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Ludwig van Beethoven:
Sämtliche Klaviersonaten


Heimlich, still und weise

Von Susanne Westerholt

Manager und Virtuosen teilen ein gemeinsames Schicksal: Die Luft ist „dünn“ für sie und die Konkurrenz groß, und nicht immer sind die Lautesten auch die Besten. Abdel Rahman El Bacha gehört zu jenen ganz oben, und er ist nicht der Lauteste. Es sind eher nicht seine Poster, die in den Schaufenstern der Musikläden hängen. Abdel Rahman El Bacha hat es zwar längst in den Olymp der grössten Pianisten der Gegenwart geschafft, trotzdem stellt er noch immer für viele Musikliebhaber eine Entdeckung dar.

Deshalb seien hier einige Stationen seines Lebens kurz erwähnt: Geboren und aufgewachsen in Beirut wurde bald sein Talent fürs Klavier entdeckt. Nach erstem Unterricht in Beirut, ging er zur weiteren Ausbildung ans Conservatoire in Paris. Nach dem Abschluss gewann er als frischgebackener Pianist im Alter von 19 Jahren den renommierten Königin Elisabeth-Preis: „Startschuss“ für eine internationale Karriere, die ihn in die bedeutendsten Konzertsäle dieser Welt führte. Er spielte unter anderem mit den Berliner Philharmonikern, dem Royal Philharmonic Orchestra London und dem Orchestre de Paris. El Bacha verfügt über ein ausserordentlich breites Repertoire von Johann Sebastian Bach über Chopin bis Prokofjew und hat sich nicht im eigentlichen Sinne auf einen Komponisten spezialisiert.

Nun hat sich El Bacha an das „Urgestein“ der klassischen Klavierliteratur gewagt und sämtliche Klaviersonaten Beethovens eingespielt, was Mut braucht. Denn El Bacha ist wahrlich nicht der Erste: Barenboim, Rubinstein, Serkin, Schnabel, Arrau, Backhaus, Annie Fischer und Yves Nat haben mit ihren Interpretationen Maßstäbe gesetzt. Hier noch einen draufzusetzen, na, wohl bekomm's!

Es ist müßig zu erklären, welchen Stellenwert Beethovens Klaviersonaten in der Musikgeschichte haben; Beethoven löste in ihnen kompositorische Probleme, die ihn beschäftigten, und er setzte gerade deshalb allerhöchste Ansprüche an sie. Dadurch bildeten seine Klaviersonaten sozusagen die Vorhut seines Schaffens. Die Rezeption konzentriert sich oftmals auf die späten Sonaten, die in ihrer Radikalität gewissermassen dem musikgeschichtlichen Kontext enthoben scheinen. Dabei rückt gelegentlich in den Hintergrund, dass Beethovens frühe und mittlere Sonaten ein besonderes Zeitzeugnis des Übergangs von der Klassik zur Romantik darstellen.

Bereits in Beethovens frühen Sonaten machte sich mit der Technik der so genannten strukturellen Fortspinnung eine Tendenz in Richtung Aufhebung der Ausgewogenheit der klassischen Sonate bemerkbar. Beethoven komponierte für die damalige Zeit nämlich ungewöhnlich lange Durchführungen, deren Bestandteile sich oftmals über einen ganzen Satz erstreckten, wodurch auch die Exposition und die Reprise Fortspinnungscharakter erhielten. Mit dem Typus der klassischen Sonate und deren Anspruch der Ausgewogenheit und Proportion waren Beethovens Sonaten nicht mehr vereinbar. Hinzu kam, dass Beethoven vor allem ab seiner mittleren Schaffensphase häufig kleinsten motivischen Splittern die Funktion zentraler Bausteine eines Satzes und oftmals sogar einer ganzen Komposition gab. Allgemein kann man sagen, dass Beethovens Kompositionsstil zu einer verstärkten Individualisierung der Gesamtkonzeption von Sonaten und der Struktur der einzelnen Sätze führte; mehr und mehr stand der individuelle Ausdruck einer Sonate im Vordergrund. Für Interpreten also ein Kosmos an Möglichkeiten - einschliesslich jener, in diesem Kosmos in „schwarze Löcher“ abzustürzen.

Wie klingt nun dieses Mega-Projekt in den Händen von Abdel Rahman El Bacha? Eines kann man erfreulicherweise vorweg festhalten: El Bacha braucht den Vergleich mit seinen Vorgängern nicht zu scheuen. Gerne horcht man ja bei solchen Gesamteinspielungen zunächst in die Mondscheinsonate, um zu prüfen, womit man es zu tun hat. Schön gespielt von El Bacha, auch die Feinheiten in der Artikulation etwa vor Harmoniewechseln kommen gut zur Geltung. Aber wie gesagt, die Messlatte ist hoch, und wir finden in hier nichts, was wir nicht auch bei den bisherigen Interpretationen schon einmal gehört haben.

