Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage CDs
Klassik
Zur OMM-Homepage Rock-Pop-Startseite E-Mail Impressum



Wolfgang Rihm:

Deus Passus



Deus Passus - ein gefährliches Unternehmen

Von Gordon Kampe

Passend zu den zahlreichen Feierlichkeiten des vergangenen Jahres 2000, in dem auch der 250. Todestag Johann Sebastian Bachs begangen wurde, beauftragte der künstlerische Leiter der Internationalen Bachakademie in Stuttgart, Helmuth Rilling, vier international renommierte Komponisten, Osvaldo Golijov, Tan Dun, Sofia Gubaidulina und Wolfgang Rihm, sich mit der Passionsgeschichte auseinanderzusetzen; den Versuchen zu unternehmen, eine Passion für das vergangene Jahrhundert zu schreiben. Eine sicherlich pathetische, aber auch zugleich aufregende Idee. Sicherlich, bedenkt man die einzigartigen Passionen Bachs, gerade für die Komponisten eine unglaublich schwierige Arbeit, denn bewusst oder unbewusst, an Bach kam niemand vorbei.

Wolfgang Rihm hatte sich die Passionsgeschichte nach Lukas zur Grundlage seiner Passionsvertonung, „Deus Passus“, gemacht, die mit Texten von Paul Celan kollidiert und so eine ständige Hinterfragung des biblischen Textes erlaubt bzw. erfordert. Durch diese Textgrundlage wird auch die Brücke geschlagen zwischen dem „leidenden Gott“ der Vergangenheit, dem der leidende Mensch der unmittelbaren Gegenwart an die Seite gestellt wird. Dieser dunkle, stets gefährliche Text, war Anlass genug für den aberwitzig produktiven und erfolgreichen Wolfgang Rihm, eine Passions-Musik zu schreiben, die von einer „bohrend-tiefen“ Grundstimmung ist. Beinahe durch das gesamte Werk zieht sich die düstere Stimmung, die in ihrem Tonfall insgesamt ein echter Rihm ist. Die seit den 80er Jahren bei Rihm zu beobachtende Materialverknappung, sicherlich maßgeblich durch Luigi Nono beeinflusst, tritt auch hier zu Tage. Wobei Rihm hier nicht die Musik zu kurzen Ereignissen verdichtet, sondern eine lineare Verknappung durch sich unendlich langsam bewegende Melodielinien schafft. Auch die Solopartien halten sich eher zurück, was die wenigen wirklich emotionalen Ausbrüche natürlich besonders gewaltig hervorhebt und so eine nachhaltige Wirkung erzielen lassen. Dramaturgisch und, im durchaus positiven Sinne gemeint, handwerklich vermag Rihm durch seine brillant düstere Musik zu überzeugen.

Wolfgang Rihm bezieht sich sehr häufig auf Bach, so im Einsatz des Chores, der nicht selten an die „Turbae-Chöre“ der Bach Passionen erinnert. Gerade durch diese Chortechnik mag fast zu einem Vergleich zwischen Rihm und Bach gezwungen werden, doch Rihms Chöre haben nicht annähernd dramatisch zerreissende Wirkungen wie die heftigen Ausbrüche bei Bach. Hinzu kommen einige melodische Floskeln oder choralähnliche Bach-Gesten. Und eben das scheint doch das Problem des Stückes zu sein: „Deus Passus“ spielt mit vergangenen Musiken, Assoziationen, und entledigt sich musikalisch so der im Libretto anwesenden Gegenwart. Rihm gibt dem Hörer ein Gerüst, lässt ihm das Stück durch die Bachschen Anspielungen vielleicht leichter nachvollziehen, doch es wird dem eigentlichen Anspruch, eine zeitlose Passion darzustellen oder besser, neu zu beleuchten, nicht gerecht. Musikalisch ist dem zitatähnlichen Verfahren an einigen Stellen nicht zu widersprechen, es fügt sich ein, ja, es klingt wunderschön, obwohl man beinahe geneigt sein mag, doch noch mehr vom angeblichen Bach zu hören, anderes klingt dabei wie falsche Töne. Am gelungensten erscheint der beinahe offen wirkende Schluss des Stückes, Celans „Tenebrae“, ein schon früher komponiertes und nachträglich in „Deus Passus“ eingeflochtenes Stück, das, schon wegen des glänzenden Chores, eine selten gehörte Intimität verströmt. Aber so reiht sich Rihms Passion in eine Reihe anderer Stücke ein, es hält nicht, was versprochen wird, nämlich eine Passion 2000, ein Jahrhundert-Werk ist es nicht. Vielleicht gibt Rihm selbst dem Stück nicht den Untertitel „Passion“, sondern „Passions-Stücke“, dieses nimmt etwas die Brisanz des Unternehmens.

Über jeden Zweifel erhaben ist aber die Aufnahme, mit Helmuth Rilling am Pult. Er schafft es, eine unnachgiebige Ruhe in das Stück hineinzutragen. Das Orchester hat Zeit zu atmen, in das Innere der feinen Klänge hineinzuhorchen. Auch das Ensemble steht ihm in Nichts nach, gerade Andreas Schmidts warmer Bariton schmiegt sich in die dunkle Stimmung hervorragend ein. Insgesamt also ein durchaus interessantes Stück, musikalisch bemerkenswert, wenn auch kein Meilenstein. Zweifellos ein Stück mit Zweifeln; es beantwortet keine Fragen, es wirft neue auf – und darin liegt ja auch ein Wert.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Cover


Wolfgang Rihm

Deus Passus
Passionsstücke nach Lukas

Juliane Banse, Sopran
Iris Vermillion, Mezzosopran
Cornelia Kallisch, Alt
Christoph Prégardien, Tenor
Andreas Schmidt, Bariton

Gächinger Kantorei
Bach-Collegium Stutgart

Ltg.: Helmuth Rilling

HÄNSSLER 98.397



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Rock-Pop-Startseite E-Mail Impressum
© 2001 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: cds@omm.de

- Fine -