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Ferrucio Busoni
Doktor Faust




Credo für den Teufel

Von Peter Bilsing

Liebe Opernfreunde! Vor zehn Jahren noch hätte ich gesagt: „Oper vor dem Fernseher ist eine Notlösung, kein Genuss und niemals mit einer Liveaufführung vergleichbar, absolut unbefriedigend!“ Nachdem ich mir nun die DVD „Doktor Faust“ von Ferrucio Busoni (Arthaus 2007) zu Gemüte und Gehör geführt habe und meine Ton- und Bildanlage auf neuerem Stand ist, beginne ich zu schwanken. Allen Ernstes! Schön und gut, die 500 Schweizer Franken, welche ein Premierenkarte 1.Kategorie gekostet hätte, müssen sie natürlich in passabel digitales 5-Kanal-Audio schon investieren, aber dann geht es Ihnen vielleicht, wie dem Rezensenten; sitzend vor dem Bildschirm klatscht und braviert man am Schluss zusammen mit dem Publikum der Konserve, als säße man live in der Oper. Schweißgebadet und mit einem Puls von 170 hielt es mich nach Mephistopheles zynischem „Sollte dieser Mann etwas verunglückt sein…?“ und dem Orchestercrescendo nicht mehr im antiken TV-Ohrensessel. Unerhört!

Und selbst, wenn Sie über noch keinen Großbild-Plasma oder Beamer verfügen (rücken sie einfach ihrem TV dichter auf den Pelz), dann ist der digitale Raum-Klang immer noch so brillant, perfekt und verzehrend, dass man trotz Live-Aufnahme die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören könnte. Der Rezipient taucht regelrecht in die Oper ein. Gott-sei-Dank ist auch das Züricher Publikum so zurückhaltend und die Technik so ausgefuchst, dass nicht zur Oper gehörende Nebengeräusche fast verschwinden. Kein Vergleich mit den meisten sonstigen Opera-Live-Mitschnitten. Ein Bravissimo an die Technik-Crew! Die Aufnahme ist in Dolby-Digital 5.1. schon mindestens 5 Sterne wert – im dankenswerter Weise schaltbaren DTS (Digital-Theatre-Sound) ein glattes 6 Sterne Erlebnis. Eine Referenzaufnahme und für längere Zeit sicherlich das Maß der Dinge. Besser kann es nicht klingen.

Mit Superstar Thomas Hampson, als die quasi darstellerische und gesangliche Inkarnation des Faust, einem adäquaten passenden Gregory Kunde als Mephistopheles und dem traumhaft und hochkonzentriert aufspielenden Orchester des Züricher Opernhauses unter dem spannungsvollen Dirigat von Philippe Jordan ist auch künstlerisch eben dieses „das Maß der Dinge“ erreicht. Da verblasst geradezu unsere bisherige Referenz (DG 1970) mit Fischer-Dieskau, denn akustisch ist der Sprung von der CD-Technik zur klanglich überwältigenden DVD in digitalem Raumklang ein Meilenstein. Da DVD-Player (sie können damit auch weiterhin ihre alten CDs spielen) schon fast nichts mehr kosten, sollte der Opern- und Busoni-Freund spätestens jetzt umrüsten. Ihre Ohren werden Augen machen!

Die fabelhafte Bildregie, abseits der alteingefahrenen Brian-Large-Pfade und ohne neuere Mätzchen mit langem Galgenbaum und fliegender Kamera (Verantwortlich für die TV-Produktion ist Felix Breisach), füllt das 16:9 Format in jeder Szene vorbildlich und höchst musiksensibel. Nahaufnahmen der Sänger bis auf Porentiefe bezeugen nicht nur eine perfekte Maske, sondern erlauben uns die Sicht auf eine Körpersprache und Mimik, die sicherlich selbst aus der ersten Reihe des Züricher Opernhauses nicht so wahrgenommen werden kann. Im extremen Nahbereich werden, neben vielen anderen, auch die Feinheiten von Klaus Michael Grübers feinsinniger Regiearbeit sichtbar. Niemals wird der Sänger durch Mätzchen oder Spielereien behindert, es gilt „ein weniger ist mehr“, das Lichtdesign ist passend und die von Eduardo Arroyo gebaute Bühne im beweglichen Schaukastendesign ist werkadäquat gelungen. Die eindrucksvollen Kostüme von Eva Dessecker (mein persönlicher Oskar für das Mephistopheles-Outfit!) runden diese Jahrhundertproduktion ab.

