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Neue Vocalsolisten Stuttgart
Portrait
IOSIS. Zu Gesualdo


Wohl nur wenige Ensemble haben ein so scharfes künstlerisches Profil wie die Neuen Vocalsolisten Stuttgart, die seit ihrer Gründung 1984 unter der künstlerischen Leitung von Manfred Schreier immer stärker die zeitgenössische Musik in den Mittelpunkt ihres Schaffens gestellt haben. Von jeher gab es eine starke Affinität zu Tanz und Musiktheater (und damit verbunden zur szenischen Aktion); nicht zuletzt deshalb ist erst vor relativ kurzer Zeit ein "Portrait" auf CD erschienen - ergänzt um den Mitschnitt eines der szenischen Projekte des Ensembles, die "Cross Media Oper" IOSIS. Zu Gesualdo.

Die Doppel-CD "Portrait" stellt das künstlerische Profil der Neuen Vocalsolisten auf exemplarische Weise vor. Es handelt sich hier keineswegs um eine willkürliche Ansammlung zeitgenössischer Kompositionen, sondern um ein intelligent und beziehungsreich zusammengestelltes Programm, wobei man besser daran tut, die beiden CDs getrennt voneinander zu betrachten. Mit Dieter Schnebels 12-stimmiger Komposition dt 31,6 steht ein Werk am Anfang, das Kernpunkte dieses Programms bereits komprimiert beinhaltet: Der den Titel gebende alttestamentarischen Text ("Seid getrost und unverzagt, fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen grauen; denn der Herr, dein Gott, wird selber mit dir ziehen und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen") ist von Schnebel in einzelne Laute (noch dazu aus verschiedensprachigen Übersetzungen) zerlegt, die das "akustische Material" liefern. Aus Geräuschen, Sprechen, Klang und Singen konstituiert sich hier Wunsch nach dem Heilsversprechen, das gerade durch den Verzicht auf klare Sprache einen universellen Anspruch erhält. Mit atemberaubender Präzision und Intensität erschließen die Neuen Vocalsolisten die riesige Ausdruckspalette Schnebels und bringen das Staunen über das Unfaßbare zum Ausdruck.

Kontrastiert wird die Musik Schnebels von Trauermotetten des frankoflämischen Komponisten Josquin des Préz (um 1450 - 1521). Der Sprung von der Gegenwart zur Frührenaissance klammert die Epochen aus, in denen die Instrumentalmusik dominierte. Auch dieser Aspekt hebt die Bedeutung der (unbegleiteten) Stimme als ureigenstes Ausdrucksmittel hervor. In der glasklaren, durch kein Vibrato getrübten Intonation des Ensembles gewinnt die Musik an mittelalterlicher Strenge. Nicht nur die Besetzung, auch das existenzielle Anliegen der Komponisten verzahnt die Musik über die Jahrhunderte hinweg. Eine Trauermusik ist auch Nuits von Iannis Xenakis, allerdings mit eminent politischem Hintergrund. Xenakis hat diese Musik "unbekannte, politischen Strafgefangenen" gewidmet. Die Sprachlosigkeit - auch Xenakis arbeitet mit isolierten Sprachlauten statt mit durchlaufenden Texten - hat nicht mehr die unmittelbar theologische Komponente wie bei Schnebel, aber einen ähnlichen universalen Anspruch.

Eine fließend strömende Messe von des Préz wird von einer Missa Brevis von Brian Ferneyhough in Frage gestellt - heterogene Elemente bilden dort ein organisiertes Chaos, das mannigfaltige Assoziationen hervorruft. Alle drei zeitgenössischen Kompositionen dieser CD sind übrigens 12-stimmig - die Querverbindungen zwischen den Werken sind schier unendlich.

Auf der zweiten CD von "Portrait" sind ausschließlich zeitgenössische Werke zusammengestellt. In Nova/Minraud singt ein Solo-Sopran gegen eine Welt zwischen Traum, Delirium und Science-Fiction, die in einer Tonbandcollage festgehalten ist, an. Vergleichsweise schlicht dagegen sind der archaisch anmutende zweistimmigen Satz à Hélène von Xenakis und die mystisch die vertraute Tonalität umspielenden Tre canti sancti von Giacinto Scelsi.

IOSIS. Zu Gesualdo basiert auf einem szenischen Spiel, für das die Neuen Vocalsolisten bei sechs Komponisten musikalische Kommentare zu Madrigalen des exzentrischen Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo in Auftrag gegeben haben. L'Infinito von Caspar Johannes Walter greift den nervösen Stil Gesualdos mit modernen Mitteln auf. Das Werk "h" eines mit no name in der Anonymität verbliebenen Komponisten baut mit lang gehaltenen Tönen langsam sich verschiebende Klangflächen auf, die abrupt abbrechen und zuletzt in einem Schrei enden. Die Verbindung von Liebe, Gewalt und Tod, die auch die Madrigale Gesualdos (einige stehen verbindend zwischen den Auftragskompositionen) beherrscht, wird in beklemmender Weise zum Ausdruck gebracht. Auch hier stehen die Werke in enger Wechselwirkung zueinander - mit der Musik Gesualdos als Gravitationszentrum.

Die Neuen Vocalsolisten passen sich, vom sehr schlichten Tonfall bis zum theatralischen Operngestus, dem Charakter eines jeden Stückes hervorragend an. Sie werden den extremen Ansprüchen, die ihnen in den hier eingespielten Werken gestellt werden, ganz hervorragend gerecht. Unter der Leitung von Manfred Schreier sind hier aufregende Aufnahmen entstanden, die sich nicht nur auf höchstem musikalischen Niveau bewegen, sondern auch manchen Denkanstoß geben.



Von Stefan Schmöe



Portrait

Dieter Schnebel: dt 31,6 (1956/58)
Josquin des Préz:
La déploration de la mort de J. Ockeghem
Absalon, fili mi
O virgo virginum
Miserere mei, deus
Iannis Xenakis: Nuits (1967/68)
Brian Ferneyhough: Missa Brevis (1969)
Pascal Dusapin: Semino (1984/85)
Olga Neuwirth: Nova/Minraud (1998)
Younghi Pagh-Paan: HIN-NUN (1985)
Sylvano Bussotti: à hélène (1977)
Giacinto Scelsi: Tre canti sacri (1958)

WWE 2CD 20030
aufgenommen 1998






IOSIS. Zu Gesualdo.
Cross Media Oper (1997/98)

Carlo Gesualdo:
Ecco morirò
Hai, già mi disco loro
Moro, lasso
Io tacerò
In van, dunque
Cornelius Schwer: enigme
no name: "h"
Caspar Johannes Walter: L'Infinito
Isabel Mundry: Ohne Titel
Matthias Hermann: Iosis
Nicolaus A. Huber: Sein als Einspruch

WWE 1CD 20031
aufgenommen 1998
Co-Produktion mit dem SWR Stuttgart

Neue Vocalsolisten Stuttgart
Ltg.: Manfred Schreier

Produktion:
Musik der Jahrhunderte Stuttgart
und
col legno
(Simperetsweg 18, 83707 Bad Wiessee)


Da capo al Fine

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