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Mandelring Quartett
Vis-à-vis: Johannes Brahms, Felix Otto Dessoff


In einer Zeit, in der die Aufnahme einer klassischen CD zum Pflichtrepertoire jedes Musikanten wird, bedarf es schon neuer Konzepte oder der Rezeption unbekannter Autoren, um im heiß umkämpften Klassikmarkt zu überleben. Das Mandelring Quartett versucht in Zusammenarbeit mit dem kleinen, östereichisches Label Lotus Records  durch das Projekt Vis-à-vis beides zu realisieren. Streichquartetten von Brahms werden Stücke unbekannter Zeitgenossen gegenübergestellt. Diese Einspielung stellt die Erste einer Reihe dar, weitere sollen folgen.

Zuerst einmal überzeugen beide Aufnahmen durch ihre technische Qualität. Hier beweisen sowohl Tontechniker als auch Interpreten, welche Qualitäten eine CD-Aufnahme heutzutage liefern muss, um gerechtfertigt zu erscheinen. Bei aller technischen Perfektion wirkt die Interpretation jedoch nie steril und ich halte es für eine Leistung besonderer Art, dass hier eine solch fehlerfreie und doch lebendige Aufnahme zustande gekommen ist.

Über die Brahmsschen Streichquartette ist bereits genug geschrieben worden, als dass ich mich an dieser Stelle noch darüber auslassen müsste. Die Künstler verheimlichen selbst bei der Aufführung von Werken Brahmsscher Strenge ihre Herkunft nicht: So wie das Foto auf dem Cover sie im heimischen Garten in Neustadt an der Weinstraße in lockerer Stimmung zeigt, so wird das Streichquartett a-moll op.51 Nr.2 mit einer Spielfreude dargeboten, die fern jeglicher Verbissenheit einem der anspruchsvollsten Werke der Gattung Leben und Dichte verleiht. Nicht jeder Brahms-Freund wird diese Art der Interpretation genießen; Ich fand sie jedoch erfrischend jugendlich und würde mir auch in anderen Klassikbereichen öfter solche entstaubten Umsetzungen wünschen.

In ähnlicher Perfektion, nun aber dem Temperament des Mandelring Quartetts eher gelegen, zeigt sich Felix Otto Dessoffs Streichquartett F-Dur op.7, ein Stück, das eher heiter stimmt und mit vielen "ironischen Seitenhieben" auf die Stücke des großen Kollegen Brahms gespickt ist. Hier stellt sich nun die Frage: Wer war Felix Otto Dessoff? In vielen - auch mehrbändigen - Exemplaren der Gattung Musiklexikon fehlt der Name Dessoff völlig, wie ich in eigenen Recherchen feststellen mußte.

Dabei ist die Leistung des Felix Otto Dessoff nicht gerade gering zu bewerten, bereitete er doch durch seine Arbeit mit den Wiener Philharmonikern den Boden für Dirigenten von Weltruf, wie zum Beispiel Leonhard Bernstein. Lassen wir den Brahms-Biografen Kalbeck zu Wort kommen, der dem Dirigenten Felix Otto Dessoff glücklicherweise einige ausführliche Zeilen widmet: Ihren Weltruf haben die Wiener Philharmonischen Konzerte in erster Linie Otto Dessoff und dessen energischer, zielbewußter Direktion zu verdanken. Der anfangs mit Mißtrauen bedachte und bespöttelte "kühle" Norddeutsche wußte dem oft allzu fahrigen und disziplinlosen Wesen der Orchesterrmusiker, von denen sich jeder mit Recht als Künstler fühlte, das erforderliche Gegengewicht zu geben [...]. (Kalbeck 1908, Bd.2 S. 20)

