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Adriana Hölsky:
Kammermusik
Space


Das Ohr auf dem Glatteis!

Von Gordon Kampe

„Wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, beginnt man zu denken!“ Ein entscheidendes Statement der Komponistin Adriana Hölszky, deren frühe Werke – zumeist Kammermusiken in unterschiedlichsten Besetzungen – jetzt durch das Label MusiKado neu aufgelegt wird. Und wirklich, Hölszkys Musik bietet beim besten Willen kaum Anhaltspunkte, an die sich das Ohr getrost und gemütlich anlehnen kann: „[...] reich an Farben, nicht genormt, großzügig/Keim vom Klang/Klang als Negativ eines Fotos, völlig ausgesaugt/surrealistisch beleuchtete Farbquellen [...]“ So beschreibt Adriana Hölszky ihre eigene Musik. Sie verneint die Frage nach einem bestimmten Stil, den ihre Musik prägen will und doch beschäftigen sich ihre Werke immer wieder mit dem Thema der Verfremdung, der Wanderung des Klanges im Raum, einer vom Film beeinflussten Zeitauffassung und nicht zuletzt dem musiktheatralischem, einem Aspekt der beinahe alle Werke Hölszkys umfasst: vom Solo-Stück bis zur Oper, einem Gebiet auf dem sie in den letzten Jahren besonders große Erfolge verbuchen konnte.

Hölszky fügt ihren Werken umfangreiche Zeichenerklärungen und Erläuterungen bei. So finden sich z. B. in ihrem Streichquartett Hängebrücken an Schubert aus den Jahren 1989/90 rund 80 verschiedene Spielanweisungen, die teilweise noch miteinander kombiniert werden können. Diese Spielanweisungen sind größtenteils geräuschhafter Natur, die mit Tonhöhen angereichert werden. Im ganzen Streichquartett kommt nie ein „ordinario“ gestrichener Ton vor. Das auf der CD dokumentierte Streichtrio Innere Welten aus dem Jahr 1981, deutet schon stark auf das spätere Streichquartett hin: auch hier kommt der bis ins feinste Detail konzipierte Klang nie zur Ruhe, eine Hyper-Aktivität ergreift den Raum selbst durch die gewöhnliche Stereo-Anlage.

Für Hölszky ist, durch die intensive Beschäftigung mit elektronischer Musik, beim Umgang mit Stimmen oder Instrumenten eine Trennung der beiden Pole Geräusch und Ton, insbesondere bei ihrer Synthese im ihren Musiktheater-Werken, inadäquat geworden. Für sie hat jeder Ton eine Geräuschhülle. Das wird selbst in ihrem sehr frühen Stück Decorum für Cembalo-solo deutlich: obwohl dieses Instrument eigentlich gar nicht zur Erzeugung von Geräuschen geschaffen ist, sind die Texturen zuweilen so dicht, dass Einzel-Ereignisse nicht mehr wahrgenommen werden können und so fast der Eindruck von pulsierenden Geräuschflächen entsteht – aberwitzig virtuos und bohrend gespielt von Maria Graßmann.

Nicht nur Unterschiede zwischen Geräusch und Ton versucht Hölszky aufzuheben, auch Unterschiede zwischen Instrumentalisten, Sängern und Darstellern werden weitestgehend aufgelöst: Schon in ihrer ersten Oper, der Bremer Freiheit, ging es um jene Auslöschung der Trennung zwischen Instrumentalisten und Sängern. Hölszky führt die Idee eines Chamäleons an, das ständig seine Haut wechselt, so dass man ständig eine Klang- und Formerneuerung im gleichen Stück hat. Das Ziel der Aufhebung von instrumentalem und vokalem Spiel, entspringt ihrem Bedürfnis nach der totalen Einbeziehung des menschlichen Körpers in die Klangerzeugung. Es geht ihr immer um einen Gesamtklang, der aus verschiedenen Parametern besteht, so kann man ihre Musik als ein Netz- und Gitterwerk hochsensibler kammermusikalischer Strukturen beschreiben. Als auf der CD dokumentiertes Beispiel kann diesbezüglich das Sonett für Frauenstimme und zwei Gitarren herangezogen werden. Bereits in diesen recht frühen Werken ist Hölszkys Drang zu Verfremdung von musikalischem Material einerseits und ein Hang zu theatralisch-grotesken Elementen zu bemerken – so spürt man auch bei den rein kammermusikalisch konzipierten Musiken eine immanent theatralische Kraft – grandios und tollkühn interpretiert von Christina Ascher.

Eine ständige Unruhe macht sich bei fast allen Werken breit, der feste Boden wird dem Hörer wahrlich entrissen. Bei dem Streichorchesterstück Klangwerfer etwa, spricht schon der Titel für sich: wild gehetzte und verfremdete Streichergesten werden in den Raum geworfen. Zur „produktiven Verunsicherung“, wie Jörn-Peter Hiekel einmal schrieb, trägt auch schon Hölszkys erstes Orchesterwerk SPACE (versiert gespielt vom RSO Saarbrücken unter Dennis Russell Davies) bei: der Klang ist ständig in Bewegung, jagt durch den Raum, zappelt und zerrt an den Nerven des Hörers.

Nein, Adriana Hölszky macht es einem niemals leicht – und dafür gebührt ihr großer Dank in einer Zeit der handlich und mundgerecht verpackten Häppchen-Kultur. Respekt gebührt auch dem Label aulos Musikado, das es in wirtschaftlich angestrengter Situation wagt, gleich zwei CDs (wenn auch die Stücke allesamt keine Neu-Produktionen sind!) einer unbequemen Zeitgenössin auf den Markt zu bringen – möge es zur Irritation des Hörenden beitragen.


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Cover

Adriana Hölszky:
Kammerkonzert
Requisiten für neun Instrumentalisten
Quasi una fantasia für Oboe solo
Klangwerfer für zwölf Streicher
FLUX-REFLUX für Altsaxophon
Intarsien III für Flöte, Violine, zwei Klaviere

ars nova ensemble
(Ltg.: Werner Heider)
Amy K. Goeser, Oboe
Sinfonia Stuttgart
Ltg.: Wolfgang Hofmann
Peter Matejecke, Altsaxophon
Rheinisches Bach-Collegium


aulos Musikado AUL 66065





Cover

Adriana Hölszky:
SPACE

Space für vier Orchestergruppen
MISERERE für Akkordeon
Decorum für Cembalo
Nouns to nouns I für Violine
Innere Welten für Streichtrio
Sonett

RSO Saarbrücken
Ltg.: Dennis Russell Davies

Stefan Hussong, Akkordeon
Maria Großmann, Cembalo
Monika Hölszky-Wiedemann, Violine
Das Deutsche Streichtrio
Das Freiburger Gitarrenduo
Christina Ascher, Mezzosopran

aulos Musikado AUL 66064







Da capo al Fine

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