Online CDs und DVDs
Klassik
Homepage  zurück  e-mail  Impressum



Carlos Kleiber
Rehearsal and performance (Probe und Aufführung)

„Es muss so gut werden, daß ich überflüssig werde."


Von Peter Bilsing

Eine für Musikfreunde generell, für Carlos-Kleiber-Fans im besonderen unverzichtbare Video-Scheibe legt nach langen Urheberrechtsquerelen jetzt die Firma ARTHAUS vor. „Bei der Arbeit beobachtet“ hieß eine ehemalige SDR-Fernsehreihe, in der berühmte Künstler aus der Klassik, u.a.: Sergiu Celibidache, Ferenc Fricsay, Hermann Scherchen, Georg Solti, Vaclav Neumann oder Giuseppe Sinopoli während diverser Proben und Aufführungen filmisch begleitet wurden – Zeitdokumente ohnegleichen. Diese Aufnahmen stammen aus dem Jahre 1970 und wurden anläßlich eines Konzertes des Südfunk-Sinfonieorchesters in der Stuttgarter Villa Berg gemacht. Im Zentrum stehen die Ouvertüren zu Webers „Freischütz“ und Strauß´ „Fledermaus“.

Carlos Kleiber war ein schwieriger Mann, als Exzentriker, Wahnsinniger oder Paradiesvogel verschrien. Sicherlich hatte er von jedem etwas – Genie und Wahnsinn liegen ja oft dicht beieinander. Mit diesen raren Aufnahmen des sehr öffentlichkeitsscheuen, aber während der Proben doch sehr beredten Dirigenten kann sich nun jeder sein eigenes Bild machen. Die Filme sagen auch viel über den Menschen Kleiber aus. Immerhin zeigen seine Kommentare, bei allem Charme und Zynismus, Humor und Zorn doch stets sein Bemühen, seine Musik in eben dem unübertroffenen Perfektionismus wiedergeben zu wollen, dessen Maßstäbe Kleiber so hoch anlegt, wie sie wohl kein Musiker dieser Welt erfüllen kann, wahrscheinlich der Komponist selber nicht. Und was schließlich herauskommt, sind zwar wirklich begnadete, in diesem Qualitätsanspruch bisher nie gehörte Aufnahmen - wiewohl den aufmerksamen Zuschauer immer noch irgendwie der Eindruck quält, daß der Maestro nur teilzufrieden ist und das Ideal dieses seines tiefkünstlerischen Gewissens doch nicht erreicht hat. Man beachte die Augen, schaue auf seine Mundwinkel! Je älter er wurde, desto mehr prägte diese Unzufriedenheit, diese Leiden unter dem Mangel an Perfektionismus vieler Orchester-Musiker auch sein Gesicht. Jens Malte Fischer spricht posthum nicht zu Unrecht vom „skrupulösen Exzentriker“.

Gerade in diesen Aufnahmen kann man exemplarisch (Bilder sagen mehr als Worte, obgleich deren auch viele fallen) Kleibers innere Verzweiflungskämpfe wahrnehmen, wo immer es nicht nach seinen Vorstellungen läuft. Da kämpft, ringt ein Dirigent um Seelen. Den filmischen Beobachtungen entspringt beim ersten Anschauen sofort ein Gedanke: Hier versucht ein Genius städtischen Beamten echte, wahre Musik zu entlocken; versucht Herzen aufzubrechen und an Ideale zu appellieren. Ein Prozess ähnlich dem, einem steinernen Komtur wieder glutvolles Leben einzuhauchen oder Steine im Orpheus´schen Sinne zum Weinen zu bringen. Sinnlose Plage – Müh ohne Zweck? Das sollten sensible Ohren und Augen selber entscheiden.

Zwar ist die Bildqualität nahe am Hobbyformat eines Super-8-Urlaubsfilms, also grottenschlecht, aber die Tonqualität noch historisch zufriedenstellend. Was soll´s. Man ist ja froh, überhaupt Material von diesem sensiblen und öffentlichkeitsscheuen Künstler, einem der vielleicht größten Dirigenten aller Zeiten zu haben. Doch lassen wir ihn selber sprechen und ich kommentiere, was der Leser nicht sehen kann:

„Brausen Sie ein bißchen. Es ist wahrscheinlich zu kalt hier, oder?“ Zur Empfindsamkeit der Blechbläser, die ihm nur schwer folgen: „Seien Sie doch mal etwas unehrlicher, etwas sinnlicher!“

Nachdem ihn nicht wenige Orchestermitglieder wie die sprichwörtlichen Pfingstochsen ratlos anschauen: „Ihr Stakkato ist nicht fesch genug. Sie spielen, als wenn sie Übergewicht haben; spielen Sie, als werben Sie um eine imaginäre schöne Frau – Sie kitzeln diese Frau bisher ein wenig zu fest!“

Optisch scheinen solch Äußerungen und die steten Wiederholungen manchen der Altherrenriege – Damen sucht man vergebens - schier in den Wahnsinn zu treiben, man steht kurz vor einer Explosion der Gemüter…welch durchlittene Seelenpein…wenn da nur das Fernsehen nicht wäre! „Tschuldigens, ich möchte das genießen.“ Kurze Pause: „Dazu ist man ja da!“ Flötensüß – Sekunden später: „Sie auch !!“ Das sitzt. Manchmal pflegte er eine sehr klare Sprache, so wie hier zu den Flöten: „Sie helfen uns nicht sehr!“

„Sie haben – soll nicht böse gemeint sein – ein bißchen zuviel Dienstliches an dieser Stelle. Spielens so, als wenn jemand durchbricht“ - [er meinte wohl durchbrennt] - „mit der Kasse zum Beispiel.“ Beim Anblick der versteinerten Gesichter „Bitte mehr Freude im Vibrato….so wie beim Heurigen.“ Geringfügig leichtes Aufhellen. „Ich will, daß Sie diese Krokodilstränen spielen…ist ja auch echt…bei Frauen sind diese Krokodilstränen immer echt! Der Tenor wartet doch schon.“ Jetzt hat er sie; Gelächter in burschikoser Männer-Seligkeit! „Ich sehe Sie haben´s…vor allem, wenn man so mit Ihnen spricht!“ Da lacht der Maestro und ist kurzzeitig zufrieden.

