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Allerlei Ausgefallenes läßt sich über den disco-center kassel beziehen, darunter auch CDs des ungarischen Labels Hungaroton, ehemals daß, was Eterna für die verflossenen DDR war, nämlich die staatlich verordnete CD-Presse. Kein Wunder, daß da auch viel vom nationalen Kulturgut, daß jenseits der Grenzen kaum beachtet wurde (und wird), auf LP gepreßt wurde - und inzwischen auf CD vorliegt. OMM testete zwei Aufnahmen mit ungarischer Chormusik, die nicht gerade brandneu, aber von der Werkauswahl interessant sind.

Ferenc (Franz) Liszt, in der Rezensionsgeschichte meist böse mißbraucht (sei es als Lieferant unzähliger Bravour- und Virtuosenstückchen zur Selbstdarstellung eitler Pianisten, sei es als Verfasser einer das Deutsche Volk in Blut-und-Boden-Kampf aufrichtenden Fanfare) hat eine Messe geschrieben, die es mit den hierzulande wohl weitaus häufiger in Konzerten gesungenen Messen des Kollegen Bruckner aus Wien locker aufnehmen kann. Das einstündige Werk, als "Missa Solennis" bezeichnet, besser aber als "Graner Messe" bekannt, überzeugt durch eine eigenständige, romantische Klangsprache und die Verschränkung der einzelnen "Sätze" durch übergreifende Motive - die gerade bei Messe-Vertonungen häufig anzutreffende Langeweile durch endlose Aneinanderreihung nichtssagender Floskeln, die irgendwie den Text auslegen sollen, wird durch die Großform verhindert. Ein bißchen Wagner schimmert auch durch; alles zusammen Grund genug, daß Werk aufs Programm zu setzen. Oder wenigstens die CD aufzulegen.

Da gibt es aber ein kleines Problem, zumindest mit der vorliegenden Aufnahme von 1976 des ungarischen Rundfunkchor und dem Symphonieorchester Budapest unter Leitung von János Ferencsik, der in Ungarn eine ähnlich verehrt wurde wie hierzulande Karajan: Die Aufnahme klingt wie ein Mitschnitt eines relativ schlecht einstudierten Konzertes. Die Solisten, besonders die Männer (György Korondy, Tenor; Jószef Gregor, Baß) sind indiskutabel; der Sopran von Veronika Kincses ausgenommen. Ansonsten ist man an klanglichen Feinheiten heute mehr gewohnt, als Chor und Orchester in dieser Aufnahme bieten.

Die zweite CD bietet Chorwerke von Béla Bartók: Insgesamt sechs Zyklen von Chorliedern, in Aufnahmen verschiedener Ensemble. Überwältigend ist der Einblick in das Chorschaffen Bartóks, den die Platte bietet, wobei die Qualität - sowohl der Aufnahmen als auch der Kompositionen - sehr unterschiedlich ist. Stimmgewaltige Männerchöre, gesungen mit der ganzen Kraft des Chores der ungarischen Armee, stehen da neben zarten "Dorfszenen", die im lieblichen Klanggewande des Mädchenchores der Stadt Györ in unseren Ohren doch ein wenig vertrauter klingen. Exzellent ist in jedem Falle die Gestaltung, die in großem Maße vom Klang der ungarischen Sprache mit ihren häufig synkopischen Rhythmen lebt - das ist wohl in dieser Form nur Muttersprachlern möglich. Den unerträglich pathetischen Zyklus "Aus alter Zeit", der vom Leid der Bauern erzählt, kann man ruhig überspringen (es sei denn, man schwärmt für marxistische Bodenreformen oder dumpfen Männerchorklang), besser man geht gleich zu "Sieben Liedern" oder eben den "Dorfszenen" über.

Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 1966 bis 1971 und wirken teils angestaubt, teils sehr frisch. Das Textheft liefert neben einem etwas dubiosen Einführungstext eine englische Übersetzung der Liedtexte, die leider manchmal sehr frei ist. Um den Stimmungsgehalt zu verstehen, reicht es aber allemal aus, die Musik spricht zudem für sich.

Ferenc Liszt: Missa Solennis
Veronika Kincses, Sopran; Klára Takács, Alt; György Korody, Tenor; József Gregor, Baß
Chor des Ungarischen Rundfunks, Einstud.: Ferenc Sapszon
Symphonieorchester Budapest
Ltg.: János Ferencsik
CD Hungaroton HCD 11861, erhältlich über disko-center kassel

Béla Bartók: Chorwerke
darin: Vier alte ungarische Volkslieder für Männerchor a cappella Sz. 50 (1910)
Aus alter Zeit Sz. 104 (1935)
Lieder aus Székely für sechsstimmigen Chor Sz. 99 (1932)
Männerchor der ungarischen Armee, Einstud.: István Kis
Dirigent: Zoltán Vásárhelyi
Ungarische Volkslieder für gemischten Chor a cappella Sz. 93 (1930)
Dirigent: Miklós Szabó
Slovakischer Philharmonischer Chor, Einstud.: Jan Maria Dobrodinsky
Drei Dorfszenen Sz. 79 für zwei Soprane, Chor und Kammerorchester (1926)
Dirigent: Antal Dorati
Laura Farago und Anna àdám, Sopran; Mädchenchor Györ, Einstud.: Miklós Szabó; Kammerorchester Budapest, Einst.: András Mihály
Sieben Chöre mit Orchesterbegleitung Sz. 103
Kammerchor der Franz-Liszt-Musikakademie, Einstud.: István Párkai; Symphonieorchester Budapest
Dirigent: Antal Dorati
CD Hungaroton HCD 31047, erhältlich über disko-center kassel

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