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Nikolaus Harnoncourt spielt noch einmal die Matthäuspassion ein

Ringen um letzte Wahrheiten


Nikolaus Harnoncourt war der vielleicht wichtigste Pionier einer Musikauffassung, die hinter der spätromantischen Sichtweise auf die Passionen Johann Sebastian Bachs das originale Klangbild suchte. Dabei ging es ihm keineswegs um Authentizität als Selbstzweck, sondern vielmehr um ein Ausloten der Bach'schen Klangfarben und Ausdrucksmittel, die im Brahms- und Bruckner-Sound der großen Oratorienchöre und Symphonieorchester verloren gegangen waren. Inzwischen ist diese Auffassung etabliert und Harnoncourt weit ins romantische Repertoire eingedrungen. Die Zeit reinen Bach- und Mozart-Spezialistentums scheint vorbei. Mit der Neueinspielung der Matthäus-Passion begibt sich der Dirigent daher wieder zurück zu seinen Wurzeln.

Auch in der vorliegenden Aufnahme setzt Harnoncourt auf extrem kleine Orchesterbesetzung mit historischen Instrumenten. Die Zeiten, in denen man mit dem Schlagwort "historische Aufführungspraxis" kratzende Geigen und jaulende Oboen verband, sind - dem fortgeschrittenen Wissen um den Instrumentenbau der Bach-Zeit sei Dank - vorbei. Der Farbreichtum des Concentus Musicus ist enorm, transparent bis ins kleinste Detail hinein, und dennoch ist der Orchesterklang jederzeit "groß" im Ton. Auch die durch die Doppelchörigkeit evozierte die Raumwirkung der Musik fängt die Aufnahme recht natürlich ein.

Überraschend an dieser Aufnahme ist, dass Harnoncourt an Stelle eines (in früheren Bach-Einspielungen fast durchweg favorisierten) Knaben-Männer-Ensembles einen gemischten Chor (den exzellenten, aber von der Aufnahmetechnik recht weit in den Hintergrund gerückten Arnold-Schoenberg-Chor) und auch Frauenstimmen in den Solistenquartetten einsetzt. Die Unmittelbarkeit der Knabenstimmen, durch die sich die besten Aufnahmen Harnoncourts auszeichnen, ist dadurch nicht gegeben. Und bei den Altistinnen Bernada Fink und Elisabeth von Magnus tritt genau das Problem auf, vor dem Harnoncourt früher gewarnt hat: Die tiefen Frauenstimmen mischen sich weniger gut mit dem Instrumentalklang, als Knaben- oder Altus-Stimmen dies könnten.

Trotzdem macht diese Besetzung "Sinn". Zum einen sucht Harnoncourt einen stark opernhaften Zugang, allerdings nicht im Sinne des romantischen Musikdramas, sondern der Barockoper. Der Chor nimmt darin, sowohl in den Turbae-Chören als auch in den sehr nah am Text interpretierten Chorälen, eine sehr stark dramatische Funktion als unmittelbar fühlendes Subjekt ein. Ein Knabenchor mit einem "objektiveren", auch "unschuldigerem" Klang wäre nicht in dem Maße "mit-leidend", wie es der gemischte Chor hier ist. Gleiches gilt für die Solisten: Die sind nicht in erster Linie Stellvertreter einer sündig gewordenen Welt, sondern im opernhaften Sinne direkt als Individuum Betroffene. In den Arien werden die Ängste dessen, der gerade singt, ausgedrückt (und nicht, wie das durch eine Art Überhöhung in vielen Aufnahmen zu hören ist, die der Menschheit). Das Vibrato, das Zittern in den Frauenstimmen gewinnt hier eine inhaltliche Funktion.

Man hört der Aufnahme in jedem Ton das Ringen um den existenziellen Gehalt der Matthäuspassion an, und zwar auf einer vorrangig textlich-inhaltlichen Ebene. Nicht zuletzt wird die Frage nach der "richtigen" Besetzung hier auch theologisch entschieden. Die Interpretation meidet die festliche Aura, den Schein der Erlösung, den die Musik in anderen Einspielungen trägt. Die Grundstimmung ist herb und trübe: Wer so erlösungsbedürftig ist, darf nicht auch noch "schön" singen.

Mit Christoph Prégardien steht Harnoncourt ein herausragender Evangelist zur Seite, der mit viel Musikalität und Intelligenz den erzählerischen Duktus und die theatralische Komponente in Einklang bringt. Matthias Goerne singt einen erdverbundenen Christus, den aber eine Ahnung von himmlischer Sphäre umgibt. In den Arien dominiert die strenge Grundhaltung, die den Solisten kaum Wohlklang gönnt. Man mag das im Einzelnen bedauern, aber im Gesamteindruck ist diese Sichtweise grandios.

Die Musik strebt permanent nach vorne. Der Theaterpraktiker Harnoncourt verweilt nicht auf schönen Momenten, sondern baut mit ungeheuerer Spannung einen großen Bogen. Innerhalb der stabilen Grundtempi der einzelnen Sätze brodelt es gewaltig. Harnoncourt nimmt sich alle Freiheiten, innerhalb kleinster Partikel das Tempo extrem zu variieren (und hat ein wunderbares Ensemble, das ihm darin virtuos folgt). Selbst die Choräle erhalten dadurch eine immense Binnendynamik. Das Erstaunliche daran ist, dass die Musik trotzdem in keiner Weise romantisch eingetrübt wird. Eine Matthäuspassion, passend zum Osterbraten, ist das sicher nicht - dafür aber eine der aufregendsten Aufnahmen.

Von Stefan Schmöe











Cover

Johann Sebastian Bach:
Matthäus-Passion BWV 244

CHristoph Prégardien (Evagelist)
Matthias Goerne (Christusworte)

Christine Schäfer, Sopran I
Dorothea Röschmann, Sopran II
Bernarda Fink, Al I
Elisabeth von Magnus, Alt II
Michael Schade, Tenor I
Markus Schäfer, Tenor II
Dietrisch Henschel, Bass I
Oliver Widmer, Bass II

Wiener Sängerknaben
(Leiter: Norbert Balatsch)

Arnold Schoenberg Chor
(Leitung: Erwin Oertner)

Concentus musicus Wien

Ltg.: Nikolaus Harnoncourt

aufgenommen im Mai 2000

Teldec
8573-81036-2
3 CD


Da capo al Fine

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