Doch bevor Kneipenfröhlichkeit eintritt: „Stakkato ist sehr schwer. Spielen Sie ein richtiges Stakkato – ein nadeliges…eher stakkatissimo!“ Später zum Finale: „Dieses Fortissimo sollte ein ehrliches sein!“ Grübelnde Gesichter. „Vielleicht sagt mancher von Ihnen: Bei Strauß so ein Fortissimo? Dezentes Nicken. „Aber warum nicht?“


Carlos Kleiber wahrt jedoch stets die ihm eigene Wiener Höflichkeit, ohne in Schmäh auszuarten. Gelegentlich zeigte der gebildete und hochintelligente Maestro auch charmantem Witz mit Verständnis und Selbstironie; dabei erscheint es nicht nur als Formalie, wenn er sich permanent entschuldigt. „Entschuldigens, daß ich permanent unterbreche…gerade an Stellen, wo man wirklich weiterspielen möchte. Aber auf dem Spiegel draußen ist ein schönes Portrait:. Ein Geiger will einen Dirigenten umbringen!“ Der Maestro grinst fast schadenfroh. „Aber seien Sie vorsichtig, ich bin immer bewaffnet!“ Erlösendes Lachen. „Wir spielen jetzt durch bis zum Schluß – ich unterbreche mal nicht.“ Leise und fast in sich murmelnd: „Zumindest nehm ich mir´s vor.“ Dann folgt ein atemberaubender Schluß der mittlerweile schon legendären Fledermaus-Ouvertüre im irrwitzigen Tempo. Überirdisch! Das ist Kleiber – so war er. Schlusszitat und Primat seiner Orchesterschwerarbeit: „Ich will eigentlich gar nichts, ich will, dass Sie was wollen.“

Kleibers Dirigierstil ist einmalig. Manchmal hat man als Zuschauer den Eindruck, als wäre der Stab mit ihm verwachsen. Der Dirigent bewegt ihn, wie die Wünschelrute eines Wassersuchenden, die emphatisch und sehr sensibel auf die Wellen und Wogen der Musik reagiert. Was für ein echtes Ton-, Bild- und Zeitdokument! Kleiber ist nicht mit den beiden anderen Perfektionisten, die mir in diesem Zusammenhang einfallen, George Szell und Arturo Toscanini, vergleichbar. Toscanini war ein Exzentriker dessen „werktreue“ Aufnahmen durch Notenpräzision auch heute noch bestechen, seinem Ärger machte er spontan und ungehobelt Luft, was gnädigenfalls im Zerbrechen des Dirigierstabes endete, ungnädigenfalls auch mal in Tätlichkeiten. George Szell war ein Probenwahnsinniger und Orchestererzieher, der es durch seine Akribie (Tägliche Proben!) und Toscanini-ähnliche Notentreue schaffte, das ehemals mittelprächtige Orchester von Cleveland zu einem der weltbesten Klangkörper zu formen. Beider Welten waren von Anfang an festgesteckt.

Während Kleiber ein ewig Suchender gewesen ist, der unabhängig von Orchester und Stück, Oper oder Konzert, stets seine Vorstellung der perfekte Seele der Musik mit quasi göttlichem Odem in seine Musiker einhauche wollte. Wenn es gelang (Tristan, Wozzeck, Fledermaus - pars pro toto) wurden die Aufnahmen zu Legenden ewiger Einmaligkeit. Aber mit welchen Opfern, Aufwand und unter heutiger Sicht: welch völlig irrationalen Forderungen und Produktionsbedingungen. Heute gehe ich in Konzerte, da gab es gerade einmal eine Durchlaufprobe oder schlimmer noch in der Oper (Wien ist da ein Paradebeispiel): Der Maestro fliegt morgens ein und mit dem Spätflieger am Abend wieder zurück.

Wer sich mehr mit diesem Phänomen, diesem außergewöhnlichen Menschen und musikalischen Magier beschäftigen möchte, dem seien unbedingt zwei Bücher empfohlen: Carlos Kleiber – Der skrupulöse Exzentriker (Jens Malte Fischer, Wallstein 2007) und Carlos Kleiber – Eine Biografie (Alexander Werner, Schott 2007). Mehr darüber finden Sie hier.

Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)




Carlos Kleiber
Rehearsal and performance (Probe und Aufführung)

Südfunk-Sinfonieorchester
Ouvertüren zu Die Fledermaus von Johann Strauß
und Der Freischütz von Carl Maria von Weber
Laufzeit: 102 Minuten
Sprache: Deutsch
Untertitel: GB, F, SP, IT
Dolby Digital Mono / Bild 4:3
27,- Euro
Arthaus 101 062


Weitere Informationen
www.arthaus.de





Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Rock-Pop-Startseite E-Mail Impressum

© 2008 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: cds@omm.de

- Fine -