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Hans Rott
Sinfonie Nr. 1 E-Dur u.a.



Ein Waggon voller Dynamit

Von Claus Huth

Oktober 1880, auf der Zugfahrt nach Mülhausen im Elsass: Ein Passagier schickt sich an, sich eine Zigarre anzuzünden, als ein Mitreisender seine Pistole zieht und kundtut, Johannes Brahms habe den Waggon mit Sprengstoff füllen lassen, weswegen keine Zigarre anzuzünden sei. Als Folge kommt jener Mitpassagier zunächst in die Psychiatrische Klinik, dann in die Niederösterreichische Landes-Irrenanstalt, wo er – nach etlichen Selbstmordversuchen – im Juni 1884 25-jährig einer Tuberkulose erliegt. Über diesen Mann sagte niemand geringeres als Gustav Mahler (nach den Erinnerungen von Natalie Bauer-Lechner): „Was die Musik an ihm verloren hat, ist gar nicht zu ermessen; zu solchem Fluge erhebt sich sein Genius schon in dieser Ersten Symphonie, die er als zwanzigjähriger Jüngling schrieb und die ihn - es ist nicht zu viel gesagt - zum Begründer der neuen Symphonie macht, wie ich sie verstehe. Allerdings ist das, was er wollte, noch nicht ganz erreicht. Es ist, wie wenn einer zu weitestem Wurfe ausholt und, noch ungeschickt, nicht völlig ans Ziel hintrifft." Sein Name: Hans Rott.

Nachdem die Musikwelt seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts kontinuierlich die Sinfonien Gustav Mahlers entdeckte, die inzwischen aus dem Konzertleben nicht mehr wegzudenken sind, steht seit den 90er Jahren hier und da auch die 1.Sinfonie dieses 1858 bei Wien geborenen Komponisten auf den Programmen. Einige Aufnahmen sind greifbar. Das Stück, das Werk eines etwa zwanzigjährigen Komponisten, entstand zwischen 1878 und 1881. Es ist zweifellos kein Meisterwerk: Zu sehr treten Unsicherheiten Rotts, der in derselben Kompositionsklasse wie Gustav Mahler komponierte, hervor. Die Orchestrierung ist nicht immer geschickt in der Bevorzugung des schweren Blechs, das tendenziell an den lauten Stellen immer dazu neigt, wichtige Figuren und Motive in den Holzbläsern und Streichern niederzudrücken. Das Triangel, dessen hellen Klang andere Komponisten der Romantik bewusst nur an ausgesuchten Stellen verwandt haben, ist beinahe ebenso unermüdlich im Einsatz wie die drei Pauken. Unverkennbar sind auch viele Vorbilder, die der junge Komponist in seiner Musik direkt verarbeitete: Der Beginn des ersten Satzes könnte eins zu eins in Wagners „Lohengrin“ stehen, eine launische Fuge aus der Mitte des Satzes würde sich auch im Ambiente der „Meistersinger“ gut machen, im Schlusssatz steht die Finallösung aus Brahms 1. Sinfonie ebenso deutlich Pate wie der Wagnersche „Feuerzauber“ in den Schlusstakten. Wagner, Schumann, Brahms, Bruckner: Der Musikfreund könnte diese Sinfonie als eine Art Detektivaufgabe hören, bei der es gilt, den jeweiligen Einfluss möglichst genau zu benennen.

Wenn nicht von dem Stück ein ganz eigentümlicher Sog ausgehen würde, der alles eben Gesagte vergessen lässt; zumal wenn man berücksichtigt, dass es sich um den sinfonischen Erstling Rotts handelt. Aller Eklektizismus, der dieser Partitur zu eigen ist, entspringt doch dem feurigen Geist eines ganz zweifellos begabten jungen Mannes – auch der so oft schon genannt Gustav Mahler hat nicht von vornherein Genialisches geschrieben. Und nur der bedauerliche Umstand des frühen Todes Rotts verhinderte, dass es zu einer Entwicklung kam, die möglicherweise ganz ähnlich wie die Mahlers gelaufen wäre. Das jedenfalls liegt seine Sinfonie, deren Scherzo Mahler besonders gut gekannt haben muss (Anklänge, ob bewusst oder unbewusst, befinden sich insbesondere in Mahlers 1., 2. und 5. Sinfonie), nahe. Was hätte aus diesem Komponisten werden können!

Wer sich ein Bild davon machen will, hat seit kurzem eine ausgesprochen preiswerte und musikalisch sehr gelungene Möglichkeit. Beim Label Arte Nova/BMG ist eine mit dem Bayerischen Rundfunk gemeinsam entstandene Studioaufnahme mit dem Münchner Rundfunkorchester entstanden. Am Dirigentenpult stand der momentane Chefdirigent des Gran Teatre del Liceu in Barcelona, Sebastian Weigle.