Kennengelernt hatten sich Dessoff und Brahms bereits in Leipzig am Konservatorium, nur dass sich im Bezug auf die Orchesterleitung Dessoff wesentlich schneller und weiter entwickelte als Brahms. Als Brahms 1862 Dessoff in Wien wiedertrifft, [war] aus dem vielversprechenden Konservatoriumsschüler, dem Brahms 1853 in Leipzig zuerst begegnete, [...] ein gründlich gebildeter, ausgezeichneter Musiker, aus dem strebsamen Jüngling ein ganzer, ihm an praktischer Erfahrung überlegener Mann geworden. Bei Dessoff ist der um zwei Jahre ältere Brahms noch einmal in die Schule gegangen. [...] [D]er unerschütterliche, seiner Sache völlig sichere Leiter großer Chor- und Orchestermassen, welcher wie die Inkorporation des "vollkommenen Kapellmeisters" in Oper und Konzert ihm leibhaftig vor Augen stand, blieb fortan sein Muster. (Kalbeck 1908, Bd. 2 S. 21)

Dessoff teilte bezüglich seiner Werke mit Brahms das Mißtrauen gegenüber dem eigenen Können derart, dass er Stücke lieber in der Schublade verschwinden ließ, als seinen Ruf in der Öffentlichkeit durch "minderwertige Kompositionen" aufs Spiel zu setzen. Und obwohl er ein Meister in der Leitung großer Ensembles war, hat er sich in der Komposition auf kammermusikalische Werke beschränkt. 1875 wechselte Dessoff von Wien nach Karlsruhe und widmete sich dort, auch durch intensiven Kontakt mit Brahms, dessen 1. Symphonie er dort uraufführte, wieder verstärkt dem komponieren eigener Werke.

Das vorliegende Streichquartett, 1878 fertiggestellt, ist in seiner freundlichen Schlichtheit ein angenehmer Zeitvertreib sowohl für die Musiker als auch für die Zuhörer. Hier und da kopiert Dessoff bewußt den Brahmsschen Stil, was dieser selbst mit sichtlichem Wohlwollen entgegengenommen hat. Trotzdem hat das Werk eigenständigen Charakter und erfährt meiner Ansicht nach viel zu wenig Beachtung in der Konzertwelt. Dem Mandelring Quartett und dem Projekt Vis-à-vis gebührt daher Dank, ein solches Schätzchen wieder ans Tageslicht geholt zu haben.

Einen kleinen Fehler hat das Konzept jedoch: im Vergleich zum Brahmsschen Quartett kann das Dessoffsche nicht bestehen. Leider wird auch nirgendwo im ansonsten ausführlichen Beiheft ein Hinweis darauf gegeben, warum ausgerechnet dieses anspruchsvolle Quartett von Brahms dem hübschen, aber eher anspruchslosen Quartett von Dessoff gegenübergestellt wird. Eine neue Konzeption bedarf meiner Ansicht nach einer stärkeren textuellen Begleitung, vor allem wenn es sich um "vergessene" Werke handelt. Ansonsten führt die Gegenüberstellung dazu, daß man versteht, warum der Brahms heute noch "gültig" ist und den Dessoff keiner mehr kennt. Darum meine Empfehlung: Wenn Sie sich diese CD leisten, hören Sie beide Stücke nur getrennt! Es würde dem Dessoff nicht gerecht, wenn er - wie auf der CD - nach einem solchen Brahmsschen "Überwerk" bestehen müßte.

Von Michael Gutmann




Johannes Brahms:
Streichquartett a-moll op. 51 Nr. 2

Allegro non troppo
Andante moderato
Quasi Minuetto, moderato
Finale, Allegro non assai



Felix Otto Dessoff:
Streichquartett F-Dur op. 7

Allegro ben moderato
Larghetto
Poco andantino
Allegro con brio



Mandelring Quartett

Sebastian Schmidt, Violine
Nanette Schmidt, Violine
Michael Scheitzbach, Viola
Bernhard Schmidt, Violoncello


Lotus Records
LR 9927CD


Da capo al Fine

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