen messe di voce und die vollendeten Legatobögen freuen, auch über die verschiedenen Stimmungen wie Trauer und Eifersucht, die er rein vokal zu transportieren weiß. In den dramatischen Momenten hätte man dann hin und wieder doch gern ein paar entschiedenere, kraftvoll-virilere Töne - und ich persönlich etwas weniger stark gerollte Rs (in der Tat ein Einwand, der zeigt, dass ich wenig andere "Sorgen" habe). Erwähnenswert finde ich auch, dass man von diesem Ausnahmesänger bei Liveauftritten nicht enttäuscht wird, er bietet diese Qualität eben auch im Theater und auf dem Podium, dieser Tage nachzuprüfen bei einer Tour, die ihn unter anderem nach Baden-Baden, Paris und an die Opéra Royal de Wallonie im belgischen Lüttich führt. Dass für diese Aufnahme drei Musiknummern (es wird nicht geschummelt, sie tragen in der Trackliste ein Sternchen) transponiert wurden, ist dem Tenor nicht anzukreiden: Selbst ein so höhensicherer Künstler wie Flórez könnte die auf Rubini abgestimmte Tessitura nur im Falsett bewältigen, man singt einfach technisch anders im 21. Jahrhundert (mit Schrecken denke ich daran, dass in Zukunft Countertenöre dieses Fach für sich entdecken könnten!).

Nicht zu entschuldigen ist, dass man nach Informationen über die übrigen Mitwirkenden vergeblich sucht - dank des Internets ist das Problem natürlich zu lösen, aber wir haben es hier ja durchaus mit einem High-Price-Produkt zu tun, das in Buchform sehr elegant daher kommt und in das man leicht noch ein paar Seiten mit biografischen Angaben hätte einbinden können. Man kennt natürlich den dritten Star der Produktion, denn Ildebrando D'Arcangelo ist nicht nur an den großen Häusern dieser Welt, sondern auch in den Aufnahmestudios ein gern gesehener Gast (dem Vernehmen nach hat er den Conte Rodolfo 2005 an der Wiener Staatsoper an der Seite von Flórez gesungen und war in dieser Rolle auch Bartolis Partner in dem erwähnten Konzert in Baden-Baden). Den Grafen zeichnet er mit klangvoll-sinnlicher Stimme, nicht nur das Bookletfoto weist ihn als echten Konkurrenten Elvinos aus, sein Singen hat Autorität, was verhaltenere Töne nicht ausschließt.

Gemma Bertagnolli, die bereits bei den Salzburger Festspielen, dem Maggio Musical Fiorentino, an der Mailänder Scala und der Berliner Staatsoper mit lyrischen Sopranpartien wie Pamina (und den anderen Mozart-"inas"), Norina, Amenaide, Nannetta, Oscar, Adele und Gretel sowie solchen aus dem Barockrepertoire zu erleben war, ist eine der Rolle gemäß nicht nur liebliche, liebenswürdige Lisa, sondern entlockt ihrem flinken Sopran auch Töne von charaktervoller Schärfe. Die Rumänin Liliana Nikiteanu, die seit 1991 vorwiegend Partien des lyrischen Mezzofachs in Zürich singt, macht das Mögliche aus der Mutterrolle der Teresa, nicht nur, als sie Lisas Intrige aufklärt, und auch Peter Kálmán hat als Alessio kurze, Gewinn bringende Bassmomente. Keine unbedeutende Karriere im "Florez-Fach" (Tonio, Lindoro, Almaviva) macht Francisco-Araiza-Schützling Javier Camarena nicht nur in Zürich, wo er seit 2007 engagiert ist, sondern auch an der Wiener Staatsoper und der New Yorker Met (und auch in Düsseldorf oder Köln war er bereits in Rossini-Partien zu erleben, wobei man sich erinnert, dass die Stimme einen etwas dunkleren Ton hat als die des prominenten Kollegen). Den Elvino singt er selbst im Dezember in seiner mexikanischen Heimat, als Notaro hat er einfach nicht genug zu tun, um wirklich aufzufallen, anders als der gut vorbereitete, sehr engagierte und dabei gleichermaßen tonschön wie kraftvoll, aber nie unsensibel singende Chor des Opernhauses Zürich.

Mein Fazit: Fans der beiden Superstars (respektive solche Menschen, die für Erstgenannte noch kein repräsentatives Weihnachtsgeschenk haben), solche der Opern von Bellini, Freunde der historischen Aufführungspraxis und der technischen Perfektion des Studios werden diese Aufnahme natürlich haben müssen und werden sicher nicht schlecht bedient. Wer das Werk an sich (wieder) entdecken will, fährt mit den bekannten Einspielungen (für mich für alle Zeiten unangefochten natürlich Maria Callas, die der Figur ganz andere Tiefen verlieh) und nicht zuletzt mit der günstigen Naxos-Einspielung mit der wunderbaren Luba Orgonasova vielleicht doch besser.


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Cover

Vincenzo Bellini
La Sonnambula

Melodramma in zwei Akten
Libretto von Felice Romani

Cecilia Bartoli - Amina
Juan Diego Flórez - Elvino
Ildebrando D'Arcangelo - Il conte Rodolfo
Gemma Bertagnolli - Lisa
Liliana Nikiteanu - Teresa
Peter Kálmán - Alessio
Javier Camarena - Un notaro

Chor des Opernhauses Zürich

Orchestra La Scintilla
Ltg.: Alessandro De Marchi


Decca 478 1084 (Limited Edition)
2 CD, Gesamtspielzeit 134.11 Min.
Aufnahme: Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Zürich-Oberstrass, Juni & Juli 2007 sowie September 2008

Weitere Informationen unter:
www.decca.com.de/
www.loiseaulyre.com.de/



Da capo al Fine
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