Er legt mit der Aufnahme eine Visitenkarte seiner Fähigkeiten ab, die auf mehr Aufnahmen mit dem Musiker hoffen lässt. Es gelingt ihm, das Orchester so anzuleiten, dass all die oben genannten Probleme zwar nicht geglättet oder beschönigt, aber doch immer überzeugend gelöst werden. So findet er für die Blechbläser die richtigen Lautstärkegrade, damit sie an den – nicht wenigen – lauten Stellen des Stückes die Streicher und Holzbläser nicht zu sehr zudecken. Das Triangel erklingt dezent und nicht allzu aufdringlich, so dass man sich seiner Dauerpräsenz erst bei mehrfachem Hören bewusst wird. Weigle hat ein ebenso treffliches Gespür für die Tempi, die diese Musik braucht wie er die Charaktere der einzelnen Abschnitte, die teilweise ähnlich abrupt nebeneinander stehen wie in der Sinfonik Mahlers, hervorragend erfasst. Wer das Naturbild am Anfang des vierten Satzes hört, wird bezaubert sein – und ganz vergessen, dass es im Schlusssatz von Mahlers 2. eine teuflisch ähnliche Passage gibt. Den architektonisch gewaltigen letzten Satz, hat Weigle ohnehin hervorragend im Griff: Die Spannung hält sich über den Scheinschluss, der ungefähr in der Hälfte des Satzes steht und schnell auch so auftrumpfend dirigiert werden kann, dass alles, was danach folgt, unlogisch erscheinen muss. Weigle leistet mit dem Orchester in jeder Hinsicht hervorragende Arbeit, die sich in unzähligen Details der Aufnahme niederschlägt. Er nimmt die Partitur ernst und zeigt sie, wie sie ist: Als das feurige Werk eines feurigen, aber unerfahrenen Talents. Schön zu lesen, dass er sich in dieser Spielzeit auch in einigen Konzerten der Sinfonie Rotts annimmt.

Weigle steht ein Orchester zur Verfügung, das man in der Form dieser Einspielung zu den herausragenden deutschen Klangkörpern zählen muss: Das Münchner Rundfunkorchester, das hier in allen Gruppen Außergewöhnliches leistet und die vielen Schwierigkeiten der Partitur (wohl erstmals in der diskographischen Geschichte des Werks) souverän meistert. Die beweglichen Streicher, die von den sphärischen Klängen des Anfangs bis zum heftig akzentuierten Spiel im Scherzo immer die Übersicht behalten, das prachtvoll runde, dabei niemals zu laut klingende Blech und die feinen Holzbläser, die in der Instrumentation zwar oft im Hintertreffen sind, aber an bestimmten Stellen (etwa dem erwähnten Anfang des vierten Satzes) mit trefflichen Sololeistungen glänzen können, sie alle sind mit Hingabe bei der Sache und spielen Rotts gipfelstürmende Sinfonie mit der Begeisterung, als handele es sich tatsächlich um ein absolutes Gipfelwerk. Die Beigaben – ein Orchestervorspiel in E-Dur (ganz nett, aber eher belanglos) und „Ein Vorspiel zu Julius Cäsar“ (interessant, dass das Hauptthema dem ersten Thema der Sinfonie deutlich verwandt ist) – sind nicht minder engagiert interpretiert. Sie leiden allerdings ein wenig darunter, dass sie erst nach der erschlagenden Sinfonie auf die CD gepresst wurden – eine andere Reihenfolge ist ja immerhin programmierbar. Den Tontechnikern des Bayerischen Rundfunks gelang im eigenen Studio eine präsente, rund klingende und doch durchhörbare Aufnahme, deren warmer Klang die Vorzüge von Interpretation und Orchester klar herausstellen.

Wie eine Ohrfeige sollte diese Einspielung allerdings für die Verantwortlichen beim Bayerischen Rundfunk sein, die just in der Zeit der Veröffentlichung die Auflösung des Münchner Rundfunkorchesters beschlossen haben. Oder wie ein mit Dynamit beladener Zugwaggon. Ganz egal wer ihn beladen hat.


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Hans Rott
Sinfonie Nr.1 E-Dur
Orchestervorspiel E-Dur
Ein Vorspiel zu Julius Cäsar

Münchner Rundfunkorchester
Sebastian Weigle, Dirigent


Aufnahmedatum: 4.-7.12. 2003
Spielzeit: 67:08
Arte Nova/BMG Classics



Weitere Informationen
Hans Rott
Arte Nova/BMG Classics





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