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Olga Kern
plays Rachmaninov, Balakirev, Islamey

Kern-Repertoire, wundergleich gespielt


Von Markus Bruderreck

Sind Ihnen schon einmal große Komponisten im Traum erschienen? So etwas passiert wohl nur Vollblutmusikern und Künstlern, deren tägliches Brot der Umgang mit Musik ist. Die Pianistin Olga Kern träumte einst von der hageren, hoch aufragenden Gestalt von Sergej Rachmaninow und dessen großen Händen. Das ließ ihre Mutter am Ende vermuten, dass es mit den Exerzitien am Klavier doch wohl etwas zu viel des Guten war. Die traumhafte Inspiration allerdings hat Früchte getragen: Olga Kern ist zu einer fulminanten Rachmaninow-Interpretin geworden. Nicht nur ihre letzte CD mit den haarsträubend schweren Klavier-Transkriptionen des Komponisten zeugte bereits davon. Nun ist beim Label harmonia mundi usa, mit dem Olga Kern einen Exklusiv-Vertrag abgeschlossen hat, eine weitere CD mit russischer Musik des 19. Jahrhunderts erschienen.

Nicht nur Seltenheiten, sondern auch Bekanntes von Rachmaninow findet sich auf Olga Kerns neuer CD. Das Prélude cis-moll aus den Fantasiestücken op. 3 zum Beispiel. Es ist heute noch für Klavier-Eleven Fluch und Segen, die donnernden Parallelakkorde werden gerade noch bewältigt, der schwierige, bewegte Mittelteil fällt jedoch gerne unter den Tisch. Das prägnante Stück galt früher als das Markenzeichen Rachmaninows. In keinem seiner Soloabende durfte es fehlen – sehr zum Missvergnügen des Komponisten, der in einem Interview äußerte, das Prelude sei das größte Ärgernis in seinem Konzertleben. Sicher existiert Gehaltvolleres von Rachmaninow. Dass sich der Komponist der wechselnden Qualität seiner Werke durchaus bewusst war, dokumentieren nicht nur die Fantasiestücke, die Olga Kern eingespielt hat. Wie bereits dieses Jugendwerk aus dem Jahr 1890 hat Rachmaninow auch seine zweite Klaviersonate später stark überarbeitet: Er kürzte sie immens, verzichtete auf Bravourpassagen und setzte auf Klarheit und Prägnanz. Dennoch blieb die Sonate nahezu unspielbar, und man muss schon das Format einer Virtuosin wie Olga Kern besitzen, um die Schwierigkeiten des Finalsatzes überzeugend zu meistern.

Zeitschriften und Kritiker haben über die pianistischen Künste von Olga Kern und ihre junge Karriere bereits viel Enthusiastisches formuliert. „Die Musik mag die Kern wie einst die Kamera Greta Garbo“, hieß es etwa in der „Washington Post“. Auch der gewagte Vergleich mit Vladimir Horowitz ist immer wieder zu lesen. Der Aufschwung in Olga Kerns Werdegang kam mit dem Gewinn der Goldmedaille des elften Van-Cliburn-Wettbewerbes im Jahr 2001. Er verschaffte ihr Konzert-Einladungen in alle Welt; auch beim Klavier-Festival Ruhr konzertierte sie noch im gleichen Jahr. Nach elf gewonnenen Wettbewerben ist die 1975 geborene Pianistin, die heute in Moskau lebt, vollends in ihre Konzertkarriere eingestiegen. Zu ihrer musikalischen Heimat wurde das virtuose, russische Repertoire. Und so findet man auf Olga Kerns jüngster CD nicht nur Werke von Rachmaninow, sondern auch Beispiele anderer Komponisten, die für die russische Musik im 19. Jahrhundert prägend waren, etwa Anatol Liadov oder Mily Balakirev. Eine eher isolierte Gestalt war Sergej Taneyev – er hatte keinen Bezug zu der sich ausbreitenden, nationalrussischen Schule. Taneyev wurde als ausgezeichneter Lehrer geschätzt, der über ein immenses kompositorisches Können verfügte. In seinem Präludium, und vor allem in der sich anschließenden, rasanten Fuge seines Opus 29, kommt das besonders anschaulich zum Ausdruck.

Olga Kern besitzt Fähigkeiten, die man in dieser Zusammensetzung recht selten unter Pianisten findet, die sich hoch virtuosem Repertoire widmen. Wo andere noch mit der Bewältigung des Notentextes beschäftigt sind, glänzt sie mit einer absoluten Souveränität, die ihr viele musikalische Freiheiten erlaubt. Bei Werken wie der zweiten Rachmaninow-Sonate verliert sie zudem nicht die Übersicht und verleiht diesem Stück Zusammenhalt, Sinn und Format. Rachmaninow-Kompositionen spielt Olga Kern ebenso kantig und klar wie rhythmisch explosiv. Dass sie dabei auch die poetische Seite der Musik nicht außer Acht lässt, macht ihre Aufnahme so außergewöhnlich. Mehr als auf ihrer letzten Einspielung finden sich jetzt auch eher ruhige Stücke auf der neuen CD. Und wenn man aufgehört hat zu staunen über Kerns Virtuosität, entdeckt man hier noch einiges an Zwischentönen. Olga Kerns neue CD hat jedoch noch mehr Vorzüge. Ein wissenschaftlich fundiertes, ja geradezu weitschweifiges Booklet gibt Auskunft über Strömungen russischer Musik im 19. Jahrhundert. Auch in Punkto Aufnahmetechnik bleiben keine Wünsche offen – die Einspielung wurde übrigens in Kalifornien realisiert, in einem Studio des Star-Wars-Regisseurs George Lucas.

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Sergei Rachmaninov
Klaviersonate Nr. 2 b-moll op. 36
Morceaux de fantasie op. 3

Sergei Taneyev
Prelude & Fuge gis-Dur op. 29

Anatol Liadov
Prelude Des-Dur op. 57, 1
The Musical Snuff Box op. 32

Mily Balakirev
Im Garten
Islamey


Olga Kern, Klavier

harmonia mundi usa HMU 907399


Weitere Informationen
www.harmoniamundi.com






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