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Globale Nationalkultur

Johannes R. Becher hätte am 22. Mai 2001 seinen 110. Geburtstag zu feiern gehabt. Und daß der begabte Expressionist und später gut funktionierende Kulturminister des jüngeren deutschen Staates später von den DDR-Oberen derart instrumentalisiert wurde, daß er in Schülermund Johannes R. Brecher genannt wurde, kann man ihm nicht vorwerfen. Im Literaturlexikon findet sich unter seinem Werkverzeichnis der lakonische Eintrag "Nationalhymne, 1949".

Geschichte von Hymne und Text der DDR sind wahrhaft dialektisch: Erst schrieb Becher einen Text über ein Land, was sein sollte, was es aber nicht gab ("Deutschland einig Vaterland"), dann hatte das Land eine Hymne, deren Text nicht gesungen wurde und schließlich sind heute das Land und seine Hymne wieder im Nichts versunken. Tja, das kommt davon, wenn man die Philosophie Hegels auf die Füße stellen will, denn in dessen dialektischer Logik fällt bekanntlich "das Nichts mit dem in seiner Abstraktion völlig unbestimmten reinen Sein zusammen" (so belehrt uns jedenfalls ein philosophisches Wörterbuch).

Das gilt leider auch für die Sammlung "The Complete National Anthems of the World" deren Einspielung das Slovakische Radiosymphonieorchester unter Leitung von Peter Breiner besorgt hat. Denn die Hymne der DDR ist mitnichten enthalten. Also ein großes Manko: Wo bleiben die Hymnen untergegangener Staaten? Nun, vielleicht wird in Bratislava schon ein Supplement einstudiert; oder wie wäre es mit einem jährlichen Update mit Ergänzungen neuer Staaten und Streichungen (Bedarf dürfte bestehen, man denke an die Entwicklungen auf dem Balkan und an den Treibhauseffekt)?

Doch sonst bleibt kaum ein Wunsch offen: Die 6 CD mit den insgesamt rund 300 Hymnen finden in einer angemessen billig gestalteten Box reichlich Platz und das Beiheft geizt nicht mit Informationen über Komponisten und Texte. Hätten Sie's gewußt: Ymesi O. Ezekiel (1926-1984) schrieb die Musik, die 1980 zur Hymne von Palau erklärt wurde, bereichert durch Textzeilen wie

"Palau ist stark im Kommen mit Stärke und Macht
Und bleibt bei seiner Weise jede Stunde."

Insgesamt sechseinhalb Stunden bloß Hymnen - von Dschibuti, Mikronesien, Vanuatu und den Komoren beispielsweise, und eben auch von dem ganzen Rest der Welt, aber das ist ja langweilig - das schafft kein Rezensent. Doch immerhin ein Eindruck: Endlich wieder ein Sampler mit subtiler politischer Botschaft! Denn alle Hymnen sind gleich schlecht. Jedenfalls in dieser Einspielung: uninspiriert, konventionell und lieblos. Aber den meisten geschieht's wohl recht. Als weiterer demokratischer Faktor kommt die einfache alphabetische Reihenfolge hinzu. Leider hat sich kein billiger Chor gefunden, der noch die Texte einstudiert hätte, deshalb sind alle Hymnen bloß in der Orchesterversion zu hören.

Übrigens: 2006 ist wieder Fußballweltmeisterschaft hierzulande. Mit dieser Sammlung kann man schon mal die Hymnen der Länder einstudieren, gegen die die deutsche Nationalmannschaft schon in der Vorrunde den kürzeren zieht. Um dann aus Ruinen wieder aufzuerstehen. Oder die Box benutzen, um zwei Dosen Bier unterm Arm ins Stadion zu schmuggeln.

Von Tilman Lücke

Cover


The Complete National Anthems of the World



Slovak Radio Symphony Orchestra
Ltg.: Peter Breiner




Marco Polo
8206001


Da capo al Fine

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