Weiter zur Pathétique: sehr subtil und lyrisch interpretiert, in manchen Passagen auch vehement im Anschlag. In der ungewöhnlichen und spannenden Dramaturgie zwischen langsamen und schnellen Teilen vor allem im ersten Satz kommt dieses mit Geist beseelte Spielen besonders gut zur Geltung. Durch diese merkwürdige Charakteristik der Interpretation kommen zum Beispiel auch die Harmoniewechsel in allen Sätzen künstlerisch voll zum Ausdruck.

Als ein weiterer Höhepunkt in Beethovens Klaviersonatenoeuvre gilt sicherlich die Waldstein-Sonate. Deren beinahe symphonischer Charakter – man denke etwa an das extrem lange Rondo-Finale – verlangt vom Interpreten sowohl technisch als auch künstlerisch gänzlich andere Eigenschaften als etwa die Pathétique. Die motivisch-thematische Arbeit tritt hier zugunsten von raumgreifenden immer wieder anders ausgeführten Skalenbewegungen und vielfachen Akkordbrechungen zurück, die sich über mehrere Oktaven erstrecken; ein Kompositionsstil, der später etwa von Chopin, Liszt und Brahms aufgenommen und weiterentwickelt wurde. Nicht jede Gesamteinspielung schafft den Spagat zwischen diesen unterschiedlichen Kompositionskonzepten.

Und tatsächlich: Der erste Satz ist in mancher Hinsicht ein wenig enttäuschend; zwar gelingt es El Bacha einen Bogen zu spannen von der figurativen und harmonischen Öffnung des Klangraumes in der Exposition über die weitläufige Durchführung bis hin zur Reprise, die über den harmonischen Umweg von A-Dur, über a-moll nach C-Dur führt, der Tonart der Exposition. Allerdings fehlt bisweilen in raschen Abschnitten das für Beethovens Musik so charakteristische Vorwärtsdrängen. Umgekehrt vermittelt El Bacha in ruhigeren Passagen des ersten Satzes kaum das Gefühl von Innehalten, von Einkehr. Das Mitdenken und -fühlen, das sonst in El Bachas Spiel so deutlich zum Vorschein kommt, leidet hier definitiv.

Aufatmen hingegen im zweiten Satz! Ein Adagio in d-moll mit Übergang ins Rondo-Finale, das El Bacha sehr gelungen interpretiert: kontemplativ und mit einem eleganten Übergang in den dritten Satz. Dieser ist mit mehr als 540 Takten extrem lang, immer wieder erklingt darin der elegisch-entspannte Melodiebogen des Hauptthemas. El Bacha ist auch hier wieder ganz in seinem Element, und man spürt wie er mitdenkend die besonders in diesem Satz weit gespannten kompositorischen Zusammenhänge herausarbeitet.

Gibt es in dieser Gesamtaufnahme etwas, das wir so von anderen Interpreten noch nicht gehört haben? Man könnte es vielleicht mit geistigem Nachvollzug beim Spielen umschreiben. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass andere Pianisten Beethoven geistlos herunterklimpern. Aber es ist etwas eigentümlich Reflektierendes, Geistiges im Spiel von El Bacha, das man nicht mit Verhaltenheit oder mangelndem Ausdruck verwechseln darf und das sich – abgesehen von ein paar „Ausreissern“ wie der erste Satz der Waldstein-Sonate – wie ein roter Faden durch die Gesamteinspielung zieht. Dieses Reflektierende ist schwer in Worte zu fassen, aber deutlich hörbar. Statt Effekthascherei hat El Bacha musikalische Tiefe zu bieten. Wohl auch deshalb ist El Bacha nicht der mediale „Poster man“. Umso mehr verdient er, von einem kundigen Publikum gehört und wertgeschätzt zu werden.

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Ludwig van Beethoven:
Sämtliche Klaviersonaten


Abdel Rahman El Bacha, Klavier

Flügel: C. Bechstein D 282 concert grand

Aufgenommen in La Ferme de Villefavard,
Region Limousin, Frankreich



10 CDs
Gesamtspielzeit: 10 h 34'

Mirare (Harmonia Mundi) MIR187


Weitere Informationen
www.mirare.fr/
www.bechstein.com/




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