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György Ligeti:
Werke für Klavier und Cembalo


Ligeti zwischen Darmstadt und Romantik

Von Gordon Kampe

»Ich stelle mir eine stark affektive, kontrapunktische und metrisch sehr komplexe Musik vor, … ohne jeglichen `Zurück-zu` Gestus, nicht tonal, doch auch nicht atonal.« Ja, was denn dann? – fragt sich der Hörer von Ligetis Klaviermusik. Nachdem Ligeti in den sechziger Jahren mit seinen berühmt gewordenen und gegen jeden Strich gebürsteten Klangkompositionen (erinnert sei an sein frühes Meisterwerk Athmosphéres) für Aufsehen sorgte, schaut der ungarische Komponist seit mittlerweile mehr als 20 Jahren aus einer seltsamen und nicht selten verbitterten Haltung auf die Entwicklungen der neuen Musik und deren Protagonisten. Mit seiner fulminanten Oper Le Grand macabre hatte er sich einen schrill-postmodernen Stempel aufgedrückt, den er spätestens seit seinem in den achtziger Jahren entstandenen Horntrio auch nicht mehr losgeworden ist.

Die mittlerweile drei Etüden-Bücher für Klavier zeigen ebenfalls diese postmoderne Haltung: In kurzer Abfolge scheinen vielerlei verschiedene Stile-, bzw. Stiladaptionen durch. Langsame Stücke zeugen von der Auseinandersetzung mit der farbigen Welt eines Claude Debussy, Stücke mit dramatischen und versonnenen Gesten verweisen auf einen Alexandr Skrjabin, auch Ligetis in der Musik Bela Bartóks liegende Wurzeln kommen zum Vorschein. Die sicherlich interessantesten Werke sind jene, die sich von der Player-Piano Musik Conlon Nancarrows (den Ligeti in Europa überhaupt erst bekannt machte!) beeindruckt zeigen, dessen aberwitzig komplex-vetrackte Rhythmus-Netze eine nachhaltige Wirkung hinterließen. Wo aber steckt bei all den Verweisen und Andeutungen der eigentliche und originäre Ligeti? Zweifellos: diese kurzen, voller Assoziationen steckenden Werke sind meisterhaft gesetzt – doch sie berühren einen eigenartig kühl. Dem Instrument Klavier hat Ligeti offensichtlich nicht viel Neues zu entlocken, zu vordergründig erscheinen die überaus funkelnd-virtuosen Passagen. Es bleibt in erster Linie größter Respekt vor Pianisten, die sich der knochenharten Erarbeitung von so unglaublich vielen Noten vornehmen.

Erika Haase und Idil Biret haben sich in neuen Produktionen dieser immensen pianistischen Herausforderung mit Bravour gestellt und die Etüden-Bücher aufgenommen. (Erika Haase sogar das Gesamtwerk für Klavier und Cembalo, darunter auch das berühmt irrisierend-flatternde Continuum für Cembalo!)

Schon der oberflächliche Blick auf die Zeitangaben der jeweiligen Etüden macht den unterschiedlichen Zugriff beider Pianistinnen deutlich. Idil Biret benötigt für beinahe alle Etüden deutlich mehr Zeit: Während Erika Haase die Etüde II (Cordes à vide) in 2´59 bewältigt, beendet Idil Biret das gleiche Stück erst nach 4´36 – ein enormer Unterschied bei solch kurzen Stücken, weitere Beispiele ließen sich mühelos anführen. Die unterschiedlichen Dauern sind jedoch deutliches Indiz für die differierende Auffassung und nicht etwa Beweis für die „geringere Virtuosität“ Idil Birets, denn darin steht sie Erika Haase in überhaupt nichts nach. Während Erika Haases Aufnahme jedoch für eine kühle und mechanisch-präzise Interpretation steht, gönnt Idel Biret sich und der Musik mehr Zeit und mehr Raum. Ihr Ton ist durchaus romantisch gefärbt – was den langsamen und klangvolleren Passagen sehr zu gute kommt. Erika Haase hingegen steht, als Preisträgerin des Kranichsteiner Musikpreises, in der Tradition der Darmstädter-Avantgarde, deren analytisch-intellektuelle Haltung sich in ihrem Klavierspiel wiederfindet. Die beiden Labels, TACET und NAXOS bringen also fast gleichzeitig Ligeti-Etüden auf den Markt, deren Ausführung unterschiedlicher kaum sein könnte: Äußerste Präzision, atemberaubende Technik mit kühlem Kopf und klarem Ohr versus feinsinnig-weichem, fast romantischem Klavierklang. Dabei eine eindeutige Empfehlung zu geben ist schwierig – beide Pianistinnen beleuchten jeweils konsequent unterschiedliche Nuancen dieser merk-würdigen Klavierstücke. Es bleibt also eine nüchterne Geschmacksfrage. Wer jedoch die Etüden in den Gesamt-Zusammenhang von Ligetis Schaffen für Tasteninstrumente stellen will, dem sei Erika Haases Doppel-CD empfohlen. Hier finden sich außer den genannten Werken auch kurze Stücke für Klavier zu vier Händen, bzw. für zwei Klaviere (als Partnerin von Erika Haase spielt Carmen Piazzini).


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Cover

Ordre – Dèsordre
Hommage à György Ligeti
Das Gesamtwerk für Klavier und Cembalo
Erika Haase, Klavier und Cembalo

TACET 129



Cover

György Ligeti:
Études pour piano
Premier livre, Deuxième livre
Idil Biret, Klavier

NAXOS 8.555777







Da capo al Fine

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