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Giacomo Puccini
Manon Lescaut




Besser und ergreifender geht es nicht – Puccini-Maßstab anno 2008

Manon Lescaut mit Astrid Weber – Chemnitzer Oper 2007

Von Peter Bilsing

Diese DVD ist für mich die Aufnahme des Jahres; vielleicht des Jahrzehnts. In Zeiten, wo Puccini-Stimmen scheinbar rar werden, oder gestümpert wird bis zum geht nicht mehr freut sich das Puccini-Herz und das entsprechend geschulte Ohr einzig noch auf die Konserve. Das ist Blutauffrischung und Lebensrettung zugleich, wenn man mal wieder deprimiert aus dem Theater nach Hause kommt. Da kam die Arthaus-DVD mit einer neuen 2007er Manon-Lescaut-Produktion aus Chemnitz gerade recht. Man kann ja nicht immer wieder die „Jahrhundertaufnahme“ mit Serafin/Callas/DiStefano hören, wo ja zum Top-Erlebnis leider noch das Bild fehlt. Nach zwei Stunden herzergreifendem Puccini habe ich meine Präferenzen neu geordnet. Ganz oben liegt jetzt eine DVD. Donnerwetter, was für eine Aufnahme! Ergreifend und nachgerade gesundheitsgefährdend. Zum Weinen schön!

Tadelloser 5-Kanal-DTS-Ton, wunderbare ruhige Bildregie (Patrick Buttmann), brillante Schärfe auch ohne Full-HD, ein Orchester mit herzzerreißendem Rubato und Sänger auf dem Sprung in die Oberklasse des assoluta-Gesangs. Das gilt für Zurab Zurabishvili männlicherseits ebenso, wie für die grandiose Astrid Weber. Beide sehe ich in den nächsten Jahren auf dem Zenit des Operngesangs. Glücklich jenes Chemnitzer Opernhaus, welche dieses Dreamteam über Jahre genießen durfte. Ab an die SCALA oder die MET wird es in Zukunft lauten. Für Wien sind sie schon fast zu gut! ;-)

Vielleicht haben wir ja alle im Netrebko-Taumel die phantastischen Sänger aus unserer Nähe unentschuldbar übersehen, denn was Weber und Zurabishvili hier bieten, ist absolute Weltklasse. Jeder Ton stimmt; auch im Hochdramatischen. Wenn Des Grieux zu seinem „donna non vidi mai…“ ansetzt, legt der Kritiker das Pressematerial weg, sperrt die Kinder aus und schickt die Gattin zum Einkaufen. Jetzt heißt es nur noch versinken. Was hat dieser junge Tenor für ein Legato, dazu diese zurzeit unerreicht lyrische Emphase und eine fast atemlos produzierte Stimmpracht. Das ist unerhört. Da stockt der Atem und die Aufnahme zieht den Zuschauer in den Bann des Versinkens in ein lange nicht mehr so erlebtes Puccini-Paradies. Astrid Webers „No! No! Pazzo son!“ läßt stocken. Das ist so ergreifend gesungen und dargestellt, daß auch des Hartgesottensten Tränchen fließen. Kein Firlefanz, keine Regiemätzchen – Emotion pur, die sich ab jetzt im kulminierenden Herzschlag des Hörers beängstigend bemerkbar macht und wenn La Weber in den verloren Gängen irgendeiner Kanalisation ihr „Sola, perduta, abbandonata…“ anstimmt, dann sollte das Telefon für den Notarzt bei Bluthochdruckpatienten unbedingt bereitliegen.

Was für eine Stimme, was für ein Ausdruck! Was für eine Künstlerin! Das sind die Momente, in denen man sich zum Sterben daneben legen möchte… Dafür lieben wir diesen unseren Puccini! Man kann es kaum überwältigender in Szene setzen. Ich habe diese Stelle niemals schöner erlebt; da schmerzt das Nicht-Live weniger. Und Astrid Weber haucht jede Silbe, der einfühlsame Dirigent Frank Beermann nimmt das ohnehin langsame Tempo noch mehr zurück, die Kamera verharrt schon fast peinlich obsessiv „ahime sono sola“ und fährt dann respektvoll zurück „io la deserta donna!“ da steckt alles Elend dieser Welt drin; das hat auch die Callas nicht besser gesungen. Und dann der Ausbruch „Ah non voglio morire!“ Wahnsinn! Das evoziert eine Extrasystole nach der anderen. Nur wer´s gesehen hat, wird es nachempfinden können. Hier reichen 5 Sterne nicht aus. Wir vergeben derer 6 für das derzeitige „Maß der Dinge“ im Puccini-Gesang und Ausdruck, sowie für die angehende Primadonna Astrid Weber. Und eigentlich gebührt ein siebter Stern diesem wunderbaren Orchester namens „Robert Schumann-Philharmonie“ mit Dirigent Frank Beermann. Puccini in Perfektion. Bitte mit Champagner genießen!

Die Inszenierung von Ansgar Weigner nach einer Konzeption von Dietrich Hilsdorf ist bestes Musiktheater; werktreu und ohne mottenkistig zu wirken glänzt sie in ausdrucksvoller Personenregie. Auch die übrigen Sänger sind in Top-Form. Dieter Richters Bühne ist grandios und wird zum Finale wirklich beängstigend klaustrophobisch in den rauchend engen Kanälen der Kanalisation.

Gratulation an Arthaus, wo man erkannt hat, daß dieses einmalige Dokument nicht in den auslaufenden Wellen des Abonnements für immer begraben sein darf.


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Giacomo Puccini
Manon Lescaut

Live-Mitschnitt aus dem
Opernhaus Chemnitz 2007

Musikalische Leitung
Frank Beermann

Inszenierung
Ansgar Weigner
nach Dietrich Hilsdorf

Bühnenbild
Dieter Richter


Robert-Schumann-Philharmonie
Chemnitz


Solisten

Manon
Astrid Weber

Des Grieux
Zurab Zurabishvili

Lescaut
Heiko Trinsinger

Gerente
Kouta Räsänen

Edmondo
Edward Randall

DVD Arthaus - 101.319

Weitere Informationen unter:
www.arthaus.de




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