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Ergreifende Lebensreise:

Mahlers 2. Sinfonie mit Seiji Ozawa



Es gibt sicherlich viele beeindruckende Musikstücke, denkt man nur an das Brahms'sche Requiem, jenes von Verdi oder zur Osterzeit an die Matthäuspassion von Bach.
Auch Gustav Mahler hat auf diesem Gebiet Bedeutendes geschaffen, so u.a. seine 2. Sinfonie mit dem Beinamen "Auferstehung", der dem Werk immer angehangen hat, gegen den der Komponist aber sogar aktiv vorgegangen ist.
Die Wirkung dieser großen Werke auf den Zuhörer ist grundverschieden, auch ein und dasselbe Stück mag den einen ergreifen oder den anderen beruhigen.

Was zeichnet also Mahlers erstes Großwerk aus?

Zum einen die für das Schaffen des Komponisten so typische Heteronomie:Schon in seiner Kindheit war Mahler einem sehr großen Spektrum musikalischer Eindrücke ausgesetzt: Ernste Musik, Folklore, Kaffeehausmusik und Militärmusik umgaben ihn, und dies zeigt sich auch in seinen Werken. Am schönsten zu hören ist dies wohl im 3. Satz seiner "Auferstehungs"-Sinfonie, der ausführlich die Musik zu "Des Antonius von Padua Fischpredigt" aus den Wunderhorn-Liedern behandelt.

Zum anderen spannt Mahler einen großen Bogen in dem Werk: Dieser beginnt mit der sogenannten Totenfeier, in der die für den Komponisten so eminent wichtige und ihn immer wieder beschäftigende ewige Frage nach demSinn des Lebens aufgeworfen wird. Hier wird noch der tragische "Held" der ersten Sinfonie zu Grabe getragen, bevor im zweiten Satz an glückliche Momente in dessen Leben erinnert wird. Die fortissimo-Pauken zu Beginn des dritten Satzes lassen den Zuhörer wieder zurückschrecken und aufwachen aus diesem "sehnsuchtsvollen Traum".Das folgende Lied "Urlicht" ist quasi Einführung zum mächtigen Finale, das Mahler komponierte, nachdem er bei der Bestattung des großen Dirigenten Hans von Bülow von einem Chor eine Vertonung der Klopstockschen Ode "Auferstehn" gehört hatte.Nach einigen mehrjährigen Unterbrechungen in der Komposition hatte Mahler mit diesen nunmehr fünf Sätzen eine "Reise durchs Leben" mit abschließendem Glaubensbekenntnis geschaffen.

Dieser große Bogen in der Komposition wird durch Seiji Ozawa, die beiden Gesangssolistinnen und sein japanisches Orchester kongenial nachvollzogen. Es ist einfach ein Genuß, sich dieser Aufnahme hinzugeben und die unglaubliche Vielfalt des Werkes nach und nach zu erkennen.
Das Klangbild bleibt dabei immer sehr ausgewogen und durchsichtig. Beim Zuhörer entsteht der Eindruck, er sitze wirklich mitten im Geschehen.
Emiko Suga und Nathalie Stutzmann als Solistinnen fügen sich mit ihren runden, vollen Stimmen und angenehmem Timbre sehr elegant ein in die große Besetzung. Gerade das "Urlicht" wirkt tief beeindruckend, der Hörer fühlt dem Menschen in Not, Zuversicht und Sehnsucht regelrecht nach.
Nachdem das Orchester im letzten Satz zunächst noch allein die Konflikte dargestellt hatte, muß der Zuhörer beim pianissimo-Einsatz des Chores im Finale einfach gebannt sein. Genau dies erlebt man auch beim Hören dieses Live-Mitschnitts aus Tokio zu Beginn des neuen Jahrtausends. Man hört die sprichwörtliche Stecknadel regelrecht fallen. Positiv fällt die gute Sprachverständlichkeit des Chores auf, was im äußersten pianissimo wirklich nicht leicht zu erreichen, hier aber gelungen ist. Bei vielen anderen Aufnahmen bleibt gerade diese Stelle undeutlich.

Seiji Ozawa versteht es sehr geschickt, die Spannung aufrecht zu erhalten über gut 80 Minuten, gerade gegen Ende des Stücks spürt man sie sehr deutlich, unterstützt vom stimmgewaltigen Shinyukai Chor.Jetzt muß der Zuhörer einfach gepackt sein, ihm läuft dauernd ein kalter Schauer über den Rücken.
Im großen Finale kommt auch das Fernorchester zum Einsatz, dessen Wirkung hier sehr überzeugt.So wie Mahler ein ungemein abwechslungsreiches Werk geschaffen hat, letztendlich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt und diskutiert, ist hier eine CD entstanden, die genau dies dem Zuhörer näher bringt.
Auch vermeintliche Nebensächlichkeiten, die im Leben wie in der Musik vorhanden sind, werden gut hörbar, aber nie überbetont.Der einzige Wunsch, der vielleicht bleibt, ist der nach etwas deutlicherem Herausstellen von tänzerischen, folkloristischen und militärmusikalischen Elementen, die im Werk alle vorhanden sind, bei dieser Aufnahme manchmal aber etwas im Hintergrund bleiben. So könnte der ohnehin schon plastische Höreindruck noch verstärkt werden.

Welche Erkenntnis bleibt nach der "Reise durchs Leben"?
Der Zuhörer ist ergriffen, die Besucher des Tokioter Konzerts begeistert und auch in Japan wird die europäische Musik (in diesem Falle nur durch wenige deutsche bzw. ehemals in Deutschland tätige Musiker unterstützt) durch Japaner sehr überzeugend dargeboten.Vielleicht ergibt sich ja ein neuer Trend: Nicht die Europäer kommen nach Asien, sondern die Asiaten nach Europa ?Man darf auf jeden Fall sehr gespannt sein auf weitere Projekte.



Von Kilian Vollmer



Gustav Mahler:
Sinfonie Nr.2 c-moll "Auferstehung"


Allegro maestoso
Andante moderato
In ruhig fliessender Bewegung
"Urlicht".
Im Tempo des Scherzos.

Sony Classical CD S2K 89374
Live Recording (Januar 2000, Tokyo Bunka Kaikan)

Emiko Suga, Sopran
Nathalie Stutzmann, Alt
Shinyukai Chor
Einstudierung: Shin Sekiya
Saito Kinen Orchester

Ltg.: Seiji Ozawa




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