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Fidelio


Oper in zwei Aufzügen
Text frei nach dem Französischen des J.N. Bouilly
von Joseph Sonnleithner und Georg Friedrich Treitschke
Musik von Ludwig van Beethoven

Premiere an der Komischen Oper Berlin am 6. November 1997
Rezensierte Vorstellung am 11. November 1997
von Anja Fasch




Hoffnung als work in progress


Gleich zu Beginn Irritation: vielleicht ist dies doch nicht die Vorstellung sondern nur eine Opernprobe? Auf der Bühne Sänger in Alltagskleidung, konzentriert auf Stühlen sitzend und in ihren Partituren aufmerksam die Seiten umschlagend, an der hinteren der unverputzten Opernhausmauern ein Flügel ebenfalls mit aufgeschlagenen Noten, wie gerade von der Repetition verlassen oder jederzeit zu einer solchen nutzbar. Es schien der Form halber wohl naheliegend, das einzige und mehrmals umgearbeitete Opernwerk Beethovens, Fidelio, welches auf eine Entstehungsgeschichte von insgesamt vier Leonore-Ouvertüren zu drei verschiedenen Opernfassungen zurückblickt, als Wiederholungsspiel eines ewig unfertigen work in progress aufzuführen. Doch was vermeintlich naheliegt, muß nicht in jedem Falle angemessen sein: ob diese Verweigerungshaltung gegenüber einer abgeschlossenen Darstellung auch der musikalischen Form und der in ihr transportierten Inhalte gerecht wird, bleibt fraglich.

Zunächst jedoch stellt diese Situation eine echte Herausforderung für die Sänger dar, denn da es auf der Bühne nicht viel zu gucken gibt, gilt ihnen nun die ungeteilte Aufmerksamkeit. Tatsächlich gelingt die Bildwerdung der Personen dank der für eine Opernaufführung seltenen schauspielerischen Leistungen der Sänger. Mit Interpretationsschwerpunkt auf die opéra comique werden die Charaktertypen des Revolutionsstückes entlang von Gegensatzpaaren entrollt: Die Heldin Leonore alias Fidelio und der Opportunist Rocco, Pizarro der Tyrann und Florestan das Gewaltopfer, die romantisch liebende Marzelline und der abgewiesene Freier Jaquino. Leonore überzeugt als zivilcouragierte Revolutionärin mit sicherer Stimmgröße. Die zweite Dame im Spiel fällt nur hinsichtlich der Lautstärke, keinesfalls aber im musikalischen Ausdruck der teilweise sehr schwierigen aber sicher gemeisterten Stimmführung zurück. Mit entrückender Zartheit gelingt im ersten Aufzug der Kanon von Leonore, Rocco, Marzelline und Jaquino, so daß in der scheinbaren Einsamkeit der unterschiedlichen Texte der Sänger, die scheinbar introvertiert ihre Sorgen offenbaren, eine musikalisch vermittelte Harmonie und Tröstung stattfindet. In diesem inspirierten Quartett fällt es denn auch wenig auf, daß der Tenor seinem Part in den Höhen kaum noch nachkommt. Zweifelhafte Absichtlichkeit der Inszenierung eines Grobians: Mit der Intonierung, besonders beim Einsatz, nimmt es der Gouverneur nicht so genau und brüllt seine Arien in der Folge rauh und gewalttätig in den Opernraum. Nur bei dieser Figur nimmt sich denn auch die moderne Alltagskleidung gewollt allegorisch aus: Mit Anzug, Krawatte, Aktentasche und silbriger Vierkantbrillle soll er den Typus des autoriären Machthabers darstellen und sieht dabei ganz wie ein Westimperialist aus...so mag sich das Spiel des Bösen innerhalb der gut gemeinten Utopie inmitten wankender Weltbilder wohl heute an einer "Ost-Berliner" Opernbühne darstellen.

