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Gustav Mahler
Symphonie Nr. 9

„Meine Zeit wird kommen.“

Von Susanne Westerholt

„Hier ist es wunderherrlich und repariert ganz sicher Leib und Seele. Für Butterbrot und gute Stiefel für Deine ganze fernere Lebenszeit garantierte ich. Sogar auf Schinken soll es mir nie ankommen.“ – Schreibt so jemand, der Abschied nimmt von dieser Welt? Gustav Mahler verfasste diese Zeilen im Sommer 1909 in seinem Feriendomizil Toblach in einem Brief an seinen alten Freund Arnold Berliner, während er an seiner Neunten Symphonie saß. Die Zeilen lassen beinahe vergessen, dass Mahler zu jener Zeit von persönlichen Schicksalsschlägen getroffen war: Dem Tod der Tochter Maria Anna im Jahr 1907 und der Diagnose einer Herzkrankheit bei Mahler im selben Jahr; Mahler wird 1911 mit gerade mal 51 Jahren daran sterben. Hinzu kamen chronische Eheprobleme mit Alma Mahler.

Bis heute scheiden sich die Geister, wie stark Mahlers Neunte biographisch gedeutet werden soll. Unbestritten ist jedoch, dass es für Beethovens Nachfolger nicht einfach war (und ist), eine Neunte Symphonie zu schreiben. Zum einen ist die Messlatte sehr hoch gelegt, was Beethoven selbst, aber auch der Rezeption zu verdanken ist, die seine Neunte in beinahe unerreichbare Höhen hob. Zum anderen ließ die Tatsache, dass Beethovens Neunte zugleich seine letzte Symphonie war, Komponisten zögern. Dass später Bruckner seine Neunte noch nicht einmal vollenden konnte, verstärkte Befürchtungen in diese Richtung noch mehr.

Uraufgeführt im Jahr 1912, ein Jahr nach Mahlers Tod, von seinem Assistenten Bruno Walter, fand auch seine letzte Symphonie bei den Zeitgenossen wenig Anklang. Mahler litt unter der Ablehnung seiner Musik: Als Operndirigent gefeiert, als Konzertdirigent wegen seiner eigenwilligen Interpretationen eher umstritten, fanden seine eigenen Werke kaum Gefallen beim Publikum. Dabei verstand sich Mahler in erster Linie als Komponist; das Dirigieren, auch wenn er davon fürs Komponieren enorm profitierte, hielt er nicht für seine Profession, obschon sie den Großteil seiner Zeit in Anspruch nahm und er fast nur in den Ferien zum Komponieren kam. Es ist heute angesichts der enormen Mahler-Rezeption seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum mehr vorstellbar, dass seine Musik von Zeitgenossen als gebrochen, zerrissen und formlos kritisiert wurde. Später werden diese Kriterien für die Ästhetik der Moderne als charakteristisch betrachtet. Mahler erlebte dies nicht mehr; er ahnte aber sehr wohl, dass seine Musik in diesem Sinne ‚zu früh' kam.

Wie geht man nun an ein solches Werk heran? Das Ziel ist klar… und hoch gesteckt. Mahlers Absicht war es nämlich, in seinen Symphonien „mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufzubauen.“ Nein, weniger ging nicht, nicht bei Mahler. Und dass bis heute keine verlässliche Urtextausgabe von Mahlers Symphonien greifbar ist, ist für Interpreten insofern tröstlich, als es eigentlich nicht mehr schlimmer kommen kann. Es bleibt nur eines: Man muss Mahlers Musik interpretieren, man muss sie formen, was Justin Brown und der Badischen Staatskapelle Karlsruhe ausgezeichnet gelingt. Mahlers Denken war von Anfang an vom Zusammengehen von Lied und Symphonie durchdrungen. Das Klanglich-Instrumentale wird bei ihm gesanglich-beredt, und das Liedhafte geht in die instrumentale Struktur ein. Die Umsetzung dieser Verschränkung gelingt hier sehr gut. Dass die vorliegende Interpretation sehr sorgfältig ist, wird bereits zu Beginn des ersten Satzes hörbar; als eine Anspielung an Beethovens Neunte bleibt die Tonart zunächst unbestimmt und wird erst nach ein paar Takten mit einer Kadenz in D-Dur fixiert. Brown nimmt dieses Tasten und Zögern, bei dem das Werden von Musik selbst zum Thema wird, gekonnt auf.

Mit der Viersätzigkeit und einer Sonatensatzform als Kopfsatz auf den ersten Blick konventionell wirkend, hat es diese Symphonie von ihrer Struktur her in sich. Oft wird sie verglichen mit dem literarischen Werk des Chandos-Briefs von Hofmannsthal: Der Wiener Dichter lässt darin einen fiktiven Lord Chandos schreiben, dass ihm die Fähigkeit abhanden gekommen sei, über irgend etwas zusammenhängend zu denken und zu sprechen. Wie modrige Pilze zerfielen ihm die abstrakten Worte im Munde. - Man stößt bei der sprachlichen Beschreibung der Struktur von Mahlers Musik rasch an Grenzen; Begriffe wie „Verschränkung der Formen“ und „montagehafte Formbildungen“ scheinen ungenügend. Adornos eigens für die Beschreibung von Mahlers Musik kreierten Begriffe wie „Durchbruch“, „Erfüllung“ oder „Zusammenbruch“ kommen Mahlers Musik vermutlich recht nahe. Es scheint fast, als habe sich Brown von diesen Begriffen inspirieren lassen. Mit der von Mahler vorgegebenen eher kleinen Besetzung meistert das Orchester die ständigen Wechsel des Ausdrucks zwischen Lyrischem und Monumentalem, zwischen Liedhaftem und Instrumentalem, vortrefflich. Dies zeigt sich insbesondere im vierten Satz: Ein Variationssatz mit einem Thema und zehn Variationen, in dem das „Trinklied vom Jammer der Erde“ aus dem „Lied von der Erde“ und „Der Tag ist schön auf jenen Höh'n“ aus den „Kindertotenliedern“ präsent sind: Zum Heulen schön gespielt.

Die Badische Staatskapelle Karlsruhe feiert dieses Jahr ihr 350-jähriges Bestehen, wozu sie sich mit dieser feinen und differenzierten Interpretation unter Justin Brown gleich selbst ein Geschenk gemacht hat.

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Gustav Mahler:
Symphonie Nr. 9


Badische Staatskapelle Karlsruhe

Dirigent: Justin Brown

Live aufgenommen im Badischen
Staatstheater Karlsruhe am 17., 18. und 19. Juli 2011.


Gesamtspielzeit: 79:54


SACD Hybdrid
Vertrieben durch: Universal Edition Wien AG
Bestellnummer: PC (Pan Classics) 10262

Weitere Informationen
www.justinbrownconductor.com





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