Als Extras dieser Doppel-DVD gibt es sehr interessante Interviews mit Jordan und Hampson, wo unter anderen der Dirigent überzeugend erklärt, warum man den Jarnach-Schluss dem „etwas spröden“ von Beaumont vorgezogen hat. Daneben zeigt auch Hampson, dass er nicht nur durchaus witzig parlieren kann, sondern auch über einen enormen Wissensfundus verfügt. Es ist ein Genuss diesem hochintelligenten Sänger zu lauschen, der über das Werk sehr treffend sagt: „Diese Musik ist für mich, wie ein Salvador-Dali-Traum; sie läßt die Uhren schmelzen.“ Über die Schwierigkeit von Lyrik und Dramatik eines Baritons: „Wir singen, wo andere Künstler sprechen.“ …weise Worte.

Finallement noch etwas zur Musik Busonis. Unter den rund 80 Faust-Vertonungen, davon mehr als 50 Opern, spielt Doktor Faust auf unseren Bühnen leider nur eine marginale Rolle, entsprechend überschaubar ist das Tonträgerangebot. Die Gründe liegen sicherlich nicht nur in der unglaublichen Schwierigkeit der Hauptpartien, die selbst Hampson als fast unsingbar deklariert (Originalton: „Es ist eigentlich eine Wahnsinnspartie, man findet halt selten einen Trottel, der das Alles lernt.“), sondern auch in der ungewöhnlichen Komplexität von des Komponisten Tonsprache, die in ihrer virtuosen Komplexität und Sinnlichkeit höchste Ansprüche an jedes Orchester und alle Künstler stellt. Darüberhinaus ist der Aufwand beträchtlich, denn es braucht alleine vier Dirigenten hinter der Bühne, die Bühnenmusiken, Chöre, Orgel und Glockenspiele koordinieren; ein gigantischer Aufwand.

Damit liegt eines der gewaltigsten und schönsten Werke des 20 Jahrhunderts bei Arthaus in einer Referenzaufnahme vor, die alle Ansprüche an künstlerische Qualität und technische Perfektion mehr als erfüllt. Für mich eine „Jahrhundertaufnahme“; Maßstab an Busoni-Interpretation und darüber hinaus ein hoffentlich zukunftsweisendes Plädoyer für diese ungeheuerliche, gelegentlich auch als unspielbar vermaledeites Opern-Meisterwerk.


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Ferrucio Busoni
Doktor Faust

Live-Mitschnitt aus dem
Opernhaus Zürich
Oktober / November 2006

Musikalische Leitung
Philippe Jordan

Inszenierung
Klaus Michael Grüber

Bühnenbild
Eduardo Arroyo


Chor und Orchester des
Opernhauses Zürich


Solisten

Doktor Faust
Thomas Hampson

Wagner/Zeremonienmeister
Günther Groissböck

Mephistopheles
Gregory Kunde

Herzog von Parma / Soldat
Reinaldo Macias

Herzogin von Parma
Sandra Trattnigg

Leutnant /
Student von Wittenberg
Martin Zysset

Student in Wittenberg /
Student aus Krakau
Matthew Leigh

Student aus Krakau
Thilo Dahlmann

Gravis/Theologe
Giuseppe Scorsin

Levis/Jurist
Günther Groissböck

Asmodos / Naturgelehrter
Gabriel Bermudez

DVD Arthaus - 101.283

Weitere Informationen unter:
www.arthaus.de

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