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Ludwig van Beethoven:
Pastorale (bearbeitet für Streichsextett)

Augusto Valente:
six to midnight


Noch eine Pastorale?
Beethoven in einer aufregenden Bearbeitung

Von Gordon Kampe

Ende des Jahres 2003 erscheint also wieder eine Aufnahme von Beethovens „Pastorale“ – das ist auf den ersten Blick wahrlich keine Sensation. Doch der zweite Blick überrascht und macht neugierig – fast schon nervös auf das Ergebnis: Das Kölner Streichsextett wagt sich an die Aufnahme einer historischen Bearbeitung dieses berühmten Werkes. Grund für die kammermusikalische Bearbeitung des Beethoven-Zeitgenossen Michael Gotthardt Fischer war die Verbreitung und Bekanntmachung des Werkes für ein größeres Publikum, was für heutige Zeiten keinerlei Rolle mehr spielt. Ein leichtes Naserümpfen des Puristen mag daher zunächst erlaubt sein: Bleiben all die orchestralen Farben auf der Strecke? Wie werden in der Szene am Bach die Vogelrufe dargestellt – wie sollen ein paar Streichinstrumente ein bedrohliches Gewitter heraufziehen lassen?

Schon nach dem ersten Hören sind diese Fragen bereits obsolet, darum geht es nicht mehr: wie in nur wenigen Aufnahmen mit Orchester, schafft das Kölner Streichsextett eine phänomenale Transparenz, eine unerhörte Durchhörbarkeit die ihresgleichen sucht! Besonders im Kopfsatz finden sich Stellen, die in der Original-Fassung von Orchestern zumeist lediglich als Füllstimme stiefmütterlich behandelt werden – in dieser kleinen Besetzung wird das Füllsel zum Hauptgegenstand und das ganze (unangetastete) polyphone Geflecht wird überhaupt erst wahrnehmbar. (Übrigens kein gutes Zeichen für bisher gehörte Orchester-Einspielungen!)

Die Musiker des Kölner Streichsextetts wagen durchgängig recht zügige Tempi, im zweiten Satz, der Szene am Bach, sind sie in der Tempowahl vielleicht sogar etwas zu zügig. Bemerkenswert auch, dass die Musiker erst gar nicht versuchen durch besonders große Geste und pastoses Spiel den üblichen Orchesterklang nachzuahmen, sie nehmen diese zumeist gelungene Bearbeitung sehr gelassen als ein Stück „gewöhnliche“ Kammermusik. Interessant und merkwürdig zugleich zu beobachten ist es, wie sich die erinnerten Orchester-Farben mit den real gehörten Klängen des Sextettes vermischen, man hört die Oboe trotz ihrer Abwesenheit. Wie mag das der unvoreingenommene Hörer wahrnehmen?

Michael Gotthardt Fischer hat wirklich durchgehend ein sehr gründliches und geschicktes Arrangement angefertigt, das die Substanz des Werkes auf erstaunliche Art und Weise von der Instrumentation auf die Satzstruktur verlegt. Problematisch jedoch wird hierbei nur der kurze vierte Satz: Donner und Sturm. Fischer kann mit der Vorlage nicht recht mithalten und scheitert an dem Versuch die orchestrale Kraft auf sechs Solo-Streicher zu verlegen: Er lässt die Streicher leider fast vier lange Minuten durchgängig tremolieren. Dieser Affekt, der eigentlich Aufruhr und Aufregung hervorrufen sollte, nutzt sich sehr leicht und schnell ab. So ruft der Gewitter-Satz kein beängstigendes und beklemmendes Gefühl hervor – es scheint eher die Karikatur eines sommerlichen Gewitterchens über Castrop-Rauxel zu sein.

Der abschließende Hirtengesang allerdings versöhnt wieder und alles in allem ist dieses Experiment durchaus hörenswert. Es macht die Ohren wieder frisch für ein Hören des Originals.

Selbstverständlich lässt es sich immer trefflich streiten, ob Bearbeitungen sein „dürfen“ und ob derlei Einspielungen überhaupt einen musikalischen Wert haben. Der Purist mag sich grämen und die CD nicht kaufen – der weniger gestrenge Hörer lauscht dieser ungemein quirligen Aufnahme des Kölner Streichsextetts mit Vergnügen, verzichtet aber nicht auf das Original!

Das Kölner Streichsextett lässt die Beethoven-Bearbeitung mit einem Sextett des zeitgenössischen brasilianischen Komponisten Augusto Valente kollidieren. six to midnnight sei, so der Komponist, „ein Streichsextett aus Glas und Lawinen.“ Die gläsernen Partien werden dabei durch hochzirpende Flageolettklänge dargestellt, Lawinen rollen in massierten Ton- und Clusterballungen einher. Nach einem spannenden Auftakt ermüdet das Ohr jedoch in immer gleicher Klanglichkeit: Irgendwann wirken auch Flageolettklänge nicht mehr durchsichtig hoch und massivere Klänge verlieren ihre Kraft. Insofern korrespondiert das Werk in seinem Scheitern ungewollt mit dem Gewitter-Satz der Beethoven-Symphonie. Leider stellt sich auch bei näherem Hinschauen kein Grund für die Kombination dieser beiden Stücke ein. Zwar sind sie (naturgemäß) sehr unterschiedlich, doch für einen krassen Kontrapunkt zum Beethoven, kommt Valente zuweilen mit zu großer romantischer Geste daher. Fast ist diese Kombination unfair gegenüber Valentes Sextett – denn es hat zweifellos funkelnd-irrisierende Momente und ist unbedingt hörenswert – doch welches Stück verliert gegenüber Beethoven nicht schon von Ferne an Gehalt und Tiefe?


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Cover

Ludwig van Beethoven:
Symphonie Nr. 6 „Pastorale“
Bearbeitung für Streichsextett
von Michael Gotthardt Fischer


Augusto Valente:
six to midnight


aulos Musikado AUL 66111







Da capo al Fine

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