Allmählich entsteht im Spiel zwischen Despotie und Freiheit durch die konsequente Konzentration auf Harmonie zwischen Inhalt und musikalischer Gestaltung ein Zusammenhang: Die ewigen Brandmauern der Komischen Oper, der omnipräsente Wächtergang, auf dem im Schatten der Scheinwerfer die Diener der Unfreiheit ihren beobachtenden Gang tun, die in der Kerkerszene herabgelassene monströse Scheinwerfervorrichtung, welche ein einziges Mal auf bedrückende Weise Veränderung in der räumlichen Erstarrung des Bühnenbilds schafft, verweisen auf ein allerdings vortrefflich gelungenes Instrument der Bühnengestaltung: dem Licht, welches als drittes Element neben dem sehr präzise arbeitenden Orchester und den Sängern die Nuancen zwischen Hoffnung und Resignation unaufdringlich und darum gerade wirksam ableuchtet. Die Versinnbildlichung einer nur in der Unerreichbarkeit vollkommenen Erfüllung von Hoffnung und Utopie machen demnach das work in progress plausibel, wenn, wie an der Komischen Oper geschehen, das musikalische Werk selbst entgegen vieler anderslautender Einschätzungen als abgeschlossenes Opernwerk seine Anerkennung erfährt.

Obwohl der Chor das kaum noch singbare Finale mit Bravour meistert, zwischen Schreien und Erstickung schwankend Gott und die Hoffnung zum guten Ende doch noch auf die Erde holt und über den Orchestergraben in das von so viel gottseliger Beethoventotalität überwältigte Publikum schmettert, wäre es einem beinahe lieber gewesen, es hätte gleich von Anfang an eine historisierte Aufführung mit viel Augenschmaus stattgefunden - oder aber der Chor hätte seine Botschaft dezenter, z.B. aus dem Bühnenhintergrund, hervorgejubelt, und somit dem zu Beethovens Zeiten wohl noch auf jene Weise lösbare Projekt Hoffnung die nötige Offenheit des ansonsten glaubwürdig modernisierten alten Stoffes ermöglicht.


FAZIT:

In der Aufführung werden weniger im Fidelio enthaltenen Singspielelemente bedient oder gar die bürgerliche Gattenliebe besungen, als vielmehr Revolutionsspiel und Rettungsoper herausgearbeitet: Zuweilen mit erhobenem Zeigefinger, dafür jedoch unmißverständlich werden einem die Guten und Bösen vorgeführt. Die Sänger und das Orchester realisieren das in der Schauspielhaus-Tradition stehende realistische Musiktheater und wenden alle Ausdruckskunst an, um musikalisch einfühlsam und sorgfältig, vor allem aber durch die eindringliche Personenführung überzeugend, ein allerdings nicht über jeden Zweifel erhabenes Lehrstück der Moderne zu präsentieren.



Musikalische Leitung
Vladimir Jurowski

Inszenierung
Harry Kupfer

Kostüme
Reinhard Heinrich

Dramaturgie
Eberhard Schmidt

Choreinstudierung
Peter Wodner

Lichtdesign
Franck Evin


Solisten

...rezensierte Be-
setzung unterstrichen...


Don Fernando, Minister
Werner Hahn /
Raimund Nolte

Don Pizarro, Gouverneur
Jürgen Freier /
Alexander Polakovs

Florestan, Gefangener
Albert Bonnema /
Michael Rabsilber

Leonore, seine Gemahlin
Miranda van Kralingen /
Marilyn Schmiege

Rocco, Kerkermeister
Matthias Hölle /
Peter Rose

Marzelline, seine Tochter
Brigitte Geller /
Anna Korondi

Jaquino, Pförtner
Andreas Conrad /
Daniel Kirch

1. Gefangener
Daniel Kirch /
Christoph Späth

2. Gefangener
Hans-Jörg Bertram /
Johannes Schmidt /
Klemens Slowioczek



Chorsolisten der
KOMISCHEN OPER

Mitglieder des
Ernst-Senff-Chores

Orchester der
KOMISCHEN OPER





Weitere Aufführungen

November '97: 28.
Dezember '97: 14., 25.,
Januar 1998: 7., 27.,


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