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Chick Corea
Children’s Songs   

20 Miniaturen im neuen Klang-Kleid

Von Michael Schäfer

Eigentlich ist es heute ja schon wieder uncool, von Crossover zu sprechen. Irgendwann wurde es schick, sich in der Region zwischen Jazz und E-Musik zu tummeln, Grenzen munter hin und her zu überschreiten. Crossover nannte man das, in Rundfunkprogrammen irgendwann zwischen 23 Uhr und 2 Uhr nachts angesiedelt. Bald machte es jeder. Und das erzeugt Überdruss.

Das Blue Chamber Quartet aber ist nicht jeder, auch wenn sein Konzept auf den ersten Blick Verwandtschaft mit Crossover haben könnte. Das Quartett besteht aus vier „klassischen“ Musikern. Sie fanden sich im Jahr 2005 zusammen, um Musik jenseits von Orchesterdiensten und Kammermusikabenden zu machen. Je zwei der Musiker sind in Wien und in Göttingen angesiedelt: Vibraphonist Thomas Schindl, im Hauptberuf Schlagzeuger und Pauker bei den Wiener Symphonikern, und die Wiener Harfenistin Angelika Siman, die sich neben ihrer klassischen Ausbildung auf Jazzharfe konzentriert hat, dazu die Göttinger Pianistin Julia Bartha, ausgebildet bei Karl-Heinz Kämmerling in Hannover und Homero Francesch in Zürich, und der Kontrabassist Holger Michalski, seit 1983 beim Göttinger Symphonie Orchester, der schon vor seinem Fachstudium seine Neigung zum Genre jenseits der Klassik in Jazz- und Fusion-Formationen bewies. Ihr Kontakt datiert aus Schindls Zeit als Solo-Pauker beim Göttinger Symphonie Orchester von 2002 bis 2007.

Schindl gibt diesem Quartett aus Klavier, Harfe, Vibraphon und Kontrabass das musikalische Futter, denn er ist der Arrangeur. Angefangen haben sie mit Stücken aus dem klassischen Repertoire, etwa Prokofjews Toccata op. 11, die in Schindls Quartett-Arrangement die Schweißtropfen des reinen Pianisten-Virtuosenstücks verliert. So kann sich der rhythmische Impuls und die motorische Energie in mitreißender Spielfreude entfalten. Und besonders reizvoll ist der klangfarbliche Wechsel, den diese Besetzung mit sich bringt.

All das sind beste Voraussetzungen auch für eine Musik, die aus dem Jazz selbst stammt. Chick Coreas 20 „Children’s Songs“ hat das Blue Chamber Quartet jetzt eingespielt, nachdem es einzelne Stücke daraus schon in Konzerten gespielt hatte. „Wir sind lange damit schwanger gegangen“, berichtet Michalski. 2007 haben sie den Plan zur Gesamtaufnahme gefasst. Geschrieben hat Corea die Stücke zwischen 1971 und 1980. Der Komponist hat als Quellen für seine Inspiration Bartók, Beethoven, Miles Davis, Bill Evans und Charlie Parker genannt, dazu südamerikanische und spanische Folklore. Er möchte in seiner Musik, wie es in einer Pressemitteilung des Schott-Verlags von 1984 heißt (dort ist eine Notenausgabe für Klavier solo erschienen: ED 7254), „die Einfachheit und Schönheit, wie sie sich im kindlichen Geist darstellen, wiedergeben“. Ihr vergleichsweise einfaches Notenbild täuscht: Rhythmisch-metrische Finessen sind die Würze in der nur scheinbar schlichten Melodik.

Genau dort setzt Schindl mit seinem Arrangement ein. Er unterlegt den Melodiestimmen ein vielfältig strukturiertes rhythmisches Muster, das hier und da auch nach Art der minimal music zu changieren beginnt, leise vor sich hin funkelt und pulsierendes Leben in den Untergrund bringt. Auf dieser Basis können sich die Bilder entfalten – in immer wieder unkonventionellen Klangfarben, wenn etwa das Vibraphon mit dem Bogen gestrichen wird oder der Kontrabass zum Schlagzeug avanciert. Das ergibt 20 ausgesprochen individuelle Miniaturen, die ein Musikwissenschaftler wahrscheinlich Charakterstücke nennen würde (womit er die Wirklichkeit übrigens ziemlich genau trifft). Mit großer Präzision und enorm viel Spannung gestalten die vier Musiker – zu denen als Gastsolist der Perkussionist Sven von Samson gehört – diese Miniaturen, entwerfen mit wenigen Strichen einprägsame Stimmungsbilder. Literarisch nachgezeichnet sind die musikalischen Bilder in kurzen Texten, die die Journalistin Cathrin Kahlweit dem Booklet beigegeben hat: 20 Szenen der Kindheit aus 20 Ländern der Erde, in wenigen Zeilen knapp umrissen, dennoch von suggestiver Kraft.

Klanglich ist die Hybrid-Multichannel-Aufnahme (produziert von Günter Pauler in Northeim) perfekt, atmosphärisch dicht, sehr präsent, auch in zweikanaliger Wiedergabe stets präzise zu orten. Die „Children’s Songs“ machen Appetit auf weitere Aufnahmen dieses ungewöhnlichen Quartetts, das sich Zeit nimmt für seine Produktionen, lieber auf Qualität als auf Quantität setzt.



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und-wieder-sprach-der-rodenstein

Blue Chamber Quartet:
Children’s Songs, composed by Chick Corea

Gesamtspielzeit 43:26

SACD (Hybrid: auch auf CD-Player abspielbar)

P + C Stockfisch Records
Stockfisch SFR 357.4067.2

Weitere Informationen:


Da capo al Fine

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