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Symphonisches und eine Oper von Howard Hanson :

Amerikanische Kuriositäten




Das Label Naxos ist stets für Wieder- oder Neuentdeckungen gut: Mit zwei Aufnahmen stellt es jetzt mit Howard Hansons einen in unseren Breiten praktisch bisher ungespielten amerikanischen Komponisten vor. Hanson wurde 1896 in Wahoo, Nebraska, als Sohn schwedischer Einwanderer geboren und gilt als ein Pionier amerikanischer Musik. So gründete er, z.B. das "Institute of American Music" an der "Eastmen-School", deren musikalischer Direktor er darüberhinaus jahrzehntelang war. Neben weiteren akademischen Ehren, erhielt er für seine 4. Sinfonie den Pulitzerpreis und neben diesem noch 36 weitere hochangesehene Preise.

Umso größer ist die Verwunderung, daß Hanson mittlerweile vollkommen unbekannt ist – es lohnt sich deshalb, sich seiner Musik zu nähern: Die 1. Sinfonie ("Nordic") ist ein besonders gutes Beispiel für frühe "amerikanische" Musik: Hochromantisch kommt sie daher, überbordend emotional und tonmalerisch. 1922 wurde dieses Werk vollendet und es erinnert nicht selten an breite Hollywood-Filmmusik, wie sie erst sehr viel später aufkommen sollte. Unüberhörbar ist der Einfluß seines Lehrers Respighi, bei dem Hanson zu Beginn der 20er Jahre, wegen der Verleihung des Rom-Preises, in eben dieser Stadt weilte. Ebenso hörbar sind die Bezüge zu Jean Sibelius: der Titel "Nordic" sowie die Tonart e-moll (wie Sibelius´ 1. Sinfonie) ist sicherlich nicht von ungefähr.

Der erste Satz hebt mit einer lyrischen, sehr warm instrumentierten Melodie an, die sich bald in dramatischeres Geschehen entwickeln soll. Diese "schmerzlich-lyrische Dramatik" wirkt leider nicht selten aufgesetzt und hat etwa den musikalischen Nährwert von Schlagsahne. Der Charakter des zweiten Satzes ändert sich nicht bedeutend, wohingegen der dritte und letzte Satz nach fulminant wagnerschem Auftakt durchaus Eigenständigkeit aufweist. In einem bohrendem "Trauer-Geschwindmarsch" präsentieren sich die letzten 4 Minuten, und diese sind meisterhaft komponiert!

Einen ähnlichen Tonfall weist die Sinfonische Dichtung Pan and the Priest op. 26 auf. Schöne lyrische, leider viel zu ähnliche Melodien, häufige Ostinati und eine schmetternde Blech-Orgie. Alles (zu) schön anzuhören.

Weiter scheinen die Rhythmic Variations on two ancient hymns zu sein, obwohl das Werk zu Hansons unbekannteren Stücken zählt. Die Harmonik präsentiert sich etwas gewagter, man mag hier und dort die Quelle hören, durch die sich Komponisten wie Samuel Barber oder sogar Aaron Copland beeinflussen ließen.

Der Dirigent Kenneth Schermerhorn beleuchtet die Partitur mit seinem Orchester durchaus traditionsbewußt. Gewohnt amerikanisch brillant trumpfen die Blechbläser auf, alles vermischt sich, auch Dank der hervorragenden Aufnahmetechnik, zu einem runden und warmen Gesamtklang. Die Hervorhebung der seltenen Schärfen der Werke hätte der Interpretation insgesamt noch mehr Frische verleihen können. Grundsätzlich sei die CD aber sehr empfohlen, nicht zuletzt um einen interessanten Einblick in frühe amerikanische Sinfonik – abseits von Bernstein, Ives oder Copland - zu gewinnen, die dafür sonst gern als Beispiel herangezogen werden.

Hansons einzige Oper MerryMount handelt von Hexerei, von sexueller Besessenheit im Neuengland des 17. Jahrhunderts. Das Libretto basiert auf Nathaniel Hawthornes Geschichte "The Maypole of Merry Mount." Beschrieben werden die Konflikte der puritanischen Einwanderer im Kampf gegen das "Böse." Obwohl das Werk ein großer Erfolg gewesen ist, wurde sie nach 1934 erst 1964 ein weiteres Mal aufgenommen. Die Musik erinnert überdeutlich an die Musik, wie man sie in Ritterfilmen wie "Ivanhoe" oder "Robin Hood" schon oft gehört hat. Nicht selten ist auch das direkte Wiedergeben der Geschehnisse auf der Bühne in die Musik – im filmischen Bereich würde man vielleicht von "Mickey-Mousing" reden: Mickey Mouse fällt - und "rumms" macht die Trommel. Die im Booklet beschriebenen musikalischen Nähen zu Komponisten wie Puccini scheinen nur gelegentlich gerechtfertigt.

Insgesamt hat die Musik zu wenig Gehalt, um sie ohne die visuellen Reize einer Inszenierung im Theater genießen zu können. Von musikalischem Genuss für die Ohren kann auch wegen der wenig erträglichen Aufnahme aus dem Jahr 1934 nicht die Rede sein. Es leiert, braust, saust und knackt – entbehrt leider auch den Charme einer alten Schallplatte, der man solche Mängel gerne zubilligen möchte. Amüsant sind die originalen Radio-Kommentare vom Milton Cross, die zwischen den Akten zu hören sind. Hier wird wirklich versucht, ein möglichst "echtes" nostalgisches Gefühl im Hörer zu erwecken.

Zu erkennen ist dennoch, daß die Sänger, allen voran Lawrence Tibbett, Erstaunliches leisten. Dieser überzeugt mit einem beweglichen und warmen Bariton, von großer Höhe und respektabler Tiefe. Was der Dirigent Tullio Serfain mit dem Orchester schafft, ist recht ausgewogen und virtuos. Der Chor "lebt" von einer (bei Live-Mitschnitten ja nicht seltenen) erstaunlichen Unpräzision. Vermutlich waren die Aktionen auf der Bühne so vielfältig, dass auf einige Töne ruhig verzichtet werden durfte.

Zu loben ist das Booklet der CD: ohne die relativ ausführliche Inhaltsangabe, wäre der Hörer doch sehr verloren. Es bleibt aber die Frage, für welches Publikum diese CD entstanden ist: Der Musikliebhaber wird, wegen der schlechten Aufnahme, neben einem freundlich-nostalgischesm Lächeln keine weiteren Freuden haben. Für den Musiker stellt die Oper keinen großen Glanzpunkt in der Operngeschichte dar, sie ist erstaunlich konservativ gehalten und hat mit den großen Opern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gar nichts zu tun. So bleibt sie am ehesten ein Schnäppchen für Kuriositäten-Sammler.

Von Gordon Kampe














Cover

Howard Hanson
(1896-1981):

Orchesterwerke Vol.1

Symphonie Nr.1 "Nordic"
Merry Mount Suite
Pan and the priest
Rhythmic variations on two ancient hymns

Nashville Symphony Orchestra
Leitung: Kenneth Schermerhorn

Naxos 8559072




Cover

Merry Mount
Oper in drei Akten

Lawrence Tibbett,
Göta Ljungberg,
Gladys Swarthout,
Edward Johnson u.a.

Chor und Orchester der
Metropolitan Opera, New York
Leitung: Tullio Serafin

Live-Mittschnitt der
Uraufführung vom 10. Februar 1934

Naxos 8.110024-25 (2 CD)


Da capo al Fine

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