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Osvaldo Golijov
Yiddishbbuk

Christos Hatzis
awakening


Grenzüberschreitungen mit dem St. Lawrence String Quartet


Von Stefan Schmöe

Das kanadische St. Lawrence String Quartet widmet sich neben dem klassischen Repertoire intensiv „cross-over-Programmen“ mit zeitgenössischer, aber vergleichsweise publikumsnaher Musik. Ein gelungenes Beispiel dafür ist die bereits vor zwei Jahren aufgenommene CD mit Werken des in Argentinien geborenen und aufgewachsenen jüdischen Komponisten Osvaldo Golijov, der Klezmermusik ebenso verarbeitet wie den Tango in der Tradition Astor Piazzollas. Der 1960 geborene Golijov fasst diese Musik keineswegs folkloristisch, sondern als urwüchsige und der „modernen“ Musik gleichberechtigte Ausdrucksformen auf. In The Dreams and Prayers of Isaac the Blind für Klezmerklarinette und Streichquartett, dem umfangreichsten der hier eingespielten Werke, ist die jüdische Klezmer-Tradition allgegenwärtig, aber weniger als Zitat denn als konstituierender Bestandteil des musikalischen Satzes. An vielen Stellen reicht die Klangfarbe der Klarinette aus, um den Kontext festzumachen, in dem sich die Musik bewegt.

Golijovs Musik ist wegen ihrer „handfesten“, leicht nachvollziehbaren Wurzeln auch einem großen Publikum zu vermitteln; entscheidender aber ist, dass hier eine künstlerische Idee musikalisch überzeugend umgesetzt wird. In dieser Hinsicht problematischer ist die neueste CD des Quartetts mit zwei Werken des griechischen, inzwischen in Kanada lebenden Komponisten Christos Hatzis (geboren 1953). Wie bei Golijov, dessen (der CD den Titel gebendes) kurzes Stück Yiddishbbuk ein Gedenkstück für drei im KZ Theresienstadt umgebrachte Kinder, für den Schriftsteller Isaac B. Singer und für Leonard Bernstein ist und damit ein gewaltiges außermusikalisches Programm aufbaut, legt Hatzis einen bedeutungsschweren gedanklichen Überbau vor. Thema des ersten Quartetts mit dem Titel The Awakening ist die Zerstörung der Lebensgrundlagen, konkret für die kanadische Urbevölkerung, die Inuit.

Hatzis stellt dem Streichquartett ein Tonband gegenüber, auf dem im Wesentlichen Geräusche eines fahrenden Zuges und (kaum wahrzunehmende) Gesänge der Inuit aufgenommen sind. Das Fahrgeräusch des Zuges mit seinem mechanischen Vierviertel-Rhythmus wird vom Quartett übernommen und bildet den einen Grundrhythmus des Stückes – dafür allerdings wäre das Band, das kaum überzeugend in das Werk integriert und daher eigentlich überflüssig ist, nicht erforderlich gewesen. Dem zerstörerischen Affekt des Zuges setzt Hatzis eine ruhige Melodie des Cellos entgegen, die neoromantisch in einer aufsteigenden Sexte schwelgt und, so schreibt der Komponist im Booklet, Ruhe und Gleichgewicht in die überwältigende Komplexität der Moderne bringt. Ein paar Dissonanzen, Glissandi und ein Hauch für Cluster als schick klingendes Gewand für die böse moderne Zeit, ein paar filmmusikreife Motivchen als Ausdruck der Sehnsucht nach dem Göttlichen – da kratzt Hatzis nur an der Oberfläche.

Das zweite Quartett (ohne Tonband) ist in der Form, aber selbst in der Melodik (soweit man angesichts der kurzen Motive von einer solchen sprechen kann) eine Überarbeitung des ersten Quartetts, wirklich neue musikalische Ideen gibt es kaum. „Programm“ ist hier die Trauer und das Entsetzen über die Kriege im mittleren Osten und auf dem Balkan, aber die Musik ist zu pauschal, als dass man diese Idee in ihr wiedererkennen würde. Der collagenartige Charakter beider Werke, die Abschnitt an Abschnitt reihen, wirkt eher wie eine Folge von Hatzis' Schwäche, einen musikalischen Gedanken zu verarbeiten, als wie ein kompositorisches Programm. Für das (am Cello gegenüber der Golijov-CD neu besetzte) zupackend aufspielende St. Lawrence String Quartet bieten die Quartette schöne Möglichkeiten, die gesamte Ausdruckspalette zu zeigen. Dem hohen außermusikalischen Anspruch aber wird die dünne kompositorische Struktur nicht gerecht – daran ändert auch die erhoffte Popularität dieser Musik nichts.

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Osvaldo Golijov (*1960
Last Round
für zwei Streichquartette und Kontrabass

Lullaby and Doina
für Flöte, Klarinette, Kontrabass und Streichquartett

Yiddishbbuk
für Streichquartett

The Dreams and the Prayers of Isaac the Blind
für Klezmer-Klarinette und Streichquartett

St. Lawrence String Quartet:
Geoff Nuttall, Violine
Berry Shiffman, Violine
Lesley Robertson, Viola
Marina Hoover, Cello

Todd Palmer, Klarinette
Tara Hellen O'Connor, Flöte
Mark Dressler, Kontrabass

Ying Quartett
(in Last Round)

EMI 7243 5 57356 2 1






Christos Hatzis (*1953)
Streichquartett Nr. 1 "awakening"
für Streichquartett und Tonband

Streichquartett Nr. 2 "The gathering"


St. Lawrence String Quartet:
Geoff Nuttall, Violine
Berry Shiffman, Violine
Lesley Robertson, Viola
Christopher Constanza, Cello

EMI 7243 5 58038 2 5


Weitere Informationen
www.emiclassics.de
www.slsq.com






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